Wahlen

Was Frauen von der Politik fernhält

Der Frauenanteil geht in den Gemeinderäten am rechten Zürichseeufer zurück. Doch woran liegt das? Parteipräsidenten und eine scheidende Gemeindepräsidentin schildern ihre Erfahrungen.

Auf diesen Wahlplakaten auf dem Zumiker Dorfplatz sind nur Männer zu sehen.

Auf diesen Wahlplakaten auf dem Zumiker Dorfplatz sind nur Männer zu sehen. Bild: Michael Trost

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Seit Einführung des Frauenstimmrechts haben erst vier Gemeindepräsidentinnen im Bezirk Meilen gewirkt: Elisabeth Kopp in Zumi­kon, Ursula Gut-Winterberger in Küsnacht und Heidi Kempin in Männe­dorf (alle FDP). Die vierte ist die scheidende Zolli­ker Gemeindepräsidentin Katharina Kull-Benz. Die FDP-Politikerin ist seit 12 Jahren Gemeindepräsidentin und war zuvor 16 Jahre in der Schulpflege, davon 12 Jahre als deren­ Präsidentin. Auch im Kantonsrat politisiert sie seit 2003 und seit 2015 ist sie Kirchenrätin.

Dass es ab der nächsten Legis­latur keine Gemeindepräsidentin im Bezirk Meilen mehr geben wird, weckt bei ihr eine ge­wisse Wehmut. «Ich bedauere das ausser­ordent­lich», sagt sie. «Gemischte Teams arbeiten effizienter.» Kull-Benz leitet nicht nur die Geschicke ihrer Gemeinde, sondern zuletzt auch die Bezirkskonferenz der Gemeindepräsidenten. Über ihre männ­lichen Kollegen, die sie scherzhaft die zehn Könige nennt, weiss sie indes­ nur Gutes zu berichten. Sie sagt aber auch, dass dieses Gremium anspruchsvoll zu leiten gewesen sei.

Besser als in den 80ern

Benachteiligt hat sich Kull-Benz während ihrer politischen Laufbahn wegen ihres Geschlechts nicht gefühlt, wie sie betont. «Fehlende Akzeptanz oder Achtung habe ich in all den Jahren nie gespürt, was sicher auch mit eigenem Einsatz und Auftreten zusammenhängt.» An eine Situa­tion kann sie sich dennoch erinnern: Ein Vater wollte bei Besprechungen mit der Schulpräsidentin jeweils noch einen männ­lichen Schulpfleger dabei haben. «Er hatte religiöse Gründe», schildert die Politikerin die Situa­tion und ergänzt, dass der Mann sich dann aber bei ihr bedankt ­habe, als seine Kinder die Volksschule abgeschlossen hätten. Zu den Gründen, weswegen dieses Jahr wieder weniger Frauen bei den Kommunalwahlen antreten, vermutet Kull-Benz: «Viele Frauen haben heute Familie und Beruf, da fehlt die Zeit für ein wei­teres Engagement in der Politik.» Schliesslich seien gerade die jungen Frauen untervertreten.

Sie rät ihren Geschlechts­genossinnen, für den Einstieg in die Kommunalpolitik erst einmal eine Behörde wie die Rechnungsprüfungskommission, die Bau­behörde oder die Schulpflege zu wählen. «In der Schulpflege können Schulbesuche tagsüber erledigt werden, wenn die Kinder in der Tagesbetreuung sind», sagt sie. Das sei im Gemeinderat anders. Es habe sich aber auch vieles für die Frauen zum Positiven verändert, ist Kull-Benz überzeugt: «Zu meiner Anfangszeit in den 80er-Jahren war es schwierig, Fami­lie und Beruf ohne Tagesstrukturangebot unter einen Hut zu bringen.» Ausserdem sei die Akzep­tanz für berufstätige Mütter noch gering gewesen.

