Küsnacht

Wasseramseln verschwinden aus dem Küsnachter Tobel

Nur gerade drei Wasseramsel-Paare brüteten heuer im Küsnachter Tobel. Das sind so wenig wie noch nie seit Beginn der Zählungen vor gut 30 Jahren. Über die Gründe lässt sich indes nur spekulieren.

Das Küsnachter Tobel ist immer weniger die Heimat der Wasseramseln. Die Gründe dafür dürften vielfälltig sein.

Das Küsnachter Tobel ist immer weniger die Heimat der Wasseramseln. Die Gründe dafür dürften vielfälltig sein. Bild: Michael Trost

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Abrupt hält Johann Hegelbach in seinem flotten Schritt durch das Küsnachter Tobel inne. Behände schnallt er sich das Fernrohr vom Rücken. Sein Blick ist dabei unentwegt auf eine Stelle im Dorfbach gerichtet. Bald entdeckt dort auch das ungeübte Auge, was das Interesse des Ornithologen auf sich zieht: einen dunkelgrauen Vogel mit charakteristisch weissem Bauchgefieder. Es ist dies eine Wasseramsel, die auf einem aus dem Wasser ragenden Ast sitzt.

«Wahrscheinlich ein Männchen», sagt Hegelbach. Die Farbkombination der beiden Metallringe am Fuss des Vogels wird ihm die Vermutung bestätigen: Durch sie lässt sich das Tier eindeutig identifizieren. Hegelbach selber hat es als Junges einst beringt – wie auch viele andere Exemplare der Spezies.

Denn: seit 1987 erforscht er, Biologe der Universität Zürich, die Wasseramsel-Populationen der Schweiz. Nach derjenigen in Küsnacht schaut der inzwischen Pensionierte noch einmal in der Woche. Und dabei hat er dieses Jahr eine markante Beobachtung getätigt: «Nur noch drei Paare brüteten hier.»

Schlechte Wasserqualität

Drei Brutpaar, das entspreche zehn Jungtieren, sagt Hegelbach. Zum Vergleich: «2010 sind im Küsnachter Tobel 120 Wasseramseln geschlüpft.» Die Entwicklung hat sich indes abgezeichnet. Auf der von Hegelbach verfassten Statistik zeigt das Jahr 2016 einen regelrechten Einbruch der örtlichen Populationsgrösse. Mit weniger als zehn gezählten Brutpaaren waren die Werte erstmals wieder so tief wie seit den frühen Neunzigerjahren nicht mehr. Sie erholten sich im weiteren Verlauf auch kurzfristig nicht mehr, sondern nahmen stetig weiter ab.

«2010 sind im
Küsnachter Tobel 120 Wasseramseln geschlüpft. Heuer sind es noch 10.»
Johann Hegelbach, Ornithologe

Warum dem so ist – darüber mag der Experte nur spekulieren. Für wahrscheinlich hält er einen Zusammenhang mit der Wasserqualität. Diese sei im Küsnachter Dorfbach eine der schlechtesten von allen Fliessgewässern im Kanton. «Das hat mit dem Zulauf des Zumiker Chleiweidlibachs zu tun», sagt Hegelbach.

In jenen wiederum strömte bis vor kurzem das Abwasser der dortigen Kläranlage – und damit einiges an Phosphat und anderen organischen Verbindungen. Die Anlage soll demnächst rückgebaut werden – dies im Rahmen des Zusammenschlusses der Abwasserreinigung von Zumikon mit derjenigen von Erlenbach und Küsnacht.

Leibspeise seltener

Die niedrige Wasserqualität wiederum wirke sich auf das Nahrungsangebot der Wasseramseln aus. Bevorzugt würden sie Larven von Zweiflüglern, Eintags- und Köcherfliegen fressen. «Diese Insekten stellen aber alle hohe Ansprüche an die Sauberkeit des Wassers», erklärt Hegelbach. Da sie entsprechend seltener in dem Bach auftreten, müssten die Wasseramseln stattdessen mit Bachflohkrebsen oder Wasserasseln Vorlieb nehmen. «Doch deren chitinhaltiger Panzer macht sie zu einer wenig nahrhaften Ersatznahrung», führt der Ornithologe aus.

