Küsnacht

Geheimnis der Skelette vom Singsaal gelüftet

Im Sommer 2018 bargen Wissenschaftler Knochen von 55 Skeletten unter der Kantonsschule. Nun präsentieren sie die Ergebnisse ihrer Untersuchungen.

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Die Szene ist surreal: Über einem Tisch in der Kantonsarchäologie schwebt ein tausendjähriges Skelett. Als Betrachter kann man die menschlichen Überreste umrunden, den mit einem Loch versehenen Schädel ansehen, die Rippen, die Beine. Fast beschleicht einem das Gefühl, die beigen Knochen berühren zu können.

Doch dem ist nicht so, denn das Skelett ist nicht real: Es ist eine 3-D-Projektion, die aus 40 Bildern generiert wird. Der Betrachter sieht das Modell nur, wenn er eine entsprechenden High-Tech-Brille trägt. Augmented Reality nennt sich die Technik, mit welcher solcher Effekte erzielt werden können – hier zum Wohle der Wissenschaft. Bei dem Hologramm handelt es sich nämlich um eines der mittelalterlichen Skelette, die im 2018 unter dem Singsaal der Kantonsschule Küsnacht gefunden wurde. Abgebildet wird es genauso, wie es dort über die Jahrhunderte im Erdreich schlummerte.

Münze mit Otto III

Geborgen werden konnten das Gräberfeld, Teil eines mittelalterlichen Friedhofs, nur, weil der Singsaal der Schule saniert werden musste. Bei Sondierbohrungen im Vorfeld der Sanierung stiess man auf die Gebeine. Mittlerweile befinden sich die Knochen von 55 Menschen nicht mehr unter der Kantonsschule, sondern lagern in beschrifteten Kartonschachteln in der Kantonsarchäologie in Dübendorf. Als endgültiges Zuhause ist aber das Anthropologische Institut der Universität Zürich vorgesehen, wo die empfindlichen Gebeine unter klimatisch passenden Bedingungen aufbewahrt werden.

Dank besagter Augmented Reality kann Anthropologin Sabrina Meyer allerdings virtuell zurück ins Gräberfeld steigen. Dies ist umso wichtiger, als eine so genannte Blockbergung der Skelette, bei der die Knochen mitsamt dem umgebenden Erdreich ausgehoben werden, nicht möglich war. Nicht zuletzt wegen der grossen Dichte von Knochen, die gefunden wurden. «Die Menschen wurden relativ eng übereinander bestattet», erklärt Projektleiter Werner Wild von der Kantonsarchäologie.

«Speziell ist, wie gut erhalten die Knochen sind.» Sabrina Meyer, Anthropologin

Mittlerweile wissen die Forscher Genaueres über 38 Skelette: Diese Gebeine stammen von 18 Frauen, 13, Männern sowie fünf Kindern und Jugendlichen. Bei zwei weiteren erwachsenen Verstorbenen konnte das Geschlecht nicht bestimmt werden. Gelebt haben sie im 9., 10. und 11. Jahrhundert. Dies ergab eine Radiokarbondatierung von 22 Proben, die an der ETH durchgeführt wurde.

Bei dieser Methode wird der Zerfall gewisser Stoffe gemessen und dadurch das Alter bestimmt. Grabbeigaben, die bei der Ermittlung des Alters der Skelette geholfen hätten, gab es nur eine: Unter dem Fuss eines männlichen Skeletts wurde eine unter Kaiser Otto III. (996 bis 1002) in Italien geprägte Silbermünze, ein so genannter Denar, entdeckt – auf welcher der Kaiser auch abgebildet ist. «Mit dem Aufkommen des christlichen Glaubens hörte die Sitte der Grabbeigaben auf», erklärt Wild, weswegen nicht mehr solcher Beigaben gefunden wurden. Die Skelette waren dafür also schlicht nicht alt genug.

Krebs heute noch sichtbar

Wie die Toten aussahen oder welchen Berufen sie nachgingen, kann ohne weitere Untersuchungen nicht rekonstruiert werden. Doch mit einer so genannten differential-diagnostischen Auswertung untersuchte Meyer drei der Skelette genauer auf Krankheiten. So auch dasjenige, das zu Beginn beschrieben wurde: Die Anthropologin deutet auf eine Stelle am Schädelknochen, die nicht glatt, sondern porös ist.

Auch am Becken ist die Oberfläche des Knochens rau und in einem Rückenwirbel befindet sich gar ein Loch mit darunterliegendem Hohlraum. «Dieser Befund ist kein Grabungsschaden, zu Lebzeiten fühlte eine Metastase diesen Hohlraum aus», erklärt Meyer. Der über 50-jährige Mann verfüge über alle Merkmale am Skelett, welche für ein metastasierendes Prostatakarzinom sprechen.

