Männedorf

Stiefmütter sind besser als ihr Ruf

Kinderpsychiater Thomas Hess hat ein Buch über Patchworkfamilien veröffentlicht. Der Männedörfler kennt das Thema aus eigener Erfahrung.

Psychiater Thomas Hess in seinem Garten in Männedorf: «Es braucht häufig einen Familienrat»

Psychiater Thomas Hess in seinem Garten in Männedorf: «Es braucht häufig einen Familienrat» Bild: Michael Trost

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Herr Hess, Sie betreiben mit Ihrer Frau, die ebenfalls Ärztin ist, eine Praxis als Psychotherapeut. Braucht es dieses Buch zum Thema Patchworkfamilie?
Thomas Hess: Meine Frau hat mich davon überzeugt. In der Praxis behandeln wir immer mehr Menschen, die unter der Rolle der Stiefmutter oder des Stiefvaters leiden. Vor zwanzig Jahren gab es nur vereinzelt Patchworkfamilien. Heute machen sie zwei Drittel unserer Klienten aus. Sie haben ganz andere Sorgen als die Kernfamilien. Da wollten wir mehr bieten, als nur Ratschläge zu erteilen.

Was steht denn in Ihrem Buch?
In der ersten Hälfte erzählen wir eine Geschichte, in der die wesentlichen Patchworkthemen vorkommen. Und dies aus den vier Perspektiven der erwachsenen Hauptpersonen. Wir wollten, dass sich Betroffene in die Sichtweisen der anderen Beteiligten einfühlen können. In der zweiten Hälfte folgen Lösungsansätze und Erklärungen.

Beschreiben Sie die Patchworkfamilie als Modetrend?
Wohl kaum. Wir wollen mit dem Buch viel eher auch warnen: Bevor man in eine Patchworkfamilie einsteigt, sollte einem bewusst sein, worauf man sich einlässt. Es braucht einen langen Atem.

Sie haben nicht nur beruflich, sondern auch persönlich Erfahrung mit dem Thema.
Ja, ich habe vier erwachsene Kinder, und meine Frau hat einen 18-jährigen Sohn. Wir wohnten nie alle gemeinsam im selben Haushalt. Meine jüngsten beiden Söhne und mein Stiefsohn verbrachten aber Wochenenden und Ferien zusammen.

Wo liegen die Unterschiede einer Patchworkfamilie zur Kernfamilie?
Da gibt es viele. Beginnen wir mit der Logistik: Es muss bedeutend mehr organisiert und verhandelt werden. Bei der Wochenend- und Ferienplanung muss immer miteinbezogen werden, dass ein Teil der Kinder beim anderen leiblichen Elternteil sein wird. Wenn man dabei nicht alle Bedürfnisse mitberücksichtigt, kann dies zu Neid und Eifersucht führen. Hinzu kommt, dass die Verwandtschaft plötzlich grösser ist: Es gibt neue Stiefgeschwister, Grosseltern, Tanten und Onkel ...

Das ist doch schön!
Schon, aber man muss immer abklären, wer bei welchem Anlass dazugehört. Ein Paar war an eine Hochzeit eingeladen worden. Zuerst mussten die beiden abklären, welche Kinder mitdurften: nur die gemeinsamen oder nur die einer Seite oder alle. Es braucht häufig einen Familienrat. Weitere Themen sind der Umgang mit den Ex-Partnern, die besonderen Rollen von Stiefmutter und Stiefvater, die unterschiedlichen Beziehungen mit den Kindern.

Was ist mit den Ex-Partnern?
Der Umgang mit den «Ex» ist matchentscheidend. Gelingt es dem ehemaligen Paar, die Trennung als gemeinsam verursacht anzusehen und nicht die Schuld beim anderen zu suchen, sind sie auf einem guten Weg. Am besten klappts, wenn eine Frau ihren Ex als eigenverantwortlich akzeptiert – auch im Umgang mit den Kindern, und wenn sie nicht dauernd über ihn nörgelt. Sind jedoch zahlreiche unverarbeitete Verletzungen im Weg, kann es für eine friedliche Koexistenz schwierig werden. Auf keinen Fall aber dürfen die Kinder instrumentalisiert werden, den neuen Liebhaber der Mutter oder die Freundin des Vaters zu bekämpfen.

Schadet das den Kindern?
Geht ein leiblicher Elternteil mit dem anderen feindselig um und versucht, die Besuchszeiten zu beschneiden, sind gröbere Probleme mit den Kindern die Folge. Solche Fallen gilt es zu vermeiden. Denn die Kinder wollen den Kontakt zum externen Elternteil aufrechterhalten. Hinzu kommt, dass es allen besser geht, sobald auch der zweite Partner eine neue Beziehung hat.

