Erlenbach

Stationen in einem langen Schreiber-Leben

Hans Wyler prägte als Gemeindeschreiber 30 Jahre die Geschicke von Erlenbach. Kurz vor seiner Pensionierung blickt er zurück, spricht über sein Rollenverständnis und über seine Zukunft.

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Das Bild des Gemeindeschreibers als heimlicher Dorfkönig hält sich hartnäckig. Hans Wyler, der seit über 30 Jahren die Erlenbacher Gemeindeverwaltung leitet und per Ende Jahr in Pension geht, kann mit dem Bild nichts anfangen. «Nach so langer Zeit weiss man gezwungenermassen in vielen Bereichen mehr als der Gemeinderat», sagt er. «Aber der Dorfkönig wäre ein völlig falsches Verständnis meiner Rolle.»

Lieber spricht er davon, im Dienst der Gemeinde zu stehen. Den Kurs bestimme der Gemeinderat. Wir sitzen im Verwaltungsgebäude an der Seestrasse, seit 2001 sein Arbeitsplatz. Für Wyler ist der Beruf Berufung. «Ich kann diese Aufgabe nur voll und ganz wahrnehmen», sagt er. Das bedeutete für ihn auch ein Einsatz in Bereichen, die nicht explizit in der Stellenbeschreibung stehen. Das Organisieren von Anlässen etwa. Kompromisslos ist deshalb auch sein Abgang, den er sich nicht als langsamen Rückzug hat vorstellen können. «Ich wollte nie als lahme Ente enden.»

Jüngster Zivilstandsbeamter

Ursprünglich fasste der in Uetikon wohnhafte Wyler den Plan, wie seine Eltern Lehrer zu werden. Nach dem Unterseminar machte er aber eine Kehrtwende, weil er merkte, dass es doch nicht das Richtige war. Die Idee zur kaufmännischen Lehre auf der Verwaltung kam von den Eltern. «Ich würde da alles lernen, was ich auch künftig im Leben brauchen könne.» Nach der Lehre in Zollikon bewarb er sich in Oberrieden: um eine Kaderstelle für die Bereich Zivilstandsamt und Gesundheit. Er erhielt die Stelle und wurde zugleich jüngster Zivilstandsbeamter im Kanton. «Eine der ersten Trauungen war die Lustigste überhaupt. Sie begann mit einem Missverständnis: Das Paar hielt mich für den Lehrling.»

In Oberrieden zog es ihm den Ärmel rein. Sein dortiger Chef habe ihm geraten, Schreiber zu werden. Mit 25 Jahren leitete er zum ersten Mal eine Gemeindeverwaltung – in Sternenberg. «Dort habe ich extrem viel gelernt als Generalist», erzählt Wyler, der in der Zürcher Oberländer Gemeinde im selben Haus arbeitete und wohnte. Nach fünf Jahren wechselte er nach Erlenbach. Grösser hätte die Diskrepanz nicht sein können: Von der höchstgelegenen Gemeinde im Kanton, die damals mit weniger als 400 Einwohner, an die als Wohnsitz begehrte Zürcher Goldküste. Für Wyler war es eine Heimkehr an den See.

Aus dem Fehler gelernt

Die Wohnsituation in Sternenberg wollte er nicht wiederholen. Er habe sich dort nicht abgrenzen können, sei rund um die Uhr für die Sternenberger da gewesen. «Ich stellte die Bedingung, nur nach Erlenbach zu kommen, wenn ich auswärts wohnen kann.» So lebte Wyler während der ersten zwei Jahre mit seiner Frau und den beiden Erstgeborenen in Erlenbach und zog dann mit seiner Familie nach Uetikon, wo er neben seinem Elternhaus ein neues Eigenheim bezog. Mit der Nähe und Distanz klappte es nun besser. Die Schreibertätigkeit begann im alten Gemeindehaus an der Seestrasse 52. Das Haus ist noch heute im Besitz der Gemeinde. «Dort oben hatte ich mein Büro, mit direktem Blick auf den See.» Wir stehen jetzt vor dem Gebäude, das nur mit einem kleinen öffentlichen Platz vom Wasser abgetrennt ist.

«Gemeinden funktionieren dann gut, wenn die Verwaltung und der Gemeinderat zusammenarbeiten können.»Hans Wyler, abtretender Erlenbacher Gemeindeschreiber

Der Vater dreier inzwischen erwachsener Söhne hat seit seinem Stellenantritt 1988 vier Gemeindepräsidenten erlebt und mit jedem von ihnen eng zusammengearbeitet. Er sieht sich als Sparringpartner und Berater, der Politiker nicht vor der Sonne steht. «Man muss sich als Schreiber zurücknehmen können.»