So sah der Singsaal der Küsnachter Kantonsschule während der Notgrabung im Frühsommer 2018 aus. Archivfoto: Manuela Matt

Da sich die Krankheit so ausgeprägt zeige, müsse er lange darunter gelitten habe, ergänzt Wild. Obgleich dieser Ur-Küsnachter der Krankheit lange widerstand, dürfte sie ihn schliesslich das Leben gekostet haben. «Bei ihm war Prostatakrebs wahrscheinlich die Todesursache», bestätigt Meyer.

Doch nicht nur die Struktur der Knochen ist bei diesem Skelett auffällig, auch der Bestattungsort wirft Fragen auf. So wurde das Skelett, das mit der Nummer 23 bezeichnet ist, deutlich abseits der anderen bestattet. Es lag in einer Ecke des Singsaals. Auch dies könnte mit den Gebrechen des Mannes zusammenhängen. So erzählt Meyer, dass sie mit dem Zuger Kantonsarzt Ruedi Hauri über den Toten gesprochen habe. «Er wies mich darauf hin, dass der Mann Hirnmetastasen gehabt haben könnte», erzählt Meyer. Diese können die Persönlichkeit verändern. Ein solches verändertes Verhalten könnte wiederum eine Erklärung dafür bieten, warum die Dorfgemeinschaft den Mann mit einem gewissen Abstand zu den anderen Toten begrub.

Pietät ist wichtig

Dass es sich nicht um Scherben oder Steine handelt, die in Küsnacht geborgen wurden, ist auch für Sabrina Meyer und Werner Wild besonders. «Das waren Menschen, wie du und ich, die gelebt haben», sagt Meyer. Es sei speziell und wichtig, dass man pietätvoll an eine solche Grabung herangehe, fügt Wild an. Von den Grabungsarbeiten schwärmen die beiden. «Speziell ist, wie gut erhalten die Knochen sind», sagt Meyer.

Zudem sei es eine tolle Gelegenheit gewesen, die Kantonsschule mit einzubeziehen. Zwei Schülerinnen nutzten die einmalige Chance und nahmen die Grabung als Grundlage für ihre Maturarbeit: Alicia Hollarek dokumentierte allgemeine Resultate und besondere Fälle aus naturwissenschaftlicher-anthropologischer Sicht, während Nathalie Wüst einen Film über die Grabung drehte.

«Speziell ist, wie gut erhalten die Knochen sind»Sabrina Meyer

Doch Unterstützung erwuchs den Archäologen nicht nur vonseiten der Schule, auch der Verein für Ortsgeschichte Küsnacht mit seinem Präsidenten Alfred Egli zeigte Interesse an den Arbeiten. So publizierten Werner Wild, Sabrina Meyer und Grabungstechnikerin Angela Mastaglio sowohl im letzt- als auch im bald erscheinenden diesjährigen Küsnachter Jahrheft Artikel zu den Ergebnissen der Grabung.

Zudem halten Werner Wild und sein Team am nächsten Donnerstag einen Vortrag darüber. Dort wird es für das Publikum die Möglichkeit geben, mit den High-Tech-Brillen die 3-D-Modelle des Gräberfelds und der Skelette selbst zu erleben. Besonders authentisch ist zudem der Ort des Vortrags: Dieser findet im Singsaal der Kantonsschule statt. Einige Knochen kehren somit an ihren Fundort zurück – ob und wann sie das nächste Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden, ist noch unklar.

Vortrag am Donnerstag 14. November um 19 Uhr im Singsaal der Kantonsschule Küsnacht, Dorfstrasse 30, Küsnacht. Eintritt frei.






Erstellt: 08.11.2019, 15:40 Uhr

Verbunden mit der Ortsgeschichte

Erkenntnisse gibt es nicht nur über die Toten selbst, sondern auch im Zusammenhang mit der Küsnachter Ortsgeschichte. So dürfte die Reformierte Kirche älter sein als gedacht. Die erste urkundliche Erwähnung des Gotteshauses datiert auf das Jahr 1188 zurück. Angesichts der Tatsache, dass Friedhöfe damals rund um Kirchen angelegt wurden, kann man nun davon ausgehen, dass die Kirche schon im 10. Jahrhundert erbaut worden sein könnte.

Aber auch die Art und Weise, wie die Knochen gefunden wurden – nämlich teilweise chaotisch verteilt – hängt mit der Historie von Küsnacht zusammen. So wurde der heutige Singsaal 1834 erbaut. Sein Vorgängergebäude überstand die grosse Überschwemmung durch den Dorfbach im Jahr 1778 nicht. Die Knochen, die damals auf dem Areal aus dem Boden ragten, wurden von den Arbeitern beim Ausebnen einfach platt gedrückt und notfalls sogar abgebrochen. (phs)

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