Was sind typische Fallen für Stiefeltern?
Die Stiefmutter muss überall um Anerkennung kämpfen. Will sie an einem Lehrergespräch in der Schule teilnehmen, wird sofort nach der leiblichen Mutter gefragt. Zu Hause muss sie stets um die Liebe der Stiefkinder ringen oder darum, als Erzieherin akzeptiert zu werden. Eine grosse Falle ist es, zu versuchen, alle Kinder – eigene und Stiefkinder – gleich lieb zu haben. Denn Unterschiede sind nun mal da, und die Kinder spüren das. Die Stiefmutter sollte auch nicht in irgendeine Art von Konkurrenz mit der leiblichen Mutter geraten. Sonst bringt sie die Kinder in Loyalitätskonflikte.

Stimmt der Mythos der bösen Stiefmutter von Grimms Märchen?
Da sind wir bei Aschenputtel oder Schneewittchen. Der Mythos stimmt heute nur als Folge einer Negativspirale. Wenn die Mutter stirbt und der Vater sich schnell eine andere Frau sucht, bleibt für die Kinder keine Zeit, den Verlust der Mutter zu verarbeiten. Die Stiefmutter bemüht sich oft vergeblich um Anerkennung und fühlt sich irgendwann ausgenutzt. Der Partner sollte sie unterstützen, damit ein gegenseitiges Vertrauen zu den Kindern wachsen kann. Sonst wird der Mythos wahr: Die verzweifelnde Stiefmutter kann bösartig werden. In der Regel bemühen sich aber zuerst alle. Stiefmütter sind besser als ihr Ruf.

Was soll der Vater tun?
Es ist wichtig, dass er sich um seine leiblichen Kinder kümmert. Er darf sich nicht einfach zurückziehen und die Erziehung seiner Kinder der Stiefmutter überlassen. Für sie ist das eine Überforderung. Er muss sowohl hinter seinen Kindern als auch hinter seiner Frau stehen.

In welche Fallen können Stiefväter tappen?
Da Kinder in der Schweiz öfter der Mutter zugesprochen werden, ist die Konstellation mit einem Stiefvater häufiger. Es gibt verschiedene Typen: etwa den autoritären Stiefvater. Er will die aus seiner Sicht verwöhnten, frechen Kinder seiner Frau erziehen. Während er auf autoritäre Art «Ordnung schafft», lehnen ihn die Stiefkinder immer mehr ab. Da muss die leibliche Mutter früh genug aktiv werden und die Erziehung selber übernehmen, damit die Familie eine Chance auf ein erfolgreiches Zusammenleben hat. Der Partner sollte sie dabei nur unterstützen, nicht selber erziehen. Das ist eine Herausforderung für Männer, die als Retter auftreten wollen. Vor allem, wenn sie keine eigenen Kinder haben. Denn wer noch keine Beziehung zu Kindern hat, kann sie auch nicht erziehen.

Nicht alle Männer sind autoritär.
Nein. Es gibt heute vermehrt Männer, die weicher sind und anpassungsfähig. Sie helfen der Frau im Haushalt, den Stiefkindern bei den Hausaufgaben, machen alles mit – bis zur Selbstaufopferung. Dabei müsste der Mann auch an die eigenen Bedürfnisse denken, mal aufs Bike steigen. Sonst wird er plötzlich als «Schlappschwanz» betitelt. Gelingt es den Stiefvätern aber, eine passende Rolle zu finden und eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen, haben solche Konstellationen eine gute Chance.

Gibt es Tipps für ein erfolgreiches Zusammenleben?
Die Wichtigsten: Die Partnerschaft soll gepflegt werden. Der Ex-Partner muss als Elternteil respektiert werden. Störende Verhaltensweisen der Kinder soll man als Hinweis verstehen, dass Klärung notwendig ist.

Also bloss nicht streiten?
Nein, eben gerade nicht: Streit gehört zu jeder guten Beziehung. Gerade in Patchworkfamilien ist es zentral, Streitigkeiten konstruktiv zu lösen. Wichtig ist es, den eigenen Anteil zu erkennen, der zum Konflikt geführt hat, und zu verstehen, was die Bedürfnisse der anderen sind. Dabei lernen auch Kinder, wie man mit Problemen vernünftig umgeht. Eine funktionierende Patchworkfamilie ist ein Sozialisierungsbiotop. (zsz.ch)

Erstellt: 30.08.2015, 14:59 Uhr

Zur Person

Der Kinder- und Jugend-psychiater Thomas Hess wohnt mit seiner Frau Claudia Starke in Männedorf. Sie betreiben eine gemeinsame Psychotherapiepraxis für Familien. Als Co-Autoren haben sie das Buch «Das Patchwork-Buch» verfasst, das dieses Jahr im Beltz-Verlag erschienen ist. Das Paar hat fünf erwachsene Kinder
aus früheren Ehen.

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