Im Gespräch

«Wandern ist Seelentherapie»

Der Spiegel ernannte ihn einst zum «Schweizer Wanderpapst», im Interview erzählt der in Zollikerberg wohnhafte Thomas Widmer, wie ein Appenzeller Bub nach Saudiarabien kam.

Thomas Widmer geht jahraus, jahrein zweimal in der Woche wandern. Trotz seinem Entdeckungsdrang ist der 56-Jährige auch immer wieder in der Zürichseeregion unterwegs. So gehört etwa der Pflugstein ob Erlenbach (Bild) zu seinen Lieblingsorten.

Thomas Widmer geht jahraus, jahrein zweimal in der Woche wandern. Trotz seinem Entdeckungsdrang ist der 56-Jährige auch immer wieder in der Zürichseeregion unterwegs. So gehört etwa der Pflugstein ob Erlenbach (Bild) zu seinen Lieblingsorten. Bild: Manuela Matt

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Schneller, höher, weiter – manch einer mag beim Prädikat Wanderpapst, welches der «Spiegel» Ihnen vor einigen Jahren verlieh, an einen Kampfwanderer denken, dessen Kleiderschrank nur aus Funktionswäsche besteht.
Das bin ich definitiv nicht. Kampfmässig auf den Berg stürmen, einfach um ihn von einer Liste abzuhaken, das entspricht mir nicht. Sicherlich gehört der sportliche Aspekt dazu. Wandern ist aber auch ein Natur- und Kulturerlebnis. Das Essen ist beispielsweise ebenso wichtig wie die körperliche Ertüchtigung.

Sie sprechen wohl aber nicht von aufgeweichten Salamisandwiches aus dem eigenen Rucksack?
Nein, darauf kann ich gut verzichten. Warum sollte ich ein Sandwich aus dem Unterland mittragen, wenn ich auf dem Berg wunderbaren regionalen Alpkäse probieren kann. Dass irgendwer da draussen im Gelände wirtet, muss man doch honorieren. In Hundwil in Appenzell Ausserrhoden, wo ich aufgewachsen bin, gab es auf 900 Einwohner etwa 13 Wirtschaften. Einkehren war quasi ein Volkssport. Das hat mich geprägt.

Sind Sie auf Ihren Touren allein oder mit anderen unterwegs?
Sowohl als auch. Samstags ziehe ich jeweils gemeinsam mit Freunden los, Sommer und Winter, egal ob es 30 Grad sind oder schneit. In der Regel gehe ich zudem noch ein zweites Mal in der Woche wandern – dann nur für mich allein.

Was gefällt Ihnen besser?
Allein ist man sicherlich freier, sei es in der Routenwahl oder im Einlegen von Pausen. Letztlich ist es in Gesellschaft aber schöner. Denn nur dann kann man das Glück teilen.

Führen Sie Ihre Touren denn auch ins Ausland?
Es gibt jenseits der Grenze sicherlich schöne Flecken. Doch ich bin besessen davon, möglichst viel Schweiz kennen zu lernen. Mein Problem ist auch, dass meine Wunschliste mit jeder Wanderung noch wächst: Jedes Mal, wenn ich irgendwo bin, sehe ich drei «Güpfi», auf denen ich noch nicht war. (lacht)

Das Wandern befriedigt also quasi Ihren Entdeckertrieb. Was gibt es Ihnen sonst noch?
Es ist Seelentherapie. Ich merke oft, dass ich morgens beim Loslaufen gestresst bin von der Woche. Abends hingegen fühle ich mich fast wie Buddha. Dann bin ich geerdet und tiefenentspannt.

Ihre Kolumnen und Bücher lesen sich nicht wie die klassischen Wanderführer. In Ihrem neusten Werk «Hundertundein Stein» etwa beschreiben Sie Ausflüge zu Findlingen und erzählen von den Sagen, die sich um sie ranken.
Richtig. Die Kraft und die Faszination des Wanderns bestehen doch aus den Geschichten, die den Orten, die man besucht anhaften. Nehmen wir beispielsweise den Pflugstein oberhalb Erlenbach, an dem wir hier stehen. Er ist der grösste Findling im Kanton Zürich und unter Schutz gestellt. Auf ihm gedeihen seltene Flechten, Moose und Farne. Viel spannender ist doch aber die Tatsache, dass er auch Fluchstein genannt wird.

Jetzt haben Sie mich. Was steckt dahinter?
Ein Zauberer namens Hartmut soll einst eine schöne Tochter gehabt haben. Sie liess sich mit einem Jüngling ein, was dem Vater gar nicht gefiel. Er verbot ihr den Umgang. Die Verliebten trafen sich dennoch hoch über dem Zürichsee. Als der Vater dies erfuhr, setzte er böse Geister in Bewegung. Diese entfesselten ein Unwetter, worauf die Erde sich öffnete und das Paar verschlang. Auf das Grab der beiden rückten die Geister einen mächtigen Stein. In manchen Nächten aber sollen die Toten auferstehen und unter Seufzern um den grossen Brocken wandeln, bis der Morgen graut.

Eine schaurige Vorstellung! Tod und Folter sind aber Dinge, die Sie nicht nur aus Sagen kennen. 1991 haben Sie im zweiten Golfkrieg als IKRK-Kriegsdolmetscher gearbeitet. Wie muss man sich das vorstellen?
Ich bin meist mit zwei drei anderen Schweizern, sogenannten Delegierten, umhergereist. Unsere Aufgabe war es, die Leute in den Flüchtlingscamps zu registrieren, sodass wir ihren Verwandten in der Heimat danach berichten konnten, dass ihre Liebsten noch am Leben waren.

«Wir hatten oft mit Menschen zu tun, die gefoltert wurden.»Thomas Widmer

Gab es da auch kritische Situationen?
Wir selber waren nie in Gefahr. Aber wir waren an vielen Orten, wo Schlimmes vor sich ging. So hatten wir etwa oft mit Menschen zu tun, die gefoltert wurden. Am häufigsten waren wir in Camps in Saudiarabien unterwegs, wo irakische Kriegsgefangene zu Tausenden mitten in der Wüste ohne Perspektive ausharrten, weil sie in der Heimat als Verräter galten. Wir waren die einzigen Aussenstehenden, mit denen sich die Leute unterhalten konnten. Am Abend stiegen wir aber jeweils ins Flugzeug und reisten zurück in die Stadt, genossen im Hotel ein super Essen und legten uns danach in die bequemen Betten – das war schon ein harter Kontrast.

Wie haben Sie das Erlebte verarbeitet?
Geholfen hat mir sicherlich, dass es ein sinnvoller Job war, den wir dort gemacht haben. Ausserdem war zum Glück nicht ich es, der die Entscheidungen treffen musste. Ich war lediglich ein Helfer, der tat, was in seiner Macht stand. Aber ich habe noch Jahre danach an das alles zurückgedacht.

Ausschlaggebend für Ihre Einsätze im Nahen Osten war Ihr Studium der Islamwissenschaften. Wie kommt ein Junge aus dem Appenzellerland zu dieser Wahl?
Ich wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Geld, um in die Ferien zu fahren, hatten wir kaum. Dadurch entwickelte ich ein grosses Fernweh. Ich las auch immer die Abenteuerromane von Karl May, die häufig im Nahen Osten spielten. Und zudem interessierten mich Sprachen ungemein. Und das Arabische und das Persische liegen unserer Sprache nun einmal deutlich näher, als etwa das Chinesische.

Wie stehen Sie zum heutigen Islam-Diskurs?
Ich bin sehr ambivalent, was das angeht. Zum einen sind die meisten Muslime ganz normale Leute. Gleichzeitig darf man den Islam sicherlich auch nicht verklären. Aber das Problem, das der Islam hat, ist nicht neu. Auch in der Geschichte des Christentums ist es zu finden: Es ist die Schwierigkeit, mit dem heutigen «normalen» Leben, in dem Religion zwar noch eine Rolle spielt, aber keine übergeordnete Stellung mehr besitzt, klarzukommen. Auch hierzulande wurden Menschen aus diesem Dilemma hinaus verfolgt und getötet.

Erstellt: 16.06.2019, 10:08 Uhr

Zur Person

Thomas Widmer, 1962 in Stein im Kanton Appenzell Ausserrhoden geboren, ist studierter Islamwissenschaftler und Arabist. Nach Einsätzen als IKRK-Kriegsdolmetscher wurde er Journalist. Viele Jahre war er Redaktor beim «Tages-Anzeiger», seit 2017 ist er für die «Schweizer Familie» als Reporter unterwegs. Auf Widmer wandert weiter bloggt er täglich über das Wandern. Ausserdem hat er mehrere Bücher über das Wandern verfasst. Sein neuestes Werk «Hundertundein Stein» erschien vor kurzem im Echtzeit Verlag. Der 56-Jährige lebt seit neun Jahren in Zollikerberg. (fse)

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