Oetwil

Stamm für Stamm zum Traumhaus

Regula und Urs Burlet haben sich einen Traum verwirklicht: Mit Weisstannen aus dem eigenen Wald bauten sie auf ihrem Hof in der Oetwiler Chrüzlen ein Wohnhaus im Blockhausstil.

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Schneeflocken fallen vom grauen Himmel und hüllen die Welt in ein weisses Kleid. Mitten im Schneegestöber ragt ein ein riesiges Blockhaus auf. Mannsdicke Holzstämme bilden meterhoch aufeinandergeschichtet die Wände. Wir könnten uns in der Wildnis Kanadas befinden. Tatsächlich gehört das Blockhaus aber der Familie Burlet in Oetwil. «Ich finde es faszinierend, mit einfachsten Mitteln ein Haus zu bauen, das stabil ist», sagt Urs Burlet. Seine Frau Regula beschreibt begeistert das ausgeglichene und angenehme Raumklima im Blockhaus, dank dem man sich «nach fünf Minuten im Wald wähnt».

Das Ehepaar sitzt am Küchentisch seines urgemütlichen Hauses. Über ihm thront das ebenfalls aus Baumstämmen gefertigte Dach, auf dem Boden liegen geölte Eichendielen. Durch grosse Fenster fällt Licht ins Hausinnere. Es riecht zart nach Holz, und es ist behaglich warm. Erstaunlich angesichts der Tatsache, dass nichts als dicke Holzstämme mit einem schmalen Schafwollvlies dazwischen von der kalten Aussenluft trennen. Radiatoren sucht man im Obergeschoss des Hauses vergeblich. Geheizt wird einzig mit Heizschlangen, die in zwei Innenwänden verlegt sind.

Optimale Luftfeuchtigkeit

«Die Fassade ist absolut dicht gebaut», erklärt der 62-jährige Landwirt. «Zündet man eine Kerze an, bewegt sich die Flamme keinen Millimeter.» Dank der Fähigkeit des Holzes, im Sommer Feuchtigkeit zu speichern und diese im Winter wieder abzugeben, sei auch die Luftfeuchtigkeit stets optimal. Das Ehepaar hat sich mit dem Bau des besonderen Wohnhauses einen Lebenstraum verwirklicht. Als junges Paar waren Regula und Urs beim Besuch eines Cousins in Kanada erstmals mit Blockhäusern in Berührung gekommen.

Die Faszination dafür liess die beiden nie mehr los. Vor eineinhalb Jahren war der richtige Moment für ein solches Projekt gekommen: Der jüngere Sohn hatte sich entschieden, eine Zweitausbildung zum Landwirt zu absolvieren und dereinst den Hof der Eltern mit 25 Pferden und 13 Texas Longhorn zu übernehmen. Die Landwirte beschlossen, eine alte Scheune abzureissen und an dieser Stelle für sich und den Sohn ein Doppeleinfamilienhaus aus Baumstämmen zu bauen. Das Holz dafür lieferte der eigene Wald. Seit 50 Jahren war im betreffenden Waldstück nicht mehr geholzt worden, und es wuchsen besonders viele Weisstannen.

100-jährige Weisstannen

Mit Roger Porrenga, Inhaber der Hombrechtiker Firma Blockhausbau Porrenga, suchte der Bauer 200 möglichst gerade gewachsene Nadelbäume mit einem Durchmesser von mindestens 47 Zentimetern aus. «Jeder davon ist älter als 100 Jahre.» Während Porrengas Leute die Bäume entasteten, übernahm Urs Burlet das Entrinden. Neun Wochen lang spritzte er während unzähligen Stunden mit einem Hochdruckreiniger die Rinde vom Holz. «Wegen der Verletzungsgefahr war er eingekleidet wie ein Astronaut», erinnert sich seine Frau amüsiert.

Die geschälten Stämme mit einem Gesamtgewicht von 200 Tonnen wurden auf einem nahe gelegenen Kiesplatz zur 16 mal 18 Meter grossen Aussenfassade zusammengesetzt. Dazu passten die Profis der Blockhausfirma Stamm für Stamm millimetergenau an. «Es war wie ein gewaltiges Legospiel», schildert die 60-jährige Regula Burlet. Kaum fertig, wurde die Konstruktion wieder auseinander genommen und zum Bauplatz transportiert.

«Nach fünf Minuten im Blockhaus wähnt man sich in einem Wald».Regula Burlet, Blockhausbewohnerin

Dank ausgeklügeltem System war das Blockhaus innert sechs Tagen wieder aufgebaut. Entstanden sind zwei Haushälften mit einer Wohnfläche von je 180 Quadratmetern. Den aufwändigen Innenausbau bewältigte Urs Burlet gemeinsam mit diversen Handwerkern. Zahlen will die Familie keine nennen. Die Kosten seien aber vergleichbar mit jenen für ein herkömmliches Gebäude. Letzten Oktober ist das Ehepaar Burlet eingezogen.

Erste Erfahrungen mit dem Prinzip des Blockhausbaus hat Familie Burlet bereits zwischen 2004 und 2007 gemacht: Damals erstellten sie in Eigenregie eine Remise aus Käferholz, das nach dem Lotharsturm in Mengen anfiel. «Allerdings wendete ich eine vereinfachte Variante an, indem ich die Stämme vor dem Einsetzen seitlich begradigte», sagt Urs Burlet.

Vollständig niedergebrannt

In dem Bau waren nicht nur landwirtschaftliche Maschinen untergebracht. Burlet bewahrte hier seine umfangreiche Sammlung auf, die er über 40 Jahre hinweg angelegt hatte – sein Lebenswerk. Ihn interessierte alles aus dem bäuerlichen Umfeld. Am 25. Oktober 2017 dann das dramatische Ereignis: Die Remise brannte vollständig nieder. «Ich konnte nicht einen einzigen Gegenstand daraus retten», sagt der leidenschaftliche Sammler und sein Schmerz darüber ist noch immer spürbar. Er habe die Gegenstände die Gegenstände für die Nachwelt erhalten wollen.» Gemäss Untersuchungen des Brandermittlungsdienstes könnte das Feuer durch einen Kurzschluss ausgelöst worden sein. Ein Eigenverschulden schloss er klar aus.

Ein Neubeginn kommt für den Sammler nicht infrage. «Der Schock sitzt zu tief.» Ein paar Objekte bewahrte der Landwirt an einem anderen Ort auf. Einige davon haben im Blockhaus einen Platz gefunden: So etwa das erste wassergespülte WC, das am rechten Zürichseeufer eingebaut worden war. Burlet erstand es aus dem Inventar des General Wille-Hauses in Feldmeilen. Auch eine bemalte Holztüre aus dem ehemaligen Männedörfler Restaurant Morgensonne oder 80-jährige Radiatoren sind im Blockhaus zu neuem Leben erweckt worden und machen nun den besonderen Charme des Gebäudes aus. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 04.02.2019, 17:26 Uhr

Ein Haus wird abgesenkt

Ganz abgeschlossen ist der Bauprozess des Blockhauses noch nicht. Gerade ist Roger Porrenga von der Firma Blockhausbau Porrenga zu Besuch. Alle paar Monate kommt er für ein besonderes Unterfangen in Oetwil vorbei: Mithilfe spezieller Konstruktionen lässt er das tonnenschwere Haus an sechs verschiedenen Orten um einige Millimeter herunter. «Die Baumstämme für unsere Blockhäuser werden frisch verbaut», erklärt er. Beim Trocknen würden sie sukzessive Feuchtigkeit und damit Gewicht verlieren. In den ersten paar Jahren schrumpfen die Stämme um etwa fünf Prozent des Durchmessers. Bei einer Raumhöhe von 3 Metern entspricht das 15 Zentimetern. «Wir planen und bauen ein Blockhaus deshalb um das Schwindmass grösser», sagt Porrenga.

Damit zum Schluss alles wieder passt, gibt es an diversen Orten im Haus sogenannte Aussparungen. Der Holzexperte zeigt auf einen stehend verbauten Stamm. An dessen unterem Ende befindet sich ein 13 Zentimeter grosser Abstand zum nächsten Querbalken. Die Lücke wird durch eine Gewindestange überbrückt, die im Stützstamm steckt. Mit einem gewaltigen Gabelschlüssel fasst Roger Porrenga die Stange und dreht vorsichtig. Es knackt und knarrt beängstigend, dann ist das Prozedere auch schon fertig. «Der Stützbalken hat sich drei Millimeter nach unten gesenkt.» Nach drei bis fünf Jahren wird der Prozess abgeschlossen sein. Bis dann sorgen Holzleisten unter der untersten Treppenstufe sowie diverse andere Tricks dafür, dass alles passt. (mbs)

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