Zürichsee

Netze sind eine Wissenschaft für sich

Damit die Fische ins Netz gehen, müssen die Berufsfischer am Zürichsee Erfahrung, Gespür und Ausdauer haben. Und sie müssen alle Vorschriften kennen. Denn ein Netz kann am falschen Ort und zur falschen Jahreszeit untauglich oder gar verboten sein.

Pius Grieser achtet genau, wo und welche Grundnetze oder Schwebnetze er einsetzt: Vorschriften und eigene Erfahrungen entscheiden mit.

Pius Grieser achtet genau, wo und welche Grundnetze oder Schwebnetze er einsetzt: Vorschriften und eigene Erfahrungen entscheiden mit. Bild: Michael Trost

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Pius Grieser ist mit 23 Jahren der zur Zeit jüngste Berufsfischer vom Zürichsee. Dass er dennoch schon erfahren genug ist, um mit guten Fängen heimzukehren, hat wohl auch genetische Gründe.

Der Obermeilemer repräsentiert die fünfte Fischergeneration in seiner Familie. Schon als Kleinkind fuhr er mit Vater Peter Grieser bei Wind und Wetter auf den See. Seit 2016 geht er mit eigener Pacht seinem Beruf nach. 4000 Franken zahlt Pius Grieser pro Jahr für die Bewilligung, im Kanton Zürich gewerbsmässig fischen zu dürfen.

Handarbeit am Netz

Es ist 6 Uhr morgens, auf der Höhe der Chemie Uetikon zieht der Berufsfischer ein Grundnetz aus rund 15 Meter Tiefe hoch, das er am späten Nachmittag des Vortages gesetzt hatte. Die Zugarbeit nimmt ihm eine elektrisch angetriebene Rolle ab, die Grieser mit dem Fusspedal betätigt. Es bleibt genug Handarbeit für die auftauchenden zweimal 90 Meter langen, zusammengehängten Grundnetze.

Der Felche zappelt im Netz von Pius Grieser. Bild: Michael Trost.

Schon zappelt darin ein Rotauge, dann ein Felchen, und wieder zwei Rotaugen. Dazwischen zupft der Fischer Blätter, Äste und Steine aus dem Maschenwerk. Das ordentlich über eine Stange gehängte Netz wird mehrmals ins Seewasser getaucht um die letzten Algenfetzen rauszuspülen, die für die Fische eine Warnung sein könnten: Achtung, hier ist ein Hindernis. Das saubere Netz ist bereit für den nächsten Einsatz am späteren Nachmittag.

Ein treuer Begleiter

Unterdessen ist Köbi auf dem Bugdeck gelandet – ein Graureiher, der schon seit vielen Jahren Vater und Sohn Grieser bei den Fischzügen begleitet. Der Vogel scheint den Wind bei der Weiterfahrt des Boots zu geniessen, hält im Wellengang geschickt wippend mit seinen spindeldürren Beinen die Balance.

«Man muss immer wieder probieren in welcher Tiefe man Fische fängt, variieren, Erfahrungen machen.»
Pius Grieser, Berufsfischer

Vor der Badi Meilen und Feldmeilen zieht der Fischer weitere Grundnetze aus zehn bis 25 Metern Tiefe hoch. Der Fang ist bescheiden: Einige Rotaugen, zwei Hechte eine Trüsche, ein Saibling sowie eine Forelle. Vom eigentlichen Zielfisch, dem Felchen, liegen erst zwei Exemplare in der Kiste. Für Köbi wäre das schon genug, er trippelt auf und ab, äugt auf den Fang, muss aber auf seinen Lohn noch warten.

«Man probiert beim Fischfang alles», sagt Pius Grieser. Obwohl noch eher Saison für Schwebnetze sei, weil sich die Fische jetzt in höheren Wasserzonen bewegen, will er nicht auf die Grundnetze verzichten.

«Das macht Freude»

Vor der Halbinsel Au kommen nun die angesprochenen Schwebnetze dran. Elf Stück dürfen miteinander verbunden werden. Fast einen Kilometer lang zieht sich die Reihe von kleinen Schwimmkörpern wie eine Perlenschnur über den See, an der das Netz fünf Meter unterhalb der Wasseroberfläche hängt und eine zehn Meter hohe Maschenwand bildet.

Graureiher Köbi hat sich seinen Begleiterlohn verdient. Bild: Michael Trost.

Und siehe da: Jetzt zieht Grieser ein Felchen nach dem anderen hoch. Die separate Kiste für diesen gesuchten Fisch füllt sich rasch. Er scheint selbst überrascht vom Ertrag. «Das macht Freude und wird auch meine Kunden freuen», sagt er. Offenbar zählt sich Köbi zu ihnen. Der Vogel streckt den Hals und scheint zu spüren, dass ihm heute ein dicker Fisch winkt. Bald.