«Viele Frauen wollen nicht»

Ein Blick auf die Parteizugehörigkeit der aktuellen Kandidatinnen zeigt, dass das Geschlechterverhältnis je nach Partei sehr unterschiedlich ist. Am niedrigsten ist der Anteil der Bewerberinnen für Gemeinderatssitze bei der SVP mit nur knapp über zehn Prozent. «Wir fördern Frauen, wo wir können, aber allein die Tat­sache, eine Frau zu sein, ist keine Qualifikation», sagt Chris­tian Hur­ter, Präsident der SVP des ­Bezirks Meilen. Der persön­liche Wille und die Qualifikation einer Kandidatin oder eines Kandidaten seien ausschlaggebend, nicht das Geschlecht. Melden sich ­fä­hige Frauen für ein Amt, würden diese selbstverständlich und sehr gerne zur Wahl vorgeschlagen. Hurter betont, dass sowohl geeignete Frauen als auch Männer gezielt darauf angesprochen würden, ob Interesse an einer Kandidatur bestehe. «Viele Frauen wollen aber gar nicht», schildert er seine Erfahrungen. «Sie haben keine Zeit, kein Interesse oder wollen sich nicht exponieren.»

Bei den Kandidaten für die Schul­pflege ist der Frauenanteil bei der SVP mit 64 Prozent wesentlich höher als bei denjenigen für den Gemeinderat und vergleichbar mit den anderen Parteien. «Gerade Frauen, die sich entschieden haben, für die Familie da zu sein, und Kinder im schulpflichtigen Alter haben, nehmen sich eher Zeit und zeigen auch Inter­esse für das Thema Schulpflege», interpretiert Hurter diese Zahlen.

Frauen motivieren Frauen

Andere Erfahrungen hat Mar­zena Kopp, Präsidentin der CVP Bezirk Meilen, gemacht. Die CVP stellt mit drei Gemeinderatskandidatinnen und zwei Gemeinderatskandidaten proportional die meisten Frauen im Bezirk. Parteien wie die FDP, SP und GLP liegen beim Geschlechterverhältnis zwischen SVP und CVP. «Erfolgreiche Frauen in der Partei motivieren andere Frauen, zu kandidieren», erklärt Kopp die hohe Quote bei der CVP und verweist auf Politikerinnen wie Bildungsdirektorin Silvia Steiner oder die Männe­dörfler Nationalrätin Barbara Schmid-Federer. Ein Phänomen, das, laut Kopp, anders­herum auch abschrecken kann. «Bei Frauen ist die Hemmschwelle grösser zu kandidieren, wenn es sich um ein reines Männergremium handelt.»

Auch Kopp sieht gewisse Schwierigkeiten wegen der Mehrfachbelastung: «Familie, Politik und Beruf zu vereinbaren, ist ein Spagat.» Bei Männern sei dies zwar auch so, doch in vielen Köpfen sei noch das Bild verankert, dass hauptsächlich die Mütter für die Kinder zuständig seien. «Deswegen setzen wir uns für Tagesschulen ein, damit Eltern mehr Freiräume erhalten, um sich zu engagieren.» Vorerst bleibt die CVP mit einer Frauenmehrheit bei den Gemeinderatskandidaten die Ausnahme. Und wann die fünfte Gemeindepräsidentin im Bezirk ihr Amt antritt, steht in den Sternen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.03.2018, 10:24 Uhr

Zumikon und Hombrechtikon ohne Frauen

Die meisten Kandidatinnen im Bezirk Meilen treten in Stäfa an: Bei einem neunköpfigen Gemeinde­rat kandidieren vier Frauen. In den Gemeinden Meilen und Küsnacht (beide neun Sitze) treten jeweils drei Frauen an. Schlusslichter sind Zumi­kon und Hombrechtikon. Diese beiden Gemeinden werden in der nächsten Legislaturperiode ohne Gemeinderätinnen auskommen müssen, da sich keine einzige Frau für dieses Gremium zur Wahl stellt.

Dazu muss allerdings angemerkt werden, dass Hombrech­tikon mit drei Gemeinderätinnen derzeit relativ viele Frauen in seiner siebenköpfigen Exe­ku­tive hat. In Zumikon tritt die ein­zige Frau, die aktuell im sieben­köpfigen Gemeinderat sitzt, nicht wieder an. phs

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