Küsnacht

Khaled und Rawan büffeln für ein Studium

Von Syrien an die Mittelschule: Zwei junge Flüchtlinge schaffen den Sprung ans Gymi. Wir haben sie in Küsnacht besucht.

Der 16-jährige Khaled und die 18-jährige Rawan wechseln nach den Sommerferien von der Sekundarschule A in Küsnacht ans Gymnasium Rämibühl.

Der 16-jährige Khaled und die 18-jährige Rawan wechseln nach den Sommerferien von der Sekundarschule A in Küsnacht ans Gymnasium Rämibühl. Bild: Patrick Gutenberg

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Sie werden von ihrer Lehrerin beide als aussergewöhnlich wissbegierig, sehr diszipliniert und intelligent beschrieben. Und sie wollen beide studieren. Nun kommen die syrischen Flüchtlinge Rawan und Khaled ihrem grossen Ziel einen Schritt näher: Die beiden Jugendlichen wurden am Gymnasium Rämibühl aufgenommen. Besonders ist dies, weil sie erst seit kurzem in der Schweiz leben – der 16-jährige Khaled seit drei, die 18-jährige Rawan gar erst seit zwei Jahren.

Khaled hat im März die reguläre Aufnahmeprüfung für das mathematisch-naturwissenschaftliche Gymnasium (MNG) Rämibühl bestanden. Rawan wurde mit einem Auditorenstatus prüfungsfrei am MNG aufgenommen. Ihre Probezeit beginnt erst im zweiten Semester, im ersten darf sie sich an der Schule einleben.

Prädestiniert fürs Gymi

Für Khaled, der besonders in naturwissenschaftlichen Fächern sehr stark ist, war es der zweite Versuch an der Gymiprüfung. Letztes Jahr schnitt er im Deutsch noch mit ungenügend ab. «Für mich war klar, dass er ans Gymi muss. Ich hatte aber Bedenken, dass es nur wegen des Deutschaufsatzes nicht klappen könnte», erzählt Michelle Foery, seine Klassenlehrerin an der Sekundarschule Küsnacht. Deshalb habe sie sowohl für Rawan als auch für Khaled einen Antrag auf prüfungsfreie Aufnahme am Gymnasium Rämibühl gestellt.

«Er konnte alles, es fehlten einzig die Deutschkenntnisse.»Michelle Foery, Klassenlehrerin von Khaled

Doch inzwischen habe Khaled im Deutsch sogar Schüler mit Migrationshintergrund überholt, die in der Schweiz geboren seien, sagt Foery. Zum Glück, wie sich herausstellte. Denn einen Monat vor der Prüfung erfuhr der junge Syrer, dass er keinen Auditorenstatus erhält. Die Schulleitung der Kantonsschule Rämibühl hat den Antrag nur für Rawan bewilligt, die mit über 18 Jahren nicht mehr für die Gymiprüfung zugelassen wäre. Khaled war also gezwungen, die Prüfung zu bestehen, um ans Gymnasium zu können – und hat es geschafft. «Aus unserer Sicht ist es wirklich schier unglaublich, was er erreicht hat», sagt seine Lehrerin.

Mit dem Flugzeug aus Dubai

Khaled findet, es sei noch zu früh, um sich für einen Beruf zu entscheiden. «Eine Tätigkeit im naturwissenschaftlichen Bereich kann ich mir aber gut vorstellen.» Alles, was der junge Mann sagt, klingt sehr reflektiert. Sein Blick ist wach und das Deutsch bemerkenswert gut. Rawan wirkt neben ihm scheuer, sie hält den Blick oftmals gesenkt. Ihr Deutsch ist noch etwas holprig, doch in ihren Antworten spürt man ihre Zielstrebigkeit. Sie möchte Medizin studieren und Ärztin werden, sagt sie. Als Pharma-Assistentin konnte sie bereits schnuppern.

Klassenlehrerin Foery und ihr Arbeitskollege Juan Zehnder, der die beiden Jugendlichen als Lehrperson für die Integrative Förderung (IF-Lehrer) unterstützt, sind sich einig, dass beide für das Gymnasium prädestiniert sind. Khaled mit seinem kritischen Denken und seiner schnellen Auffassungsgabe, Rawan mit ihrem Talent für theoretische Analysen. Sie wende Grammatik an wie Mathematik, sagt die Klassenlehrerin.

«Wir mussten bei den Eltern aber viel Überzeugungsarbeit leisten.»Michelle Foery, Klassenlehrerin von Khaled

Doch nicht nur Talent, auch Fleiss ist zentral. Für Khaled und Rawan gab es im letzten Jahr kaum Freizeit. So besuchten sie am Mittwochnachmittag und am Samstag die Kurse des Förderprogramms «Chagall» und nahmen an ihrer Schule alle Fördermöglichkeiten in Anspruch. Rawan hat ausserdem mit einer pensionierten Lehrerin an ihren mündlichen Deutschkenntnissen gearbeitet.

