Küsnacht

Sie haben das historische Küsnacht nachgebaut

Christian Meier hat ein Modell seines Wohnorts um das Jahr 1880 kreiert – mit viel Liebe zum Detail und der Hilfe von Freizeitanlagenleiter Felix Peter.

Christian Meier und Felix Peter mit dem Modell von Küsnacht um das Jahr 1880.

Christian Meier und Felix Peter mit dem Modell von Küsnacht um das Jahr 1880. Bild: Patrick Gutenberg

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Die reformierte Kirche mit ihrer raffiniert geformten Turmspitze ist zu sehen, das Hotel Sonne, die Zehntentrotte und sogar der Terlinden-Kamin.

Das Modell im Massstab 1 zu 2500, das der Küsnachter Christian Meier von seinem Wohnort erstellt hat, gibt einen Eindruck davon, wie Küsnacht um 1880 aussah: Welche Bauten und Strassen es damals schon gab und welche eben nicht. Denn die katholische Kirche etwa fehlt, auch die Bahnlinie. Die rechtsufrigen Gleise wurden einige Jahre danach, 1894, eingeweiht.

Ein einschneidendes Datum, das auch einen Einfluss darauf hatte, welches Abbildungsjahr Meier für sein Modell gewählt hat. «Stark überbaut wurde Küsnacht erst nach dem Bau der Eisenbahngleise», sagt der 49-Jährige. Das Unberührte, wie es früher war, habe ihn gereizt, erzählt er und fügt an, dass er manchmal gerne noch Ende des 19. Jahrhunderts leben würde. Zeitmaschinen wurden noch nicht erfunden. Aber mit der Arbeit an seinem Modell konnte Meier immer wieder in diese Zeit eintauchen – drei Jahre lang.

See nachgebaut

«Ich hatte keine Ahnung, wie lange ich brauchen werde», gesteht Meier. «Zum Glück», fügt Felix Peter mit einem Schmunzeln an. Der Leiter der Freizeitanlage Heslibach hat einen wichtigen Anteil am Gelingen des Modells. Er stand Christian Meier bei der praktischen Umsetzung mit Rat und Tat zur Seite. «Hut ab vor dem Mut, ein solches Projekt anzugehen», sagt Peter heute und wirft einen stolzen Blick auf das fertige Modell. «Ich war froh, um seine Unterstützung», beurteilt Meier die Zusammenarbeit. Erfahrungen mit einem solch grossen Modell hatte Meier nicht.

Bislang hat er Zündholz-Modelle von bekannten Gebäuden erstellt, oder auch solche mit anderen Materialien wie Ton oder Gips.

Hier ist das Küsnachter Horn sowie das Hotel Sonne zu sehen. Dass Horn hatte 1880 nicht nur eine deutlich andere Form, sondern verfügte auch über ein kleines Gefängnis, in welchem der «Landjeger» Übeltäter einsperrte.

Aufgebaut haben die Männer den Grundkörper aus Styropor. Darauf erwachten die Landschaft und das Dorf mithilfe von reliefartig aufgeschichteten Korkplatten zum Leben. Selbst der See ist im Höhenprofil dargestellt: Die hellblau eingefärbten Schichten werden von einer Wasseroberfläche aus Plexiglas überwölbt.

Beeindruckend ist das Modell nicht nur wegen seiner schieren Ausmasse – es nimmt mit einer Länge von 135 und einer Breite von 80 Zentimetern einen beträchtlichen Teil der Stube der Meiers ein – sondern auch wegen der Detailverliebtheit, mit der es Christian Meier gestaltet hat. Wenn man es mit heute noch stehenden Häusern vergleicht, stimmen sogar Details wie etwa, ob eine Terrasse vorhanden ist, überein. Und dabei sind die Modellhäuschen derart klein, dass Meier sie mit einer Pinzette halten musste, als er die winzigen Fensterchen aufzeichnete.

Die Reformierte Kirche und das Johanniterhaus, das heute zur Kantonsschule gehört, stehen schon viel länger als seit 1880. Dafür wurde die katholische Kirche erst später gebaut.

