Im Gespräch

«Nach dem Tanzen fühle ich mich erlöst»

25 Jahre tanzte Yen Han als Solistin am Ballett Zürich. Nun widmet sich die Zumikerin eigenen Projekten, unter anderem ihrer neuen Tanzschule in Küsnacht, und erzählt, was für sie die Magie des Balletts ausmacht.

Yen Han im Yen Han Dance Center in Küsnacht, das erst kürzlich fertiggestellt wurde.

Yen Han im Yen Han Dance Center in Küsnacht, das erst kürzlich fertiggestellt wurde. Bild: Manuela Matt

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Wie geht es Ihren Füssen nach fast 40 Jahren Ballett?
Denen geht es gut, ich kann noch problemlos gehen. (lacht)

Mit 46 Jahren tanzen Sie immer noch auf Weltklasse-Niveau. Ein Alter, in dem andere Tänzer schon längst aufgehört haben, weil ihr Körper das nicht mehr mitmacht. Wie machen Sie das?
Heutzutage gibt es immer mehr Tänzer, die bis ins mittlere Alter auftreten. Die Jahre sind einfach verstrichen, und ich nehme jeden Tag so, wie er ist. Ich tanze, seit ich sieben Jahre alt bin und habe mich nie gefragt, wie lange ich weitermachen werde. Dabei geht es nicht nur nur um das physische, sondern auch um das mentale Wohlbefinden. Viele Tänzerinnen und Tänzer hören auf, weil sie dem Druck nicht mehr standhalten. Eine wichtige Rolle spielen sicher auch meine Familie und Kollegen, die mich unterstützen und inspirieren, so dass ich weiterhin kreativ sein kann und es mir gut geht.

Das ist Ihre erste Saison, in der Sie nicht mehr fester Teil des Ballett-Ensembles im Opernhaus sind. Fiel Ihnen der Abschied schwer?
Es war der richtige Zeitpunkt für diesen Schritt, der im gegenseitigen Einvernehmen erfolgt ist. Für beide Seiten ist es eine gute Sache. Für mich, weil ich nun Zeit habe, eigene Projekte zu verfolgen. Ich geniesse die neu gewonnene Freiheit und Flexibilität, das Opernhaus wird aber mein zweites Zuhause bleiben. Und ich bin sicher oder zumindest hoffe ich, dass sie mich vermissen werden. (lacht)

Die Zumikerin Yen Han tanzte ein Vierteljahrhundert in der Kompanie des Balletts Zürich.

Sie werden aber weiterhin als Gast in Produktionen des Balletts Zürich auftreten.
In «Messa da Requiem» sowie «Nussknacker und Mausekönig» werde ich diese Saison die Rollen tanzen, die der Zürcher Ballettdirektor Christian Spuck eigens für mich geschrieben hat. Für Choreographen ist es ideal, wenn solche Rollen von den Tänzern verkörpert werden, für die sie geschrieben wurden. Bitterkeit verspüre ich nicht, ich bin weiterhin Teil des Opernhauses, habe meine eigene Garderobe, kann mit der Kompanie trainieren, bin aber nicht immer verpflichtet dazu. Wenn ich nicht da bin, habe ich die Freiheit, in Shanghai zu tanzen oder meine Zeit, meinen Ballettschülern zu widmen.

Sie hatten eine spezielle Beziehung zu Heinz Spoerli, Christian Spucks Vorgänger. Wie war es für Sie, als er 2012 nach 16 Jahren als Ballettdirektor in Zürich, zurücktrat?
Heinz Spoerli war ein sehr wichtiger Mensch für mich und meine Karriere. Nach meinen zwei ersten Saisons mit Bernd Bienert am Opernhaus Zürich, fing Heinz Spoerlials neuer Direktor an. Er wurde mein Mentor und Choreograph. Er war es, der mich dazu veranlasst hat, in Zürich zu bleiben. Als er ging und Christian Spuck übernahm, war dies eine grosse Veränderung. Aber so ist das Leben, die Dinge ändern sich. Die Zusammenarbeit mit einem neuen Direktor brachte neue Perspektiven. Es war toll, denn ich fühlte mich plötzlich, als würde ich in einer anderen Kompanie tanzen, war aber weiterhin in Zürich.

«Als Heinz Spoerli ging, war dies eine grosse Veränderung für mich.»Yen Han

Was macht für Sie die Faszination des Balletts aus?
Für mich ist es wie Meditation, auf der Bühne zu stehen. Bei einem Auftritt bin ich ganz auf das Tanzen fokussiert. Diese tiefe Konzentration bringt mich mir selbst näher. Nachdem Tanzen fühle ich mich erlöst. Das ist das Geheimnis eines erfolgreichen Lebens: Man muss sich vollständig auf das konzentrieren, was man tut.

Sind Sie als erfahrene Tänzerin vor einem Auftritt noch nervös?
Ich spüre kein Lampenfieber, das sich in Zittern oder Schweissausbrüchen äussert. Nachdem ich schon so lange tanze, verfüge ich über eine gewisse Routine und fühle ich mich wohl auf der Bühne. Ich spüre aber eine gewisse Anspannung, da ich mich fokussieren muss. Wenn man eine Rolle verkörpert, trägt man jedes Mal eine grosse Verantwortung, das ist anstrengend. Im entscheidenden Moment bei sich zu sein, ohne an anderes zu denken, ist manchmal schwierig als vielbeschäftigter Mensch.

Wie sieht es denn aus, wenn einer ihrer Schüler des Yen Han Dance Centers einen Auftritt hat. Sind Sie dann nervös?
Nein, Auftritte von Schülern sehe ich mit anderen Augen, sie müssen nicht perfekt sein. Aber natürlich fordere ich sie, damit sie ihr Potential ausschöpfen. Meine eigene Karriere war so lange: Sie haben also noch viele Jahre vor sich, um an ihrer Technik zu feilen. Aber ich verspüre einen gewissen Druck dahingehend, dass ich ihnen Inspiration durch das Ballett vermitteln möchte. Wichtiger als Perfektion ist, dass sie die Herausforderung des Tanzens lieben lernen und offen für neue Herausforderungen sind. Das Gefühl wirklich zu leben, zu träumen und zu lieben, was man tut, ist wichtiger als alles andere. Es ist aber meine Verantwortung, Qualität und Professionalität in meiner Schule sicherzustellen.

Video: Schwanensee am Zürcher Ballett. Yen Han im Jahr 2009

Selbst zu tanzen und zu unterrichten sind zwei sehr unterschiedliche Aufgaben.
Es ist schwieriger, zu unterrichten, als zu tanzen - eine grössere Verantwortung. Meine Schüler kann ich im Gegensatz zu mir selbst nicht kontrollieren. Ich kann nur versuchen, ihnen so viel wie möglich mitzugeben. Wie viel sie davon tatsächlich aufnehmen, kann ich aber nicht beeinflussen. Die Entwicklung meiner Schüler zu beobachten, ist eine schöne Erfahrung.

Wie gehen Sie vor, wenn ein Schüler oder eine Schülerin den Wunsch äussert, eine professionelle Ballettkarriere einzuschlagen?
Ich muss das Kind dann mit anderen Augen betrachten und entscheiden, ob es eine Chance hat. Wer professionell tanzen will, muss leider einen Körperbau haben, der gewissen ästhetischen Massstäben entspricht. Wenn ein Jugendlicher wissen möchte, ob er in fünf Jahren am Opernhaus tanzen wird, muss ich ehrlich sein. Es ist aber eine sehr heikle Angelegenheit, einem Jungen, einem Mädchen oder einer Mutter zu sagen, dass es für eine professionelle Ballettkarriere nicht reicht. Grundsätzlich möchte ich die Tür zum Tanzen aber jedem offen lassen: Heute gibt es neben klassischen Ballettkompanien noch viele andere Möglichkeiten, wie Tanz zum Beruf werden kann.

Sie selbst sind als Kind mit ihren Eltern aus Vietnam geflüchtet, bevor sie in Hongkong und später in den USA gelebt haben. Wie hat Sie das geprägt?
Meine Eltern waren Professoren am Musikkonservatorium, bevor wir aus Vietnam geflüchtet sind. Ich war erst fünf oder sechs Jahre alt. An Elend oder Angst kann ich mich nicht erinnern, als Kind folgt man einfach seinen Eltern.Im Rückblick muss ich sagen, dass es sehr mutig von ihnen war, sich in Gefahr zu begeben, um uns ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. Sie gaben uns die Einstellung mit, niemals aufzugeben und das, was man hat, zu schätzen. Wahrscheinlich koste ich deswegen das Leben voll aus.

Was tun Sie, wenn Sie nicht tanzen?
Oh, mein Gott! Ich bin sehr beschäftigt damit, mit meinem Mann eine neue Ballettkompanie und -schule in Küsnacht aufzubauen. Haben Sie nicht gemerkt, wie schwierig es war, einen Termin mit mir auszumachen? (lacht) Wenn ich tanze, habe ich hingegen wirklich Zeit für mich.






Erstellt: 25.10.2019, 15:13 Uhr

Zur Person

Yen Han

Yen Han (46) war zwischen 1994 und 2018 Mitglied des Ensembles des Ballett Zürich. Die Primaballerina tanzte grosse Hauptrollen in allen Ballettklassikern wie Schwanensee, Giselle sowie Romeo und Julia. Sie tanzte aber auch in Uraufführungen von Christian Spuck und Filipe Portugal. Die Amerikanerin mit chinesischen Wurzeln arbeitete mit mehr als 20 Choreographen und performte auf Bühnen auf vier Kontinenten.

Nach ihrer Ausbildung in den USA und in China kam sie aus beruflichen Gründen nach Europa, um neue Inspiration zu finden. Sie wurde mit vielen Preisen geehrt, unter anderem dem Tanzpreis der Freunde des Balletts Zürich. Mittlerweile ist sie als Gast auf diversen Bühnen, auch im Ballett Zürich, zu sehen. Zusätzlich betreibt sie mit ihrem Mann die Yen Han Ballet Productions, welche das Yen Han Dance Center und die Yen Han Dance Kompanie umfassen. Die Ballettschule verfügt über einen Standort in Zürich Witikon und neu über einen in Küsnacht an der Freihofstrasse. Yen Han lebt mit ihrem Schweizer Mann und einem 16- sowie einem 8-jährigen Sohn in Zumikon. (phs)

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