Oetwil

Oetwiler Freikirche unterstützt Bedürftige mit Lebensmitteln

Menschen, die an der Armutsgrenze leben, können wöchentlich in der Oetwiler Missionsgemeinde fast gratis Lebensmittel holen. Diese stammen von Grossverteilern und Bauern.

Grosse Auswahl: Eine Bezügerin und eine freiwillige Helferin betrachten das Frischwarenangebot.

Grosse Auswahl: Eine Bezügerin und eine freiwillige Helferin betrachten das Frischwarenangebot. Bild: Moritz Hager

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Der Duft von Äpfeln und Ananas liegt in der Luft. Auf ein paar zusammengeschobenen Tischen liegen Plastikkisten voller leuchtender Mandarinen, Mangos, Granatäpfel und Aprikosen. Auf der Tischgruppe nebenan sind Kisten mit Gemüse wie Bohnen, Fenchel und Auberginen gestapelt. Die Mehrheit der Waren sieht so aus, wie sie auch im Laden anzutreffen sind.

Doch sämtliche Lebensmittel wären eigentlich im Abfall gelandet. «Sie wurden von Geschäften gratis zur Verfügung gestellt, um sie Bedürftigen abzugeben», sagt Christian Weidmann. Der Oetwiler ist Pastor der Freien Missionsgemeinde in Oetwil. Seit Mai führt er mit einem Freiwilligenteam in den kirchlichen Räumlichkeiten im Felsengrund Lebensmittelabgaben für Bedürftige durch. «Bezugsberechtigt sind IV- oder Sozialhilfebezüger sowie Flüchtlinge», erklärt er. Die entsprechenden Bescheinigungen erhalten Betroffene bei der Politischen Gemeinde.

Gefüllter Kombi

Initiiert wurde die Aktion vom Hilfswerk Remar (siehe Kasten). Die Organisation holt überschüssige oder abgelaufene Lebensmittel bei Grossverteilern und Bauern ab und lagert sie in einem Kühlhaus in Volketswil. «Die Hauptarbeit leisten die Leute von Remar», sagt Weidmann. Sein Einsatz startet jeweils am Montagnachmittag um drei. Dann fährt er mit seinem Kombi nach Volketswil und füllt ihn mit dem, was vorhanden ist: Gemüse, Früchte, Brot, Fleisch, Milchprodukte oder auch Grundnahrungsmittel. Heikle Lebensmittel wie Fleisch- oder Wurstwaren verstaut er in Kühltaschen. «Heute gab es aber nur Gemüse und Früchte», sagt der Pastor und zieht sich Plastikhandschuhe an. Gemeinsam mit vier freiwilligen Helfern kontrolliert er die Waren nochmals, bevor um 16.30 Uhr die Abgabe beginnt.

Was macht Remar?
Das christliche Hilfswerk Remar wurde 1987 in Spanien gegründet. Das Werk ist weltweit tätig. Für die Lebensmittelabgaben in der Schweiz wurde in Volketswil ein Sortierungszentrum mit Kühlräumen eingerichtet. An sechs Tagen pro Woche holt ein Kühlwagen überschüssige Lebensmittel bei Migros, Coop und Aldi oder bei Bauern ab. Täglich kommen so zwei Tonnen Früchte, Gemüse, Brot, Fleisch, Fisch, Milchprodukte oder Grundnahrungsmittel zusammen, die sortiert, kontrolliert und – falls nötig – gekühlt gelagert werden. Fleischwaren dürfen zwar das Ablaufdatum, nicht aber das Verbrauchsdatum überschritten haben. 1,3 bis 1,5 Tonnen der Esswaren könnten an Bedürftige weitergegeben werden, sagt Geschäftsführer Paulo Oliveira. Der Rest wird zu Tierfutter oder Biogas verarbeitet. Sämtliche Lebensmittel werden gleichentags oder am folgenden Morgen weitergegeben. Aktuell gibt es im Kanton Zürich zehn Abgabestellen wie etwa die Freie Missionsgemeinde in Oetwil. Insgesamt profitieren schätzungsweise 1800 Personen pro Woche von den Lebensmitteln, die Remar sammelt. (mbs)

