Basteln

Verschwindet der Bastelbogen? Ein Stück Kulturgut kämpft ums Überleben

Der Schweizer Modellbogen feiert sein 100-jähriges Bestehen. Ein Zeichner aus Stäfa, der 80 Modelle schuf, hatte wesentlichen Anteil an der Erfolgsgeschichte. Doch nun ist die Zukunft des Verlags ungewiss.

Verlagsleiter Rolf Müller ist stolz auf die Vielfalt der Modelle. Den frei stehenden Weihnachtsbaum hat er selbst entworfen.

Verlagsleiter Rolf Müller ist stolz auf die Vielfalt der Modelle. Den frei stehenden Weihnachtsbaum hat er selbst entworfen. Bild: Patrick Gutenberg

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Mehrere Generationen sind mit ihnen vertraut: Millionen von Schülerinnen und Schülern haben schon einen oder mehrere der Schweizer Modellbogen zusammengesetzt, die es bereits seit 100 Jahren gibt – das Schloss Chillon oder die Weihnachtskrippe etwa. «Grosseltern, Eltern und Kinder sind zum Teil mit denselben Modellen vertraut», sagt Verlagsleiter Rolf Müller aus Zumikon am Montag an der Medienkonferenz zum Jubiläum des weltweit einmaligen Angebots. «Die Bogen sind ein Kulturgut, ein Stück Schweizer Geschichte.»

Hauptabnehmer sind knapp 1300 Schulen in der Schweiz, welche die Bogen jeweils zum Einheitspreis von drei Franken an die Schüler abgeben. Im Handel sind die Bogen praktisch nicht präsent. Trotzdem funktionierte diese Art der Distribution jahrzehntelang gut. Jedes Jahr erhielten die Lehrer neue Bestelllisten, die Kinder wählten einen oder mehrere Bogen aus und setzten diese zumeist zu Hause zusammen.

Schlösser und andere historische Bauten prägten das Sortiment der Schweizer Modellbogen in den Anfängen. Foto: Patrick Gutenberg

Unermüdliche Schaffer

Was kaum ein Schüler oder Lehrer gewusst haben dürfte: Jener, der das Sortiment am stärksten prägte, war der Stäfner Heinrich Pfenninger (1899–1968). Als Sohn eines Malermeisters aufgewachsen, besuchte er das Seminar Küsnacht und unterrichtete danach als Lehrer in Zürich. Daneben entwarf er 80 Bastelbogen, so viele wie kein anderer. «Er war ein richtiger Workaholic», erzählt Rolf Müller. «Er war ständig am Arbeiten – seine Frau hatte wohl nicht viel von ihm.»

Pfenninger arbeitete äusserst akribisch. Seine Zeichnung des Schlosses von Sargans, so ist überliefert, soll der St. Galler Denkmalpflege als Vorlage zur Restauration des Kantonswappens an der verwitterten Schlossmauer gedient haben. Der Lehrer schuf auch die Weihnachtskrippe, zwei Adventskalender, das Schloss Kyburg, das «Dörfli» und vieles mehr.

Der Rettungshelikopter steht für die Erneuerung des Sortiments.

Der Stäfner hatte die Aufgabe 1940 vom Zürcher Edwin Morf übernommen, der 1919 mit dem Zeichnen von Modellbogen begonnen und einen Verlag gegründet hatte. Auf die Idee dazu gekommen war der 1887 geborene Morf, der wie später auch Pfenninger das Lehrerseminar in Küsnacht absolvierte, als er wegen der Spanischen Grippe ans Bett gebunden war. Als erste Modelle entwarf er ein Davoser Bauernhaus, den Zürcher Hardturm, das Rennwegtor und einige weitere Sehenswürdigkeiten der Stadt. Bis zu seinem überraschenden Tod im Jahr 1937 schuf er 33 Bogen. Dem an Volkskunde interessierten Lehrer ging es darum, ein pädagogisch hochwertiges und günstiges Lehrmittel zu schaffen. Er wollte bei jungen Menschen Tugenden wie Ausdauer, Genauigkeit und handwerkliches Geschick fördern.

Die Idee hinter den Bastelbogen ist bis heute die gleiche geblieben. «Es ist wichtig, dass die Schüler auch mit den Händen arbeiten», sagt Rolf Müller. Der 77-Jährige amtet seit 50 Jahren als Verlagsleiter. Er war noch Student, als er dieses Amt von seinem verstorbenen Vater übernahm.

«Gerade vielen ausländischen Kindern fehlt der Bezug zu den Bauwerken der Schweiz.»Rolf Müller, Verlagsleiter

Während des letzten halben Jahrhunderts hat der Zumiker miterlebt, wie sich Angebot und Nachfrage wandelten. Die einst so beliebten Bauernhäuser und Schlösser würden nur noch auf geringes Interesse stossen, sagt er. «Gerade vielen ausländischen Kindern fehlt der Bezug zu den Bauwerken der Schweiz.» Mehr Anklang finden moderne Fahrzeuge. So ist das Formel-1-Rennauto eines der beliebtesten Artikel der letzten zehn Jahre geworden. Auch die Lernpuzzles und der frei stehende Weihnachtsbaum sind beliebt. Geschaffen hat sie Rolf Müller, der insgesamt acht Bogen entworfen hat.

Das Interesse schwindet

Trotz allem: Der Absatz ist seit zwanzig Jahren rückläufig. 1998 verzeichnete der Pädagogische Verlag der Lehrerinnen und Lehrer Zürich mit über 650000 verkauften Bogen den Rekordwert. 2018 waren es noch knapp 330000. Die Konkurrenz durch die elektronische Unterhaltungsindustrie sei zu gross geworden, resümiert Müller.

Beobachtet haben die Lehrer und der Verlag zudem, dass die Fertigkeit der Jungen im Umgang mit Schere, Messer und Leim nachgelassen hat und die Kinder nicht mehr motiviert sind, sich stundenlang einem Modell zu widmen. Der Verlag hat deshalb reagiert: Die Bogen sind einfacher geworden und vorgestanzt.

Das Schloss Chillon gilt als besondere Knacknuss.

Ein weiteres Problem stellen die Lehrer da. Früher hatte der Verlag in vielen Schulhäusern jahrzehntelang Kontaktpersonen, welche für die Bestellungen zuständig waren. Heute gebe es häufig Wechsel, und oft finde sich niemand mehr, der die ehrenamtliche Aufgabe übernehmen wolle. «Die Lehrpersonen sind überlastet», sagt Müller, der selbst an einem Zürcher Gymnasium unterrichtet hat.

Die Situation ist alarmierend. «Die Frage, wie lange der Verlag noch existieren kann, steht im Raum», heisst es in der Festschrift zum 100-Jahr-Jubiläum. Martin Bertschinger, der Präsident der Stiftung, die den Verlag trägt, sagt: «Wir wissen noch nicht genau, wohin es gehen wird. Wir sind an einem Wendepunkt.» Mögliche Massnahmen werden dieses und nächstes Jahr geprüft. Helfen würde es bereits, die Kosten zu senken. Aber dazu bräuchte es mitunter unpopuläre Massnahmen – etwa die Produktion der Bogen im Ausland.

Erstellt: 16.09.2019, 21:36 Uhr

Drei ZSZ-Redaktoren erinnern sich an ihre Bastelerlebnisse mit den Schweizer Modellbogen.

Als Burgenfan hatten es mir vor allem die Modellbogen der Schweizer Schlösser angetan. Ein Exemplar, das ich mit viel Liebe gebastelt hatte, stand jahrelang auf einem Regal in meinem Kinderzimmer: das Schloss Rapperswil. Mich faszinierte es, dass ich ein Modell davon bei mir zu Hause hatte und gleichzeitig das nur wenige Kilometer entfernte Schloss immer wieder in Originalgrösse zu Gesicht bekam. Irgendwann wurde ich des Modells aber überdrüssig. Allerdings brachte ich es nicht übers Herz, es achtlos in den Müll zu werfen. Was also tun? Ich beschloss, ihm ein würdiges Ende zu bereiten: Ich zündete es im Cheminée an und stellte damit das Feuer von 1350 nach, als Stadtzürcher Truppen nach Rapperswil zogen und Burg und Stadt niederbrannten. Mit einer Polaroid-Kamera hielt ich fest, wie sich die Flammen langsam durch den Karton frassen. Ein paar Jahre noch bewahrte ich das Foto in meinem Zimmer auf. (Michel Wenzler)


«Mama, wie viele Modellbogen darf ich mir aussuchen?», bettelte mein Sohn um einen Batzen. Erfreut über seine Begeisterung fürs Basteln, gab ich ihm Geld für zwei Bogen mit in die Schule. Stolz präsentierte er mir am nächsten Tag das faltbare Schloss Sargans und eine Luftseilbahnkabine. Voller Tatendrang begann er das Schloss auszuschneiden. Erste Tränen gab es, als er aus Versehen die weisse Klebelasche eines Teils abschnitt. «Das können wir lösen», beruhigte ich und half ihm die restlichen Teile auszuschneiden. Dann ging es ans Zusammenkleben, was aufgrund unseres schwachen Klebstoffs viel Geduld erforderte. Schnell wurde der Papa auch mit eingespannt, bis irgendwann nur noch wir Eltern an der Fertigstellung des Schlosses arbeiteten. «Toll», kommentierte unser Sohn das fertige Schloss und forderte: «Und jetzt die Luftseilbahn.» Sie liegt bis heute unangetastet in der Schublade. (Dorothea Uckelmann)


Die Lieferung der Bastelbogen für die Schulferien konnte ich als Kind kaum erwarten. Allerdings klafften die Vorstellungen über mein Basteltalent und meine feinmotorischen Fähigkeiten jäh auseinander. Die einzelnen Teile mussten mit einem Cuttermesser ausgeschnitten und dann sorgfältig von Hand gefalzt werden. Auf vorperforierte Teile hofft man vergebens. Genügend Geduld zur Vollendung der Modelle hatte ich deshalb nur bei der Spanisch-Brötli-Bahn – Freude an Eisenbahnen sei Dank. Als Letztes wagte ich mich an das Schloss Chillon – dieser Bastelbogen gilt als schwerster. Meine Eltern schüttelten ungläubig den Kopf, doch ich hielt an meinen Plänen fest. Ganz sicher, ob ich den Bogen geschafft habe, bin ich nicht. Klar ist: Falls ich das Schloss vollendet habe, ähnelt der Hauptturm eher dem schiefen Turm von Pisa. Denn ehrlich gesagt war mein Gebastel immer eine schräge Leidenschaft. (Conradin Knabenhans)

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