Zufall und Wissen

«Man muss immer wieder probieren in welcher Tiefe man Fische fängt, variieren, eigene Erfahrungen machen», erklärt Grieser. Im Frühling bewegen sich die Fische in der Regel oberhalb von 15 Metern, im Sommer, Herbst und Winter gehen sie bis zu 60 Meter runter. «Am einen Tag ist dieser Ort und diese Tiefe gut, am nächsten kann es ganz anders sein.»

Um nicht zu stark vom Zufall abhängig zu sein, braucht es aber auch Wissen und Können beim richtigen Einsatz der Netze. «Das ist eine Wissenschaft», sagt Grieser und zählt auf, welche Variationen es gibt: Fadenstärke, Maschenweite, Grund- oder Schwebnetz, Einsatzort, tieferes Wasser oder obere Seezonen.

Trotz elektrischer Hilfsmittel ist beim Rausziehen der Netze noch immer viel Handarbeit gefragt. Bild: Michael Trost.

Der Farbe des Netzes misst er hingegen geringe Bedeutung zu, solange die Fische nicht mit Leuchtfarben gewarnt werden. «Es gibt Tage, an denen fange ich mehr in gelben Netzen, an anderen in grünen, ich weiss nicht woran das liegt», sagt er. «Manche behaupten gar, Egli fängt man am besten mit oangeroten Netzen.» Sein Gesichtsausdruck spricht bei diesem Satz Bände: Er hält das eher für Hokuspokus.

Nach drei Stunden sind alle Netze eingeholt, es geht heimwärts. Pius Grieser nimmt ein Rotauge aus einer mit Eisgranulat bedeckten Kiste. Köbi trippelt ihm entgegen. Ein Schnapper mit dem langen, spitzen Schnabel, ein paar ruckartige Kopfbewegungen um den Fisch zurechtzubüscheln und schon rutscht er als Ballon sichtbar den dünnen Hals runter. Dann hebt der Graureiher ab und fliegt davon. Für ihn und den Fischer hat dieser Tag gut begonnen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.06.2018, 13:35 Uhr

Kleine Netzkunde

Wie viele Netze darf ein Berufsfischer pro Pacht auslegen?
Im Sommer 25 Grundnetze und 11 Schwebnetze, im Winter 30 Grundnetze und 11 Schwebnetze.
Was unterscheiden Grund- und Schwebnetze?
Beide Netzarten sind 90 Meter lang und aus Nylon (Fadenstärke 0,1 und 0,2 mm) gefertigt. Grundnetze dürfen bis 5 Meter hoch sein. Sie sinken dank 3,5 kg schwerer Bleileine unten auf den Seeboden, während die obere Leine mit Hohlkörpern 2,5 kg Auftrieb geben und so das Grundnetz aufrecht halten.
Schwebnetze dürfen zehn Meter hoch sein und werden mittels Schwimmkörpern auf eine gewünschte Tiefe ins Freiwasser gehängt. Sie bleiben dank Bleileine unten und Schwimmleine oben ausgebreitet. Anker oder Gewichte an den Enden verhindern das Abdriften.
Wie gross sind die Maschen?
Grundnetze haben eine Mindestmaschenweite von 26 mm. In Gebieten in denen der Tagesfang mehr als 20 Prozent Felchen oder Albeli gefangen werden, gilt eine Mindestmaschenweite von 35 Millimeter, für Schwebnetz eine solche von 40 mm. So können Jungfische, die sich tendenziell in oberen Wasserschichten aufhalten, durchschlüpfen und bis zur Geschlechtsreife wachsen. Netze mit der engsten zugelassen Maschengrösse von 26 bis 34,9 mm dürfen nur bis 20 Meter Tiefe eingesetzt werden, sodass kleine Felchen nicht ins Netz gehen. Vom 1. April bis 15. Mai gilt eine Mindestmaschenweite von 35 mm, da sich das Egli im Laichgeschäft befindet.
Wie lange halten die Netze?
Durchschnittlich halten Netze ein bis zwei Jahre – meist mit Reparaturen zwischendurch. Vor allem von der Strömung erfasste Grundnetze können löchrig werden oder reissen, wenn sie sich am Boden in Hindernissen verheddern. Schwebnetze können von stürmischem Wetter abgetrieben werden und sind besonders im Sommer gefährdet von Bootsfahrern. Auch mutwillige Zerstörung ist nicht selten.
Was kosten die Netze?
In der Schweiz gibt es mit der Firma Sallmann-Fehr AG in Tägerwilen (Thurgau) einen Hersteller. Wegen der grösseren Breite sind Schwebnetze teurer als Grundnetze und kosten je nach Maschenweite und Fadenstärke zwischen 300 und 800 Franken. Die Netze müssen vor dem ersten Einsatz vom Fischereiaufseher geprüft und plombiert werden. Pius Grieser verbraucht jedes Jahr Netze im Wert von mehreren Tausend Franken.

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