Spezielle Konstellation

Ein Gemeindeschreiber hat keinen Einfluss auf die Wahl des Gemeindepräsidenten. «Die Zusammenarbeit erfordere von beiden Seiten viel Flexibilität», sagt Wyler. Eine spezielle Konstellation ergab sich mit Ferdy Arnold. Dieser war zum Zeitpunkt seiner Wahl Finanzchef unter ihm – und übernahm als Gemeindepräsident eine neue Rolle. Sie seien vorher als Vorgesetzter und Angestellter in einem nicht unkritischen Verhältnis gestanden. Ein langes Gespräch zu Beginn von Arnolds Amtsantritt als Gemeindepräsident habe Klärung gebracht. «Der gemeinsame Nenner war, dass wir beide das Beste für Erlenbach wollten.» Inzwischen sei daraus eine Freundschaft entstanden.

Wyler betont, dass Gemeinden nur dann gut funktionieren würden, wenn Verwaltung und Gemeinderat zusammenarbeiten können. Das war in seiner 30-jährigen Tätigkeit nicht immer der Fall. Wyler drückt es so aus: «Wenn ein Gemeinderat die Bevölkerung nicht mehr richtig spürt und umgekehrt, kann es schwierig werden.» Die Unzufriedenheit der Bevölkerung äusserte sich 2006 an der Urne, als zwei Gemeinderäte abgewählt wurden und der Gemeindepräsident mit dem schlechtesten Resultat wiedergewählt wurde.

Der Schreiber hält einen guten Austausch mit der Bevölkerung für essenziell. Man müsse stets das Gespräch suchen und im Gespräch bleiben. Manchmal aber nützt auch dies nichts, wie der Fall des kürzlich verurteilten Erlenbachers zeigt, der wiederholt Gemeindeangestellte und Politiker verunglimpft hat. «Das ist ein bedauerlicher Einzelfall», sagt Wyler dazu nur.

Grosse Genugtuung

Wir sind inzwischen beim Alterszentrum Gehren angelangt. Dessen Einweihung im letzten Frühling war für den abtretenden Schreiber eine grosse Genugtuung. Die Zukunft des Alterszentrums hatte ihn seit den 1990er Jahren beschäftigt. Von der Dachterrasse aus, – die zunächst im Bauprojekt aus Spargründen nicht vorgesehen war, aber schliesslich dank der Auflösung des Fürsorgevereins aus dessen Vermögen finanziert werden konnte – sieht man auf das Turmgut, ebenfalls eine Herzensangelegenheit Wylers. Die Gemeinde kaufte das markante Gebäude 1998, baute es um und eröffnete es mit dem gleichnamigen Sportplatz sechs Jahre später.

Der 61-Jährige spricht nicht, als würde seine selbst gewählte Frühpensionierung so kurz bevorstehen. Am meisten an seiner Arbeit habe ihm gefallen, etwas bewegen und mitgestalten zu können. Jetzt zieht er sich aus dem Berufsleben zurück. Und will künftig das machen, was in den letzten 30 Jahren zu kurz gekommen ist: Sich in der Freiwilligenarbeit engagieren, mit seiner Frau auf Reisen gehen, Sprachen lernen, schreiben. Mit seiner Berufung hat er trotz Rente noch nicht ganz geschlossen. Er könne sich durchaus vorstellen, für einzelne zeitlich begrenzte Projekte nochmals zurückzukehren.

Erstellt: 21.12.2018, 17:18 Uhr

Über die Zusammenarbeit mit Hans Wyler

«Wir haben uns ideal ergänzt»

Der amtierende Gemeindepräsident Sascha Patak (FDP) arbeitete zwölf Jahre mit Hans Wyler zusammen - während der letzten viereinhalb Jahren besonders intensiv. Wyler habe sich mit seiner Aufgabe völlig identifiziert und über ein grosses Berufsethos verfügt. «Er ist extrem zuverlässig, hochanständig und loyal», sagt Patak über den scheidenden Schreiber. Sie hätten sich ideal ergänzt und in einem freundschaftlich geprägten Klima zusammengearbeitet.

Wyler habe Erlenbach sehr viel bedeutet. «Wenn etwas nicht gut lief, hat ihm das schlaflose Nächte bereitet.» Im Umgang mit anderen Leuten habe er kaum jemanden vor den Kopf gestossen. Sein Qualitätsanspruch an die Arbeit – den er an sich und andere stellte – sei hoch gewesen. (rli)

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