Regierungsrat

Was ist dran am «Fehrgleich»? – Die Zahlen

Regierungsrätin Jacqueline Fehr kritisiert die Seegemeinden. Stimmen ihre Aussagen wirklich? Sieben Statistiken geben Antworten.

«Die Seegemeinden sind Regionen, wo wenig passiert und wo es wenig Innovation gibt.» Die Kritik von Jacqueline Fehr sitzt – und erzürnt Politiker der Seegemeinden. Fehr trifft offenbar einen wunden Punkt, wenn sie sagt: «Im Gegensatz zu einem Winterthurer schaut beispielsweise ein Meilemer aus seinem Fenster und sieht noch immer mehr oder weniger das Gleiche wie vor zwanzig Jahren.» Doch stimmt wirklich, was Fehr sagt? Sechs Grafiken zeigen, wie sich der Kanton Zürich in den letzten zwanzig Jahren entwickelt hat:

1. Das Bevölkerungswachstum
2008 durchbrach Winterthur die magische Grenze von 100‘000 Einwohnern und reihte sich damit in die illustre Runde der Schweizer Grossstädte ein. Zwischen 1997 und 2017 wuchs Winterthur um fast 27 Prozent von 87000 auf 110000 Einwohner. Das sind gigantische Zahlen. Stellt man die Wachstumsraten jedoch ins Verhältnis zu den Einwohnerzahlen, liegt manche Seegemeinde vor Winterthur. Prominent zu nennen ist dabei etwa Uetikon, das im selben Zeitraum um 44 Prozent gewachsen ist, knapp dahinter Männedorf. Aber auch Richterswil, Stäfa oder Meilen sind prozentual stärker gewachsen als Winterthur. Kantonsweiter Spitzenreiter ist übrigens Lufingen im Zürcher Unterland. Dort haben sich die Einwohnerzahlen in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt.

2. Die Zahl der Wohnungen
«In Dietikon, Wallisellen oder Winterthur-Hegi verändert sich das Ortsbild und die Zusammensetzung der Bevölkerung alle fünf Jahre komplett», argumentiert Jacqueline Fehr. Das ist nachvollziehbar: Denn wo mehr Menschen leben, gibt es auch mehr Wohnungen. Doch ein Blick in die Statistik zeigt, dass auch hier die Spitzenreiter des Wohnungswachstums nicht unbedingt in den Ballungszentren liegen. Im Unterland oder im Bezirk Affoltern steigt die Zahl der Wohnungen stärker.

3. Die Bevölkerungswanderung
Und noch eine Statistik zur Zusammensetzung der Bevölkerung: Die Wanderungsbilanz gibt Auskunft darüber, wo Menschen hinziehen und wieder wegziehen. Weil Geburten und Todesfälle in dieser Statistik weggelassen werden, zeigt sich in der Statistik in gewisser Hinsicht auch, wie beliebt eine Gemeinde ist. Waltalingen etwa hat in den vergangenen 20 Jahren pro 1000 Einwohner gesamthaft fast 50 verloren. In Winterthur hingegen ist die Wanderungsbilanz positiv: Auf 1000 Einwohner sind von 1997 bis 2017 170 Einwohner dazugekommen. Die Seegemeinden allerdings sind in dieser Statistik durchaus beliebter: 230 pro 1000 Einwohner gewann so etwa Rüschlikon in den vergangen zwanzig Jahren. In Wädenswil war der Zustrom von neuen Köpfen deutlich geringer.

4. Neue Köpfe
Wo viele Kinder leben, gibt es viele Primarschüler. Reihenweise werden in den Städten neue Schulhäuser gebaut. Diesen Sommer wurden etwa in Winterthur-Hegi neue Klassenzimmer eingeweiht. Doch das Schülerwachstum ist prozentual in Winterthur nur Mittelmass. Am See hingegen sind die Schülerzahlen vor allem in den Gebieten nahe der Stadt Zürich stark wachsend. Andere Seegemeinden – wie etwa Uetikon am See – haben stark schwankende Schülerzahlen. Dort ist das Wachstum nicht so ausgesprägt.

5. Soziale Wohlfahrt
Die Kosten für die Sozialausgaben steigen in allen Gemeinden des Kantons Zürich seit Jahren massiv an. Jacqueline Fehr argumentiert, dass das Verständnis für den Soziallastenausgleich gerade in den Seegemeinden nicht sehr gross sei. Ein Blick auf die Karte zeigt: Im Kanton Zürich geben die Grossstädte Zürich und Winterthur besonders viel Geld pro Einwohner für die soziale Wohlfahrt aus. Weit vorne im Ranking ist allerdings auch eine Zürichsee-Gemeinde: Horgen mit 1050 Franken pro Kopf. Die Gemeinden mit den tiefsten Ausgaben sind übrigens klassische Landgemeinden wie Dättlikon, Dinhard oder Schönenberg.

6. Finanzausgleich
«Breitere Schultern tragen mehr. Die Seegemeinden profitieren ja hauptsächlich von ihrem Standort. Da gibt es nichts, was sie besser machen als andere. Ihre Potenz ist also leistungsunabhängig. Über dieses Glück dürfte man durchaus demütig sein», meint Jacqueline Fehr. Die Grafik zeigt: Seegemeinden müssen dafür äusserst grosszügig sein beim Finanzausgleich. Alleine Küsnacht wird im nächsten Jahr 100 Millionen Franken abgeben. Die Statistik zeigt die gesamthaft berechneten Finanzausgleichsbeiträge pro Einwohner aus den Jahren 2013 bis 2017.

7. Steuerkraft
Die Zürichsee-Gemeinden ziehen zahlungskräftige Steuerzahler an. Das ist eine Tatsache, die sich statistisch belegen lässt. Die Zürcher Statistik zeigt auch: Je näher an der Stadt Zürich die See-Gemeinden sind, umso höher ist tendenziell die Steuerkraft.

Conradin Knabenhans
(zsz.ch)

Erstellt: 10.12.2018, 18:24 Uhr

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