Meilen

«Manchen musste ich erst das Notenlesen beibringen»

Die Kantorei Meilen wird heuer 50 Jahre. Deren wechselvolle Geschichte ist bis heute durch viel Aufbauarbeit geprägt.

Der ehemalige und der aktuelle Kantor:Beat Schäfer und Ernst Buscagne teilen die Leidenschaft fürs Singen.

Der ehemalige und der aktuelle Kantor:Beat Schäfer und Ernst Buscagne teilen die Leidenschaft fürs Singen.

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Die Selbstkritik ist herb: Unpräzise Einsätze. Hühneraugen-Intonationen. Das notabene, mute man dem Gastdirigenten mit absolutem Musikgehör zu. Dass der mit beissender Kritik nicht zurückhalte – «wollen wir es ihm verargen?»

Tempi passati: Man schreibt das Jahr 1983 – und ein sichtlich verzweifelter Autor den Jahresbericht der Kantorei Meilen. Der Gastdirigent ist denn auch Vorbild, Inspirationsquelle in Person: Siegfried Lehmann, angereist aus West-Berlin, ebendort Leiter des Johannischen Chors. Und nicht ganz unbeteiligt daran, dass die gesangsbegeisterten Meilemer von heutzutage auf ihre Kosten kommen. Heuer nämlich feiert die Kantorei Meilen ihr 50-jähriges Jubiläum. Genau genommen steckt hinter der Gründung anno 1969 die formelle Vereinigung des damaligen Kirchenchors mit dem Pro-Arte-Chor. Faktisch ist diese schon im Jahr zuvor vollzogen. Und bald schon nährt die gewonnene Grösse des neuen Chors den Wunsch nach mehr: so zu singen wie der Johannische Chor.

Erster Kantor 1983

Mit den Berliner Sängern verbindet jene aus Meilen unter Dirigent Peter Marx schon lange enge Freundschaft. Oft kommt es zu gegenseitigen Besuchen. Vor allem die Zusammenarbeit, die der Johannische Chor mit der Kirche unterhält, inspiriert die Singfreunde vom Zürichsee. Dazu gehört auch der Förderung von Sängern ab dem Kindes- bis ins Erwachsenenalter. Dass sich die Meilemer Kantorei auch auf einen solchen Weg machen soll, findet nicht zuletzt Pfarrer Wilfried Klötzli. Er stösst bei Kantoreipräsident Kurt Klöpfer auf offene Ohren. «Damit wird die Kantorei Meilen zu einer eigentlichen Kantorei», sagt Beat Schäfer.

Heisst, zu einem Chor mit bestimmten Funktionen: «Beim Aufbau der Kirchgemeinde mitzuwirken, die Liturgie mitzugestalten, ein kulturelles und soziales Angebot zu schaffen.» Schäfer hat ab 1983 bis 2000 diese und weitere Aufgaben inne; er ist damit der erste Kantor in Meilen mit entsprechender Ausbildung. «Am Anfang musste ich manchen Sängern erst Notenlesen und Rhythmus beibringen», erinnert er sich. Der Chor vergrössert sich von den 41 Sängern 1983 rasch auf bis zu deren 65 – mit unpräzisen Einsätzen und Hühneraugen-Intonationen dürfte es bald ein Ende gehabt haben. Zudem geht Schäfer den Aufbau von Kinder- und Jugendchor an, «unter anderem durch Besuche mit Kennenlern-Chorproben in den Schulen.»

Frühe Förderung

Letzteres ist für Ernst Buscagne, den aktuellen Kantor, Wunschtraum. «Im neuen Lehrplan kommt das Singen zu kurz», bedauert er. Sieht er es doch als zentral, die Kinder früh für das Singen zu begeistern und zu fördern. Dies – als Gemeindeaufbau einer seiner Aufträge – nimmt er denn vor allem als Leiter der Singschule der Musikschule Pfannenstiel (MP) wahr. «Der Aufbau beginnt breit angelegt für die Kleinsten», sagt er, «und geht weiter bis zum Jugendchor für die bis 20-Jährigen.» Selbstredend sei hierbei die Schnelllebigkeit unserer Zeit eine Herausforderung.

Dennoch, der Aufbau trägt Früchte – Buscagne plant, ein Vokalensemble aus ehemaligen Jugendchor-Sängern zu gründen. Zudem hat er vor, den Singkreis Egg/Meilen, der jährlich ein Oratorium aufführt, in Meilen stärker zu verankern. Aufbauarbeit übernimmt er auch kurz nach seinem Amtsantritt 2017 mit dem Chor «Cantiamo insieme». Dieser steht allen singfreudigen Erwachsenen offen – und wird zum Stammchor für kirchliche und weltliche Anlässe. «Umwälzungen» sind der Grund, dass Buscagne hierin von fast vorne beginnt. Es sind dies die Folgen der umstrittenen Auflösung des Arbeitsverhältnisses mit seiner Vorgängerin, Aurelia Weinmann-Pollak. Ein Teil des damaligen Stammchors geht seitdem als Motettenchor eigene Wege.

Heterogene Chöre

«Die Situation ist für die Beteiligten noch immer verzwickt», sagt Buscagne. Er verstehe, dass sich einige Leute für die Jubiläumsfeier ein versöhntes Miteinander der Chöre gewünscht hätten. «Nur die Zeit kann jene Wunden heilen», findet indes die Kantorei. Die Jubiläumsfeier beginnt morgen mit einem Kantaten-Gottesdienst. Hierbei wirken – neben «Cantiamo insieme» und dem Gospelchor der Kantorei – auch Leute ohne Chorerfahrung mit; dieses Wochenende wird der Gesang einstudiert. «Die Kantate ist ganz leicht», erklärt Buscagne, «für die Arbeit mit Sängern unterschiedlichsten Niveaus gerade passend.»

Dies praktiziert er auch regelmässig mit temporär zusammengestellten Projektchören der Kantorei – seinem weiteren Herzstück. Mit einem Galakonzert nächsten März endet das Jubiläum. Als Gast dabei: Beat Schäfer mit seinem Neuen Zürcher Kammerchor. «Damit zeigen wir, wo auch wir hinwollen», sagt Buscagne. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 15.03.2019, 18:37 Uhr

Jubiläumsauftakt am Sonntag

Barockkantate und Gospels

Der morgige Kantaten-Gottesdienst ist die erste Jubiläumsveranstaltung. Die zwei Chöre der Kantorei, „Cantiamo insieme“ und Gospelchor, singen im 80-köpfigen Ad-hoc-Chor Gospels und die Kantate „Lobe den Herren, meine Seele“ des Barockkomponisten Heinrich Schütz. Liturgische Gestaltung durch Pfarrer Sebastian Zebe. Sonntag, 9.45 Uhr, reformierte Kirche Meilen. Weitere Anlässe finden rund um das Jahr statt mit einem Galakonzert am 7. März 2020 zum Abschluss.

www.kantorei-meilen.ch

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