Bereits zehn Minuten vorher stehen die ersten Menschen vor den Toren des Lokals. Sie haben Postiwägeli oder Taschen dabei. «Viele unserer Kunden erscheinen extrem pünktlich», erzählt der Pastor. Schliesslich «häts, solangs hät». Bis jetzt habe aber noch nie einer der durchschnittlich zehn bis zwanzig Bezüger mit leeren Händen heimkehren müssen. «Wir konnten die Leute grosszügig versorgen.» Als um Punkt halb fünf die Türen aufgehen, pilgern die Menschen einzeln an Christian Weidmann vorbei. Dieser kontrolliert die Lebensmittelabgabekarte, die jeder berechtigte Bezüger ausgestellt bekommt, und lässt sich einen symbolischen Betrag von einem Franken geben. «Das Geld geht vollumfänglich an Remar», sagt Weidmann.

Gesünder leben

Danach können die Leute sich an den Tischen bedienen. Je nach Familiengrösse dürfen sie mehr oder weniger Esswaren mitnehmen. Während Einzelne bereits nach fünf Minuten mit gefüllter Tasche gehen, lassen andere sich alle Zeit der Welt. Sie plaudern und scherzen mit den Helfern und lassen sich beim Einpacken der Esswaren helfen. Ein bisschen klingt es nun im Raum wie bei einer fröhlichen Zusammenkunft.

 «Ich bin besonders froh um das Angebot an Früchten und Gemüse.»IV-Bezügerin

Ursula Mäder* ist eine der Bezügerinnen. Die 49-jährige Oetwilerin lebt von der IV. Seit sie hier Lebensmittel holen dürfe, ernähre sie sich gesünder, sagt sie. «Ich bin besonders froh um das Angebot an Früchten und Gemüse.» Solche leiste sie sich sonst praktisch nie. Die Lebensmittelabgabe entlaste ihr Budget und stelle zudem eine Pause im manchmal schwierigen Alltag dar. «Ausserdem berühren mich die Anteilnahme und das Verständnis der freiwilligen Helfer.» Die 44-jährige Livia Brönig* holt alle zwei Wochen hier Esswaren. «Das entlastet meine Finanzen stark», sagt sie. Auch sie schätzt den Kontakt mit dem Freiwilligenteam sehr.

Poulet für Muslime

Einzelnen jedoch fällt es sichtlich schwer, auf das Angebot angewiesen zu sein. «Das Thema ist oft schambehaftet», sagt Weidmann bedauernd. Er findet es deshalb nicht einfach, Menschen auf das Angebot aufmerksam zu machen. «Man will ja niemanden vor den Kopf stossen.» Gerne würde er mit seinem Team aber noch mehr Bedürftige unterstützen.

Der Oetwiler Pastor hat die Arbeit bis jetzt sehr positiv erlebt. Die Leute seien offen und dankbar. Bei der Aktion gehe es nicht darum, mehr Mitglieder für die Kirche anzuwerben. «Für uns steht im Vordergrund, Menschen in einer schwierigen Lebenssituation ganz praktisch zu helfen.» Dass die Abgabestelle in einem christlichen Gotteshaus liegt, scheint auch für Bezüger mit muslimischem Glauben kein Hinderungsgrund zu sein: «Das war bis jetzt nie ein Thema», sagt Weidmann. Er und sein Team sehen es als Chance, Andersgläubigen mit Liebe zu begegnen. Ganz praktisch tun sie das, indem sie etwa Pouletfleisch für Muslime beiseitelegen.

Aber heute gibt es ja sowieso kein Fleisch, und nachdem sich der Raum nach einer Stunde wieder geleert hat, bleibt noch einiges an Gemüse, Salat und Früchten übrig. Die Helfer überlegen, wem sie einen Sack Lebensmittel vorbeibringen können, und machen sich ans Aufräumen. Unter den abholenden Menschen waren Personen aller Hautfarben und mit den unterschiedlichsten Geschichten. Armut hat viele Gesichter.

Erstellt: 27.09.2019, 09:58 Uhr

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