Auch wenn der Weg von Khaled und Rawan in den letzten Jahren ähnlich war, ihre Vergangenheit ist es nicht. Khaled stammt aus einer Familie aus dem Bildungsbürgertum. Der Vater arbeitete als Ingenieur in Dubai. Als in Syrien der Krieg ausbrach, holte er die Familie zu sich. Fünf Jahre verbrachte Khaled dort, ging zur Schule und lernte Englisch. Bis der Golfstaat den Flüchtlingen aus Syrien das Aufenthaltsrecht entzog. Also schickte der Vater seine Kinder mit dem Flugzeug in die Schweiz. Der damals 13-jährige Khaled kam zusammen mit der zwei Jahre älteren Schwester ins Zentrum für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Zollikon und wurde in Küsnacht eingeschult. Zwei Jahre später flüchteten die Eltern ebenfalls in die Schweiz, und die Familie erhielt eine Wohnung in Zürich. Weil Khaled sich in der Schule in Küsnacht gut eingelebt hatte, setzten sich seine Lehrer dafür ein, dass er bleiben konnte.

Eine Kindheit auf der Flucht

Nach seiner Ankunft in der Schweiz im April 2016 wurde Khaled zuerst in der Stufe B eingeschult. Doch man habe sofort gemerkt, dass das Niveau nicht passend sei. «Er konnte alles, es fehlten einzig die Deutschkenntnisse», sagt Klassenlehrerin Foery. Also besuchte Khaled nach den Sommerferien die erste Klasse der Sekundarschule A. Neben Intelligenz und Fleiss bringe der junge Syrer eine hohe Sozialkompetenz mit und zeige keine Angst, Fehler zu machen, sagt seine Lehrerin.

Rawan stammt aus einer bildungsfernen und sehr konservativen Familie. Der Vater arbeitete in Syrien als Händler. Sie ist das vierte von acht Kindern, die älteren Geschwister haben die 20 bereits überschritten, die jüngeren sind im Primarschulalter. Als die Familie vor gut zwei Jahren in der Schweiz ankam, sah man Rawans Einschulung in der Sekundarschule als beste Möglichkeit, um die Sprachkompetenz aufzubauen und ihr eine schulische Perspektiven zu bieten. «Wir mussten bei den Eltern aber viel Überzeugungsarbeit leisten», erzählt Foery.

Die Familie von Rawan kommt aus der südlichen Grenzstadt Daraa. Von dort also, wo die regierungskritischen Proteste 2011 ihren Anfang nahmen. Lange hat die zehnköpfige Familie in Syrien ausgeharrt, ist innerhalb des Landes sechs- oder siebenmal geflüchtet. Dabei haben Rawan und ihre Geschwister viel Leid gesehen und auch enge Verwandte verloren. 2014 ist die Mutter mit den Kindern ins Nachbarland Jordanien geflüchtet. Der Vater kam später nach. 2017 verliess die Familie Jordanien, weil die Bedingungen dort unhaltbar waren, und flüchtete in die Schweiz.

Nun haben sowohl Rawan als auch Khaled in der Schweiz Fuss gefasst. Trotzdem, eine Rückkehr könnten sich beide vorstellen. Wenn der Krieg endgültig vorbei sei und er eine Ausbildung und eine Familie habe, würde er gerne in Syrien leben, sagt Khaled. Seine Mitschülerin Rawan würde Jordanien vorziehen, denn dort habe sie viele Freunde. Ein Studium wäre für sie als Ausländerin dort aber nicht möglich, dass weiss sie. Und daher gilt vorerst umso mehr: volle Konzentration auf die Ausbildung.

Erstellt: 12.07.2019, 10:55 Uhr

«Chagall» bringt Migranten ans Gymnasium

Bei «Chagall» geht es um Chancengleichheit: Das Programm, das ausgesprochen «Chancengerechtigkeit durch Arbeit an der Lernlaufbahn» (ChagALL) heisst, wurde 2007 am Gymnasium Unterstrass ins Leben gerufen. Anfänglich durch Stiftungen finanziert, wird es seit 2012 von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich getragen und fördert Jugendliche mit Migrationshintergrund, die eine Aufnahmeprüfung für eine Mittelschule bestehen wollen. Im Programm sollen einerseits die Kompetenzen in Deutsch, Mathematik und Französisch verbessert werden, anderseits erarbeiten die Teilnehmer Lerntechniken und beschäftigen sich mit den Themen Selbstorganisation und Motivation. Die Erfolgsquote von «Chagall»-Absolventen an Aufnahmeprüfungen für eine Mittelschule lag gemäss Programmleiter Stefan Marcec in den letzten elf Jahre bei 70 Prozent. Dies ist deutlich höher als die Aufnahmequote aller Gymiprüfungsabsolventen, die im Jahr 2018 bei 55 Prozent lag. Zu den Gründen dafür verweist Marcec auf eine Evaluation der Universität Zürich. Diese habe gezeigt, dass dank dem umfangreichen Aufnahmeverfahren die «richtigen» Jugendlichen in Bezug auf die Intelligenz, Motivation und Leistungsbereitschaft zum Programm zugelassen würden. Ausserdem werde im Programm eine sehr persönliche und individuelle Betreuung garantiert. Weiter verweist Marcec darauf, dass die Lehrpersonen «nur» Trainerinnen seien und die Schülerinnen und Schüler nicht bewerten müssten, dadurch entstehe eine Vertrauensbasis.

Weitere Informationen zu «Chagall»: https://www.unterstrass.edu/innovation/chagall/

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