Hombrechtikon

Von denkfaulen, kämpferischen und vorbildlichen Genossen

Die SP feiert in Hombrechtikon ihren 100. Geburtstag. Abgesehen von einer 30-jährigen Blütezeit hatte sie es nicht einfach im Dorf.

Die Hombrechtiker SP, die 1918 gegründet wurde und diesen Samstag ihren 100. Geburtstag feiert, hatte es in den Anfangsjahren nicht einfach.

Die Hombrechtiker SP, die 1918 gegründet wurde und diesen Samstag ihren 100. Geburtstag feiert, hatte es in den Anfangsjahren nicht einfach. Bild: Keystone

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Der Frust der Sozialdemokraten springt einen manchmal bei der Lektüre alter Protokolle förmlich an. Die Hombrechtiker SP, die 1918 gegründet wurde und diesen Samstag ihren 100. Geburtstag feiert, hatte es in den Anfangsjahren nicht einfach. Die Gründung ging noch reibungslos über die Bühne. Zehn Gewerkschafter trafen sich am 2. Februar im damaligen Restaurant Bahnhof zu ihrer ersten Parteiversammlung.

Schon zwei Monate später durfte die Partei einen Vertreter ins Ernährungsamt der Gemeinde schicken. Das war für die Partei deshalb wichtig, weil sie während der Nahrungsmittelknappheit Ende des Ersten Weltkrieges die oft ungerechte Vertei­lung der Güter anprangerte und daran etwas ändern wollte.«Die Anfänge der SP waren in Hombrechtikon also vielversprechend», schreibt die Richters­wiler Historikerin Nicole Billeter in der Jubiläumsschrift der Partei. «Die sozialdemokratischen Vertreter wurden ohne sichtbare Wider­stände in der Gemeindepolitik aufgenommen.»

Lieber in die Kneipe

Das allein war aber noch keine Garantie dafür, dass sich die Partei im Dorf etablieren konnte. Denn die Arbeiterklasse zog zunächst­ nicht richtig mit – erstaunlich in einem Jahr, in dem doch der Landesgeneralstreik diese mobilisierte. Doch in Hombrechtikon erschien jeweils die Mehrheit der Mitglieder nicht zu den Parteiversammlungen.

«Die Rügen für das Fernbleiben ziehen sich wie ein roter Faden durch die ersten paar Jahre der Protokollführung», schreibt Billeter. So beklagte sich der Verfasser der Protokolle einmal, es sei übel, «wenn man nachträglich erfahren muss, dass die gleichen Fehlbaren in bürgerlichen Kneipen herumziehen.» Solche Leute sollten doch einfach «abfahren», fand der Protokollant. Er wurde übrigens Ende 1920 durch einen neuen ersetzt – er war wiederholt nicht zur Parteiversammlung erschienen.

«Gleichgültigkeit» und «Denk­faulheit» wurden in den An­fän­gen immer wieder gerügt. Aber es gab auch leuchtende Beispiele. Eines war Otto Lanz, der bereits ein Jahr nach der Gründung der Partei in den Gemeinderat gewählt wurde und sich sein Leben lang für die SP engagierte. Für die Sitzungen der Behörden musste der gelernte Schreiner jeweils bei seinem Arbeitgeber freinehmen. Sein Lohn fiel aus, und Sitzungs­geld erhielt er nicht. Auch die Behördenarbeit mag für ihn nicht immer erbaulich gewesen­ sein. So berichtete er 1922, wie schwierig er es als alleiniger Vertreter der Arbeiterschaft gegen zehn Bürgerliche im Rat hatte. – Überhaupt, diese Bürgerlichen! Die SP bezeichnete sie in Protokollen mitunter gerne auch als «fette Herren». Und Vertreter von kleineren Läden nannten sie «Spiessbürger», wenn sie den Arbeitern etwas verwehrten.

Früher Kampf für Wohnungen

Gegen Bürgerliche und «Spiesser» konnte sich die Partei mit der Zeit aber recht gut behaupten. Sie bildete ein Gegenwicht zu den vielen Bauern im Dorf und zu den mächtigen Fabrikanten. Die SP investierte viel in die Bildung der Arbeiter und setzte sich insbesondere mit Erfolg gegen die Wohnungsnot ein – etwa mit der Gründung der Wohnbaugenossenschaft Plattenhof.

Ihre Blütezeit erlebte die SP in Hombrechtikon in der Nachkriegszeit. Das Hoch dauerte bis Ende der 70er-Jahre. Während acht Amtsperioden stellte die Partei drei der neun Gemeinderäte, manchmal sogar zusätzlich den Schulpräsidenten. Nach und nach brachten die Sozialdemokraten auch Frauen in die Ämter, nachdem das weibliche Geschlecht – nicht zuletzt wegen des fehlenden Frauenstimmrechts – lange auch bei den Sozi­al­demokraten eine untergeordnete Rolle gespielt hatte. 1970 war die Zahl der Mitglieder mit 73 Genossinnen und Genossen am höchsten.

«Sozialdemokratische Vertreter wurden ohne sichtbare Widerstände in der Gemeindepolitik aufgenommen.»Nicole Billeter, Historikerin

In den 80er-Jahren ging es aber mit der Partei in Hombrechtikon abwärts. Über die Gründe rätselten die Genossen, wie den Sitzungsprotokollen zu entnehmen ist. Manche glaubten, die SP sei den Leuten zu grün, und die Partei verteufle das Auto zu sehr. Andere machten die gute Wirtschaftslage für den Wählerverlust verantwortlich. Und einige vermuteten, viele Bürger würden der SP deshalb den Rücken kehren, weil sich die Partei für eine humane Asylpraxis einsetze.

Grösste Krise überwunden

Gemessen an der Mitgliederzahl, ist die SP heute verglichen mit der SVP und der FDP eine kleine Ortspartei. Allerdings hat sie in Hombrechtikon einen Wähler­anteil von 15 Prozent, ähnlich wie die FDP.

SP-Präsident Walter Bru­de­rer ist der Ansicht, dass es auch nach 100 Jahren eine sozialdemokra­tische Sektion im Dorf braucht. So habe sich die Partei in den letzten Jahren für verschiedene Anlie­gen stark gemacht, die sonst nicht oder nicht so schnell aufs Tapet gekommen wären. «Beispiele dafür sind die Gewalt­prävention an der Schule und der Kampf um die Eröffnung einer Kinderkrippe mit fairen Tarifen», sagt der SP-Präsident.

Mit seiner Initiative für Tempo 30 scheiterte Bru­de­rer zwar. Am Thema Verkehrssicherheit will die Partei aber dran bleiben. «Zumindest um die Schulhäuser könnte man Tempo 30 einführen», sagt der ehemalige Schulpräsident. Besonders freut ihn der kürzliche Abstimmungserfolg im Zusammenhang mit dem Alterszentrum Breitlen. Die SP hatte die Privatisierung des Alterszentrums bekämpft – und auch die Stimmberechtigten sprachen sich dagegen aus.

Für die SP scheint es somit wieder­ aufwärtszugehen, obwohl nach der Jahrtausendwende sogar ernsthaft die Auflösung der Sektion zur Diskussion stand. Todes­fälle amtierender Behörden- und Vorstandsmitglieder hätten damals zu einem rapiden Verlust von Mandaten geführt, schreibt Walter Bru­de­rer im Nachwort der SP-Jubiläumsschrift.

Davon hat sich die Partei inzwischen erholt. «Die Zahl der Mitglieder und Mandate ist wieder gestiegen», sagt Bru­de­rer. Heute sind in Hombrechtikon 22 Personen Mitglied der SP. Das sind ebenso viele wie kurz nach der Gründung, anno 1918. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.09.2018, 17:33 Uhr

Öffentliches Fest

Die SP Hombrechtikon feiert ihr Jubiläum mit der Bevölkerung: Sie lädt am Samstag, 15. September, ab 20 Uhr in den Hof Breitlen ein. Besucherinnen und Besucher erwartet ein öffentliches Konzert der Band Kafi Lutz sowie ein Kuchenbuffet. (miw)
www.sp-hombi.ch

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