Zu Besuch bei den Wasseramseln im Küsnachter Tobel mit Experte Johann Hegelbach. Foto: Michael Trost

Zudem trage die höhere Konzentration von Nährstoffen im Wasser zu einer stärkeren Algenbildung bei. «Das erschwert den Wasseramseln die Nahrungssuche», erklärt Hegelbach, «da diese im strömenden Wasser unter Steinen ihr Futter hervorholen.» Einen ähnlichen Effekt habe auch die Bautätigkeit am Abflussstollen für den neuen Kläranlagen-Verbund bewirkt – sei durch sie doch viel Sand in den Dorfbach gelangt.

Allerdings sei der Abfluss aus der Kläranlage nicht per se schlecht für die Wasseramseln. «Er ist stets wärmer als der Dorfbach», sagt Hegelbach. Dadurch stelle er eine Quelle von zwar minderwertiger, aber immerhin ganzjährig zur Verfügung stehender Nahrung dar. Andrerseits sei auch der Küsnachter Dorfbach selber stark belastet. Dies durch die landwirtschaftliche Tätigkeit rundum.

Viele Faktoren

Doch die Gewässerbelastung durch Landwirtschaft und Kläranlage bestehe nicht erst seit drei Jahren. Hegelbach hält darum auch artinterne, von der Umwelt weitgehend unabhängige Gründe für möglich, die den drastischen Rückgang der Wasseramseln ausgelöst haben. Auch die rege Betriebsamkeit im Tobel mit den zahlreichen Spaziergängern und Hunden sei ein möglicher Störfaktor für die Wasseramseln.

«Es kommen wohl viele Aspekte zusammen», resümiert Hegelbach. Entsprechend biete sich auch nicht eine einfache Massnahme gegen die Entwicklung an. «Dramatisch ist die Situation zwar nicht», sagt er, «da die Wasseramsel nicht gefährdet ist.»Aber mit ihr würde gleichsam ein Glied aus dem Ökosystem verschwinden und damit dieses in ein Ungleichgewicht geraten.

Erstellt: 09.08.2019, 17:07 Uhr

Wasseramsel

Ein Taucher ohne Schwimmhäute

Die Wasseramsel gehört wie die «gewöhnliche» Amsel zur Ordnung der Sperlingsvögel, jedoch nicht zur selben Familie und Gattung. Erstere ist mit ihren gut 18 Zentimetern Körpergrösse denn auch etwas kleiner; zudem weist ihr dunkelgraues Federkleid eine markante weisse Bauchzeichnung auf.

Männchen und Weibchen lassen sich von Auge kaum unterscheiden. Wasseramseln leben an Fliessgewässern; ihre Nester bauen sie bevorzugt im geschützten Bereich hinter Wasserfällen. Dort brüten sie zwischen Februar und Mai meist zweimal. Von den vier bis sechs Jungen je Gelege überlebt meist nur jedes Zweite bis Dritte, die anderen fallen etwa Krähen, Graureihern oder Sperbern zum Opfer.

Für die Nahrungssuche tauchen die Wasseramseln bisweilen bis 1,5 Meter, um unter Steinen nach Kleinstlebewesen zu suchen. Sie haben keine Schwimmhäute; unter Wasser kommen sie mit Bewegungen der Flügel voran. (and)

Artikel zum Thema

Der Vogel des Jahres profitiert vom Wasser der Zumiker Kläranlage

Küsnacht Die Wasseramsel wurde von Birdlife Schweiz zum Vogel des Jahres gekührt. Im Bezirk Meilen findet man die tauchenden Singvögel an verschiedenen Stellen. Ein guter Beobachtungsort ist zum Beispiel das Küsnachter Tobel. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles