Mietvelos

Mietvelos aus Asien stranden rund um den Zürichsee

In den Gemeinden am Zürichsee stehen vermehrt herrenlose Velos der Verleihfirma O-Bike herum. Viele sind seit Wochen nicht benutzt worden. Andere wiederum scheinen sich plötzlich in Luft aufzulösen.

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Da stehen sie nun, und niemand schert sich um sie: Ein halbes Jahr, nachdem das Singapurer Unternehmen O-Bike in der Stadt Zürich seine Leihvelos auf den Markt gebracht hat, sind die ersten gelb-grauen Eingänger auch in den Gemeinden am Zürichsee anzutreffen – selten jedoch samt Fahrer, sondern meist verwaist an einem öffentlichen Abstellplatz. Oft stehen sie dort tage- oder gar wochenlang ungenutzt herum. Beispiele dafür gibt es viele: Seit mindestens einem Monat sind am Bahnhof Küsnacht und Erlenbach je zwei Fahrräder zu sehen.

Ausgeliehen wurden sie während dieser Zeit allem Anschein nach nicht. In Küsnacht lag eines der Velos sogar mehr als eine Woche lang umgeworfen am Boden, bis sich jemand seiner erbarmte und es wieder aufstellte. In Rapperswil steht seit Tagen ein O-Bike direkt am Hafen. Der Ständer des in China fabrizierten Billigvelos ist bereits angerostet. Und auch beim Bahnhof Thalwil stehen schon länger zwei Velos herum, die offenbar nie jemand anrührt.

Wie kamen die Velos hierher?

Wie kommt es, dass diese Velos, die ursprünglich für Fahrten in der Stadt Zürich gedacht waren, so lange am Zürichsee herumstehen? Von O-Bike gibt es dazu keine Antwort. Mehrere Anfragen blieben in den vergangenen Tagen unbeantwortet. Denkbar sind aber zwei Erklärungen. Erstens: O-Bike platziert wieder Velos ausserhalb von Zürich. Dies hat die Firma im vergangenen Jahr bereits in einigen Gemeinden im Kanton getan – bis sie nach Interventionen der Behörden, die sich vor einem Velowildwuchs fürchteten, zurückkrebsen musste, etwa in Uster.

Gegen diese These spricht, dass die Leihvelos am Zürichsee recht unsystematisch verteilt sind. Möglich ist deshalb, dass die zweite Erklärung zutrifft: Kunden leihen die Velos in Zürich aus, pedalen aus der Stadt und lassen das O-Bike am Zielort stehen, wo dann keine Nachfrage mehr danach besteht. Denn für die steilen Hänge am Zürichsee sind die Eingänger eher ungeeignet.

Einen Aufräumer engagiert

Für viele O-Bikes sind die Velorechen vor den Bahnhöfen Endstation. Dort fühlt sich dann niemand richtig für sie zuständig. Die SBB verweisen auf Anfrage der ZSZ an die jeweiligen Gemeinden. Denn diese betreiben die Anlagen, die SBB stellen ihnen lediglich ihre Grundstücke zur Verfügung. Die Gemeinden wiederum sind von den vereinzelnten verwaisten O-Bikes offenbar noch zu wenig betroffen, denn von einer Veloschwemme kann man – anders als in der Stadt Zürich – trotz allem nicht sprechen.

Und was unternimmt O-Bike? Eigentlich müsste die Firma aus eigenem Interesse darum besorgt sein, dass die Velos bald wieder zurück in die Stadt kommen, wo es potenziell mehr Mieter gibt. Sie ernannte denn auch im vergangenen Herbst einen Länderchef für die Schweiz, der für Ordnung sorgen soll. Gegenüber der «Handelszeitung» sagte der neue Geschäftsführer Daniel Junge damals, er wolle sich insbesondere um ungeordnet abgestellte Velos kümmern: «Wir arbeiten mit einem externen Dienstleister zusammen, der die Velos für uns einsammelt und neu verteilt.» Warum dies am Zürichsee nicht oder nur selten geschieht, ist unklar. Für die ZSZ war Junge nicht erreichbar.