Nachgebildet hat der gelernte Vermessungszeichner, der heute als Musiker arbeitet, auch die Reben von Küsnacht. Anstatt diese einfach nur aufzumalen, hat er für jeden Rebstock ein Stück Wickeldraht abgeknipst, im Untergrund befestigt und damit einen 3-D-Effekt erreicht. Nicht zuletzt sind es ja gerade die Reben, die essentiell sind, um den Wandel Küsnachts aufzuzeigen. 1880 erstreckten sich überall noch Weinberge, ob im Goldbach, im Heslibach oder am See. 145 Hektar betrug die Rebbaufläche, ein Vielfaches der vier Hektar, die es heute gibt.

Häuser standen dafür viel weniger: Christian Meier schätzt, dass sich etwa 350 Gebäude auf dem Modell befinden. Darin wohnten im ausgehenden 19. Jahrhundert etwa 2800 Frauen, Männer und Kinder. Damit das Mini-Küsnacht historisch möglichst realistisch ist, musste Meier erst einmal recherchieren. Als Grundlage nahm er die Siegfriedkarte von 1880, aber auch alte Postkarten, Stiche in der Tägerhalde sowie Besuche im Ortsmuseum halfen ihm, das alte Dorf zu rekonstruieren. «So habe ich Küsnacht richtig kennengelernt», sagt Meier, der seit 18 Jahren in der Gemeinde wohnt.

Was hat ihn am meisten überrascht? «Dass das Haus, in dem Tina Turner wohnt, schon stand», sagt er und weist auf das Mini-Château Algonquin, das damals noch etwas verloren am Seeufer stand. Meiers Zuhause in Goldbach war damals noch nicht erbaut. «Aber das Nachbarhaus gab es schon», sagt er und deutet auf ein kleines Klötzchen.

Kinder halfen mit

Was sagt seine Familie eigentlich zum zeitraubenden Hobby des Vaters? Sie habe auch Freude daran gehabt. «Aber meine Frau ist schon froh, dass ich fertig bin», sagt Meier. Die Kinder Luana und Silvan halfen zudem mit. So hat die Tochter etwa grosse Teile des Waldes aus zerknülltem und grün eingefärbtem Zeitungspapier geformt. So fand sogar die Zürichsee Zeitung ihren Weg in das Modell.

Bei der Zehntentrotte, welche heute vom Seeclub Küsnacht als Bootshaus genutzt wird, handelt es sich ebenfalls um ein historisches Gebäude. In der mittelalterlichen Trotte wurde Wein gelagert, der als Zehnter, also als Steuer, abgegeben werden musste.

Doch das Modell soll nicht nur der Familie Meier Freude bereiten. Es gibt schon einige Ideen, wie man es der Öffentlichkeit zugänglich machen könnte. «Im Ortsmuseum gibt es eventuell eine Möglichkeit», sagt Meier. Bereits sicher ist, dass es an der nächsten Küsnachter Kulturnacht im Herbst 2020 der Öffentlichkeit gezeigt wird. «Ich fände es schön, wenn man es im Eingangsbereich des Gemeindehauses aufstellen, könnte», ergänzt Felix Peter.

Der Terlinden-Kamin im Quartier Goldbach prägt die Uferlinie am unteren rechten Seeufer. Die Textilfirma Terlinden feierte 2018 übrigens ihr 150-Jahr Jubiläum.

Entschieden ist aber noch nichts. Klar ist, dass man sich als Ortskundiger in dem Modell völlig verlieren kann. Immer wieder gibt es Neues zu entdecken, etwa ein kleines Haus im Küsnachter Horn – es war das ortseigene Gefängnis.

Ganz abgeschlossen hat Christian Meier mit dem historischen Küsnacht noch nicht. Schon hegt er Pläne zusätzlich zum Dorf noch Itschnach und den Küsnachterberg als Modell zu verewigen. Luana und Silvan können also schon einmal anfangen, neue Bäumchen zu formen.

Erstellt: 07.11.2019, 10:47 Uhr

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