Wahlen

«Je rechter eine Partei, desto tiefer der Frauenanteil»

Nur ein Fünftel der Kandidierenden im Bezirk Meilen sind Frauen. Woran liegt es, dass Frauen in politischen Ämtern noch immer untervertreten sind? Politologin Sarah Bütikofer erklärt.

Von den Kandidierenden für den Gemeinderat sind im Bezirk Meilen nur 20 Prozent Frauen. Warum ist der Anteil von Männern immer noch so viel höher?
Sarah Bütikofer: Man kann nicht sagen, dass es allgemein wenige politisch interessierte Frauen gibt. Es gibt aber Parteien, die sehr wenige Kandidatinnen aufstellen. All­gemein kann man sagen: Je rechter eine Partei im politischen Spektrum eingestuft wird, desto tiefer ist der Frauenanteil.

Woran liegt das, sind Frauen prinzipiell linker als Männer?
So pauschal kann man das nicht sagen. Die Parteien bemühen sich unterschiedlich stark dar­um, eine ausgleichende Geschlechterverteilung auf der Liste­ zu haben. Bei linken Par­teien gehören Frauenförderung, Gleichberechtigung und der Kampf gegen Diskriminierung zur politischen Message. Folglich haben linke Parteien schon früh angefangen, Frauen aktiv zu fördern beziehungsweise als Kandidaten vorzuschlagen. Bei den bürgerlichen Parteien besteht­ eher die Haltung: Wenn eine will, dann fördern wir sie, aber die Listen müssen nicht zwingend ausgeglichen sein. In der Folge haben sie auch weniger Frauen. Frauen, die eher progressiv eingestellt oder sozialliberal sind, haben zudem häufig auch eine grössere Motivation sich ­aktiv in die Politik einzubringen.

Bürgerliche Parteipräsidenten im Bezirk Meilen berichten jedoch, dass sie Frauen anfragen, aber viele Absagen bekommen.
Bürgerlich denkende Frauen sind vielleicht im Durchschnitt weniger motiviert, sich politisch einzubringen. Neuere Untersuchungen zeigen zudem, dass immer noch ein deutlicher Unterschied besteht bezüglich dessen, was sich die Geschlechter zutrauen. Frauen werden auch weniger von ihrem Umfeld ermuntert, in die Politik zu gehen, als Männer.

Welche Rolle spielen Strukturen, etwa, dass Haus- und Erziehungsarbeit öfters bei den Frauen als bei den Männern liegt?
Die Miliztätigkeit ist für alle eine Herausforderung. Bei einer Untersuchung zeigte sich, dass Kantonsrätinnen, die zwischen Beruf, Politik und der Familie entscheiden müssen, sich genauso oft gegen die Politik entscheiden wie Männer. Sicher spielt es auch eine Rolle, dass in der Schweiz die ausserhäusliche Ganz­tagesbetreuung nicht der Normalfall ist. Bei der Frage der Strukturen geht es auch dar­um, wie man sich das individuell aufgeteilt hat. Es kommt aber auch aufs Umfeld an: Wenn die Familien traditionell leben, ist es ­häu­fig so, dass Frauen mehr Haushalt- und Familienarbeit übertragen wird. Und wenn Frauen gleichzeitig noch ausser Haus arbeiten, ist es klar, dass nicht viel Zeit für die Politik übrig bleibt. Wenn Männer hingegen konservative Lebensmodelle leben, sind die Möglichkeiten eher gegeben, in die Politik zu gehen.

Für die Schulpflegen kandi­dieren dafür mehr Frauen als Männer. Woran liegt das?
Weil die Parteien gerne Frauen für die Schulpflege anfragen. In der Schulpflege stehen Familien- und Sozialthemen auf der Agenda, alles Bereiche, in denen Frauen als besonders kompetent gelten. Natürlich ist es auch gut vorstell­bar, dass Frauen, die ange­fragt werden, eine niedri­gere Hemmschwelle haben, zuzu­sagen, zudem ist wohl die Ermun­terung im persönlichen Umfeld häufig grösser, als wenn Frauen für den Gemeinderat angefragt werden. Im Gemeinderat sind Finanzen, Infrastruktur und technische Fragen sehr wichtig. Darin wird Männern Kompetenz zugesprochen. Dabei verstehen Frauen per se gleich wenig davon wie Männer, die sich noch nie ­damit beschäftigt haben und neu für ein Amt in der Gemeinde angefragt werden.

Im Bezirk Meilen wird es ange­sichts­ der Kandidatinnenzahlen künftig weniger Gemeinde­rätinnen geben. Ist dies ein spezifisches Phänomen oder auch andernorts zu beobachten?
Nach Einführung des Frauenstimmrechts ist der Frauen­anteil bis in die 80er- und 90er-Jahre kontinuierlich gestiegen, gerade in den Gemeindeexekutiven. Doch seit einiger Zeit beobachten wir, dass der Frauenanteil stagniert. Offenbar reicht es nicht, wenn man einmal eine Frau hatte oder zwei, es werden nicht automatisch mehr. Man muss ständig dranbleiben. In Ländern, wo die Strukturen fortschrittlicher sind, etwa durch Tagesschulen, sieht man den Effekt, dass es mehr Frauen in der Politik gibt. Es sind drei Selektionsschritte: Der erste ist die Selbstselektion. Mit diesem Punkt kann man inzwischen wohl fast am meisten erklären. Der zweite ist die Nomination durch die Parteien. Der dritte ist die Wahl durch die Bevölkerung. Dort beobachtet man inzwischen keine Diskriminierung mehr von weiblichen Kandidierenden. (Interview: Philippa Schmidt) (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.03.2018, 12:16 Uhr

Dr. Sarah Bütikofer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaften der Universität Zürich. (Bild: zvg)

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