Die App ist fehlerhaft

An einigen Orten verschwinden die Velos jedoch wie von Geisterhand wieder – etwa am Engelplatz in Rapperswil und an der Kreuzstrasse in Wädenswil. Gemäss der App, mit deren Hilfe man auf dem Handy Velos orten kann, müsste dort eigentlich je ein O-Bike stehen. Das ist aber nicht der Fall.

Eine mögliche Erklärung dafür: Die Daten für den Standort liefert nicht das Velo selber via GPS, sondern das Handy des Mieters. Schliesst dieser ein Velo ab, gilt die letzte Position, die das Handy übermittelt hat, als Standort des Velos. Das ist auch dann noch so, wenn das Fahrrad – beispielsweise von O-Bike selbst – abtransportiert worden ist, ohne zuvor per Handy entriegelt worden zu sein. Seinen neuen Standort zeigt es auf der virtuellen Karte in der App erst dann an, wenn das Velo das nächste Mal von einem Nutzer per Handy entriegelt wird und dieses neue Daten sendet.

Geschieht dies nicht, zeigt die App den Standort der Velos falsch an. Das ist beispielsweise bei den Leihvelos am Bahnhof Erlenbach und Thalwil der Fall. Laut der App sollten dort eigentlich gar keine Velos stehen. Fazit: Wer doch einmal am Zürichsee ein O-Bike ausleihen möchte, sollte sich nicht zu sehr auf die Technologie verlassen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.01.2018, 16:02 Uhr

So funktioniert die Ausleihe

Die gelb-grauen Velos des Singapurer Unternehmens O-Bike sind mit einem GPS-Sender ausgestattet. Sie können mit Hilfe einer App auf dem Mobiltelefon geortet und entsperrt werden. Die Fahrkosten – 1.50 Franken für eine halbe Stunde – werden von der Kreditkarte abgebucht. Wer das Velo nicht mehr benötigt, kann es an einem beliebigen öffentlichen Ort abstellen und absperren, es gibt also keine bestimmte Rückgabestationen.

Nach demselben Prinzip funktioniert der Ausleih der kalifornischen Firma Lime-Bike, die ihren Betrieb vor kurzem mit grün-gelben Velos aufgenommen hat. Auch der Anbieter Smide mit seinen weissen E-Bikes setzt auf das Free-Floating-System. In den Seegemeinden sind diese Velos noch kaum in Erscheinung getreten. Die elektrischen Cargo-Bikes von Carvelo2go und die Velos von «Züri rollt» wiederum werden an fixen Stationen ausgeliehen. (miw)

Zweifel am Geschäftsmodell

Was geschieht mit den Daten?

Womit will O-Bike wirklich Geld verdienen? Diese Frage steht im Raum, seitdem der «Tages-Anzeiger» publik gemacht hat, dass das Unternehmen Handydaten der Velomieter an den chinesischen Einzelhandelsriesen Alibaba übermittelt. O-Bike hatte zuvor versichert, man verkaufe keine Nutzerdaten an Dritte und stellt sich auch jetzt noch auf diesen Standpukt. Trifft dies zu, macht die Firma ihren Umsatz nur mit der Vermietung der Velos. Ihr Ziel ist es, alle ihrer 500 Fahrräder in Zürich durchschnittlich dreimal pro Tag zu vermieten und so monatlich 270 000 Franken einzunehmen. Das habe man bisher nicht geschafft, räumte Daniel Junge, Länderverantwortlicher für die Schweiz, kürzlich in den Medien ein. Solange Velos wie am Zürichsee tage- und wochenlang unbenutzt herumstehen, dürfte es weiterhin schwierig sein, dieses Ziel zu erreichen. (miw)

Mietvelos rund um den Zürichsee

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Wohnen Sie in der Zürichsee-Region und stolpern selbst beinahe täglich über herrenlose, verwahrloste oder einfach schief in der Landschaft stehende O-Bikes, dann senden Sie uns doch ein Bild davon an webredaktion@zsz.ch.

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