Zollikon

Schliessung von Zolliker Asylzentrum sorgt für Unmut

Weil die Asylunterkunft an der Seestrasse schliesst, müssen die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge Zollikon im August verlassen. Das hat die Asylorganisation Zürich entschieden. Die Nachricht kommt nicht bei allen gut an.

Das MNA-Zentrum in Zollikon war seit August 2016 in Betrieb. Nun wird es bereits wieder geschlossen.

Das MNA-Zentrum in Zollikon war seit August 2016 in Betrieb. Nun wird es bereits wieder geschlossen. Bild: Archiv Patrick Gutenberg

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Kaum angekommen, müssen sie Zollikon wieder verlassen – die jungen Bewohner des Asylheims an der Seestrasse. Das Zentrum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (Mineurs Non Accompagnés, MNA) schliesst im August seine Türen. Das ist knapp ein Jahr früher als erwartet. Der Mietvertrag mit dem Kanton lauft bis Juni 2019. Noch vor einem Monat wurden Jugendliche aus anderen MNA-Zentren des Kantons nach Zollikon transferiert.

Wo die 70 Jugendlichen neu untergebracht werden, ist derweil noch unklar. Die 60 Mitarbeiter des Zentrums haben Mitte Juni die Kündigung erhalten. Für die teilweise stark traumatisierten Bewohner ist der Entscheid hart. Ein Mitarbeiter der Asylorganisation Zürich (AOZ), der in der Zeitung nicht namentlich genannt werden möchte, beschreibt die Stimmung im Heim als gedrückt. Die Zentrumsleitung habe es den Mitarbeitern überlassen die Kinder und Jugendlichen zu informieren. «Viele haben geweint, einige sind am nächsten Tag nicht im Unterricht erschienen.»

Vollendete Tatsachen

Die AOZ betreibt das Zentrum seit August 2016 im Auftrag des Kantons. Thomas Kunz, Direktor der Organisation, begründet den Entscheid mit der rückläufigen Zahl der jungen unbegleiteten Flüchtlinge im Kanton Zürich. «Wir mussten auf die veränderte Situation reagieren und haben eine Lösung bewusst vor Beginn des neuen Schuljahres angestrebt.»

Dass gerade das Zentrum in Zollikon aufgegeben wird, begründet Kunz zum einen mit den vergleichsweise hohen Betriebskosten. Als ehemaliges Altersheim verfügt die Liegenschaft etwa nur über eine Grossküche. «Die Jugendlichen können deshalb nicht selbstständig kochen und wir mussten – anders als an anderen Standorten – Köche einstellen.» Weil die Unterkunft direkt am See liegt, komme im Sommer eine Badeaufsicht hinzu. Zum anderen war Zollikon von Anfang an als vorübergehender Standort geplant und der Mietvertrag befristet. «Es gab Signale vom Kanton, dass er dieses nicht verlängern möchte.»

Der Entscheid der AOZ sorgt in verschiedenen Kreisen für Kritik. Nicht zuletzt weil sowohl die Mitarbeiter als auch die Gemeinde Zollikon mit einer E-Mail vor vollendete Tatsachen gestellt wurden. Weder der Kanton noch die AOZ haben im Vorfeld das Gespräch mit den Zolliker Behörden gesucht. «Wir sind enttäuscht, es hätte sicher auch andere Kommunikationswege gegeben», sagt Gemeindepräsidentin Katharina Kull-Benz (FDP).

Nach zwei Jahren habe sich die Zusammenarbeit zwischen der Schule Zollikon und dem MNA-Zentrum eingespielt. Derzeit besuchen sieben minderjährige Asylsuchende die reguläre Oberstufe der gemeinsamen Sekundarschule Zumikon-Zollikon. «Noch ist unklar, ob das auch im neuen Schuljahr möglich sein wird», sagt Kull-Benz. «Die Schulpräsidentin führt derzeit Gespräche mit der kantonalen Bildungsdirektion und der AOZ.»

Widersprüchliche Signale

Auch die Zolliker Kantonsrätin Esther Meier (SP) kann die Schliessung nur schwer nachvollziehen. Sie hat beim Regierungsrat eine dringliche Anfrage eingereicht. Meier moniert den Zeitpunkt der Kündigungen: «Drei Wochen vor Ende des Schuljahres sind die meisten Lehrerstellen bereits besetzt.» Sie habe zwar Verständnis dafür, dass bei kleineren MNA-Zahlen eine Bündelung der Institutionen nötig sei. «Vor allem mit der Gemeinde hätten aber viel früher Gespräche stattfinden müssen.» Nicht zuletzt weil die Schule viel in die Integration der Jugendlichen investiert habe.

Der AOZ-Mitarbeiter, der anonym bleiben will, bezeichnet die Schliessung als überstürzt: «Noch im März hat die AOZ allen Lehrpersonen in Zolliker Zentrum unbefristete Verträge angeboten, um sie dann wenige Wochen später allesamt zu entlassen.»

AOZ-Direktor Thomas Kunz räumt ein, dass man einigen Lehrpersonen schon vor und unabhängig vom Schliessungsentscheid gekündigt habe. Dies weil die Zahl der schulpflichtigen Jugendlichen laufend abnahm und die Stellen deshalb vom Volksschulamt auch nicht mehr finanziert werden können. «Der Zeitpunkt einer Kündigung ist nie optimal», sagt er. «Wir werden aber versuchen möglichst viele der Betroffenen innerhalb der AOZ weiterzubeschäftigen.»

Reelle Zukunftsperspektive

Die nächsten Tage sind auch für die Zukunft der Flüchtlinge wegweisend. «Wir würden uns sehr freuen, wenn die sieben Schüler weiterhin die Sekundarschule in Zollikon-Zumikon besuchen könnten», sagt Gemeindeschreiberin Regula Bach. Dadurch könne man ihnen eine reelle Zukunftsperspektive bieten.

Was mit der Liegenschaft an der Seestrasse 109 passiert, ist ebenfalls noch offen. Das Kantonale Sozialamt und die Gemeinde Zollikon sind darüber im Gespräch. (zsz.ch)

Erstellt: 26.06.2018, 17:57 Uhr

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