Männedorf

Was man kennt, macht weniger Angst

Das Spital Männedorf bietet zweimal im Jahr kostenlose öffentliche Führungen für Kinder an. Spielerisch lernen diese den Krankenhausalltag kennen.

Um Kindern die Angst vor Spitalbesuchen zu nehmen, bietet das Spital Männedorf Führungen an.

Um Kindern die Angst vor Spitalbesuchen zu nehmen, bietet das Spital Männedorf Führungen an. Bild: Michael Trost

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Mit grossen Augen bestaunen die acht Kinder den Krankenwagen und hören Ruth Maurer gar nicht mehr zu. Sie ist seit achtzehn Jahren Hebamme und eine Leiterin der Kinderführung im Spital Männedorf. Gerade erklärt sie den Kindern, was es für verschiedene Transportmöglichkeiten in Notfällen gibt. Ziel der Führungen ist es, den Teilnehmern die Angst vor dem Spital zu nehmen und ihnen Vorgänge und Geräte näher zu bringen. So sollen Spitalbesuche für alle Beteiligten einfacher und reibungsloser ablaufen.

Trotz Faszination für das Fahrzeug schauen sie sich nur gegenseitig an, als der Rettungssanitäter die Fünf- bis Zehnjährigen auffordert, zu ihm in den Krankenwagen zu steigen. Erst als zwei mutige Jungs die Treppe zum blinkenden Monitor und der Trage hinaufsteigen, folgen ihnen die anderen Kinder zögerlich. Der Rettungssanitäter erklärt, warum und wie eine Infusion gelegt wird und was der Monitor alles anzeigt. «Das kann ich auch!», ruft ein Junge begeistert und streckt sein Handgelenk mit einer Smartwatch in die Höhe. Seine Nervosität hat sich plötzlich gelegt. Eine der Mütter, die das Geschehen beobachtet, schüttelt schmunzelnd den Kopf.

Die Kinder lernen die Maschine, um Gipse aufzusägen, am eigenen Leib kennen.

Die Angst ablegen

Die Trage, mit welcher die Notfallpatienten transportiert werden, wird mit Skepsis begutachtet. Doch nachdem das erste Kind per Knopfdruck sicher ein- und ausgeladen worden ist, schnellen bei der Frage, wer als nächstes dran sei, plötzlich alle Hände nach oben. «Das war so cool!», sagt ein Mädchen anschliessend strahlend. Auch auf der Notfallstation staunen die Kinder mit schüchterner Zurückhaltung, als ihnen von ‹Schoggilachgas› und ‹Zaubersalbi› erzählt wird.

Später lernen sie die angsteinflössende Maschine, um Gipse aufzusägen, am eigenen Leib kennen. Nur ein paar ganz Mutige halten die Hand hin und spüren, dass die rotierende Klinge lediglich kitzelt. Das Fingerpiksen im Labor geht den Kindern dann aber doch zu weit. Lieber schauen sie echtes Blut durch ein Mikroskop an und erkennen beeindruckt die «Polizisten», wie eine Spitalmitarbeiterin zuvor die weissen Blutkörperchen genannt hat. Auch die Mütter haben Freude: Sie fotografieren ihre Kinder, die wie kleine Wissenschaftler aussehen. «Das schicken wir heute Abend dem Grosi», sagt eine Mutter zu ihrem Sohn.

Ein einzigartiger Einblick in die Radiologieabteilung.

Auf der Radiologieabteilung angekommen, trauen sich Einzelne, die schweren Röntgenwesten anzuziehen, die ihnen viel zu gross sind und bis zum Boden reichen. Sogar das älteste Mädchen der Gruppe läuft unter dem Gewicht rot an und ist sichtlich erleichtert, als die Leiterin Ruth Maurer ihr die Weste wieder abnimmt. Maurer erklärt der Kinderschar, dass Röntgen wie Fotografieren der Organe und Knochen sei und überhaupt nicht weh tun würde. In der Physiotherapie üben die Kinder sich an der Beinpresse und stellen stolz fest, dass sie ganze 20 Kilogramm gestemmt haben. Dass der Physiotherapeut, der den Müttern wissend zugrinst, etwas nachgeholfen hat, bemerkt glücklicherweise keines der Kinder.

Auf der nächsten Station geraten die Mütter beim Anblick des neugeborenen Babys im viel zu grossen hellblauen Strampler ins Schwärmen. «Ich möchte auch wieder so eins», sagt eine der Frauen wehmütig und in den nächsten Minuten diskutieren sie über Schwangerschaften und das Gewicht der eigenen Kinder bei der Geburt. Was das Baby für eine Augenfarbe habe, fragt ein Junge die frischgebackenen Eltern. Die Mutter erklärt ihm, dass man dies erst später erkennen würde. «Aber hoffentlich meine!», sagt der Vater lachend, der strahlend blaue Augen hat.

Die kleinen «Wissenschaftler» betrachten die Blutkörperchen unter einem Mikroskop.

Informationen vom Chefarzt

Nach einem tränenreichen Zvieri, weil eines der Kinder laktoseintolerant ist und das traditionelle Weggli mit Schoggistängeli nicht essen kann, werden Kinder und Eltern aufgeteilt. Während die Kinder dank Zuckerschub neue Energie für ein Tastspiel haben, gibt es für die Mütter zum Schluss eine Elterninfo. Während dieser wird zum Beispiel über verschiedene Anästhesiemethoden und Sozialurlaub informiert und wie man sich verhalten sollte, wenn das eigene Kind ins Spital muss. Es wird davor gewarnt, die eigene Angst auf das Kind zu übertragen. Der Chefarzt Anästhesie und Intensivmedizin Sven Staender erzählt, dass manche Eltern nervöser als ihr Nachwuchs seien. Mit einem liebevoll gemeinten «Ich hoffe, ich sehe Sie nie wieder» verabschiedet sich Staender lächelnd. Und sollte dies doch einmal der Fall sein, so sind jetzt Kinder und Eltern hoffentlich darauf vorbereitet. Voller neuer Eindrücke verlassen die Kinder teils hüpfend, teils müde auf dem Arm der Mutter das Spital.

Erstellt: 13.09.2019, 13:31 Uhr

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