Erlenbach

«Ich habe gehört, wie mein Rücken gebrochen ist»

Der Erlenbacher Pfarrer Andreas Cabalzar stürzte kurz nach Weihnachten beim Skifahren schwer. Seither ist er von der Hüfte an abwärts gelähmt. Die ZSZ besuchte ihn im Schweizer Paraplegiker-Zentrum.

Der Erlenbacher Pfarrer Andreas Cabalzar in der Kapelle des Schweizer Paraplegiker-Zentrums - der Tisch im Raum wurde von Künstler Kurt Sigrist kreiert, der auch schon in der Kulturkirche Erlenbach ausgestellt hat.

Der Erlenbacher Pfarrer Andreas Cabalzar in der Kapelle des Schweizer Paraplegiker-Zentrums - der Tisch im Raum wurde von Künstler Kurt Sigrist kreiert, der auch schon in der Kulturkirche Erlenbach ausgestellt hat. Bild: Sabine Rock

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«Es geht mir gut.» Mit diesem Satz begrüsst Andreas Cabalzar die ZSZ-Fotografin und -Redaktorin in der Eingangshalle des Schweizer Paraplegiker Zentrums (SPZ) im luzernischen Nottwil. Schmal ist er geworden, der Erlenbacher Pfarrer, wie er im Rollstuhl sitzt, eine Decke um die Schultern geschlungen, eine Schiebermütze auf dem Kopf und noch ein paar Farbkleckser von der Kunsttherapie auf der Hose. Doch das Lächeln liegt wie eh und je auf seinem Gesicht - vielleicht eine Spur nachdenklicher.

Andreas Cabalzar wurde ihm wahrsten Sinne des Wortes der Boden unter den Füssen weggerissen. Es war der 28. Dezember, als auf einer Piste in Obersaxen einer seiner Skier verkantete und er die Kontrolle verlor. Jählings steuerte er auf eine Steinmauer zu, konnte diese Kollision jedoch gerade noch abwenden. Stattdessen wurde er drei Meter durch die Luft geschleudert, bevor er auf den Rücken stürzte. Ich habe gehört, wie mein Rücken gebrochen ist, erinnert er sich an diesen Moment, der sein Leben verändern sollte. Sechs Stunden wurde er anschliessend im Kantonsspital Chur operiert. Die Diagnose: Eine Rückenwirbelfraktur und alle Rippen gebrochen oder gequetscht. Andreas Cabalzar ist jetzt von der Hüfte an abwärts gelähmt.

«Neue Realität»

Seit Anfang Januar lebt der 56-Jährige im Schweizer Paraplegikerzentrum oberhalb des Sempachersees. «Ich muss alles neu lernen», sagt er. Dabei ist die physische Rehabilitation nur ein kleines Stück in einem weit komplexeren Puzzle. «Das ist jetzt meine neue Realität: mit mehr rechne ich nicht», sagt Cabalzar über seinen körperlichen Zustand. Viele Leute wünschten ihm, dass er wieder laufen könne. «Aber das wäre ein Wunder und ich will nicht in einem Traum leben», sagt er und in seine Stimme mischt sich plötzlich Entschlossenheit. Das wichtigste sei für ihn allerdings gar nicht das Laufen. «Viel wichtiger ist, dass der Kopf und die Hände funktionieren.»

Andreas Cabalzar erwägt nun eine Meisterschaft für Rollstuhl-Handball aufzubauen.

Ein Weg, der alles andere als leicht ist. «Es gibt Momente, da finden innerliche Prozesse statt», sagt Cabalzar. «Ich werde auf mich selbst zurückgeworfen.» Wie es ihm gehe, das sei am ehesten mit einer Wellenbewegung zu vergleichen. Schwierig wurde es etwa, als Komplikationen auftraten. «Eine zweite Operation, das wäre Horror gewesen», sagt er und einen flüchtigen Moment lang verliert sich sein Blick.

Hunderte Reaktionen

Doch da, wo manch anderer den Verlust beklagen würde, zeigt der Erlenbacher eine grosse innere Stärke. Der Unfall eröffne ihm auch neue Möglichkeiten, beispielsweise im Handball, sagt der Vater dreier erwachsener Töchter und führt die Besucherinnen in die Sporthalle des Paraplegiker Zentrums. Er, der in jungen Jahren in der zweithöchsten Schweizer Liga Handball gespielt hat, plant nun, eine Meisterschaft für Rollstuhl-Handball aufzubauen. Die gebe es in der Schweiz noch nicht. Sieht er sich denn eher als Spieler oder als Coach? «Als Spieler!», kommt die Antwort prompt und unmissverständlich.

Kraft geben Andreas Cabalzar nicht nur Familie und enge Freunde, sondern auch die hunderten von Nachrichten, Mails und Briefe, die er erhalten hat, nachdem er sein Schicksal auf Facebook öffentlich gemacht hat. «Das freut mich total und gibt mir Kraft, aber ich schaffe es leider nicht, alle zu beantworten», sagt er fast entschuldigend.

Geduld gefragt

Viel Zeit hat Andreas Cabalzar in Nottwil nämlich nicht. Im Gegenteil, in seinem Zimmer hängt ein Stundenplan, in welchem dicht getaktet die Termine stehen: Ergotherapie, Feldenkrais und Krafttraining sind nur einige davon. Für das Fachpersonal am SPZ ist er voll des Lobes. Als er seinem Arzt gesagt habe, dass er sein Leben neu erfinden wolle, habe dieser gesagt: «Und wir sind der Think tank im Hintergrund, der sie dabei unterstützt.»

«Ob ich wieder ins Pfarrhaus zurück kann, hängt aber davon ab, wie ich hier herauskomme.»Andreas Cabalzar

Dieser Tage ist etwa ein Team des SPZ im Erlenbacher Pfarrhaus, um zu prüfen, wie sich dieses behindertengerecht einrichten liesse. «Ob ich wieder ins Pfarrhaus zurück kann, hängt aber davon ab, wie ich hier herauskomme», sagt Cabalzar. Hoffnung geben ihm kleine Fortschritte, wenn er etwa die Zehen in den Feldenkrais-Lektionen wieder bewegen kann oder dass er inzwischen den Transfer vom Rollstuhl ins Bett selbständig bewältigen kann. «Es sind oft zwei Schritte vor und ein Schritt zurück: Dabei war Geduld noch nie meine Stärke», räumt er lachend ein, während er mit den Besucherinnen durchs Zentrum fährt.

«Gott hat mich bewahrt»

Tatendrang zeigt Andreas Cabalzar auch, wenn es um seinen Beruf geht. Nach seinem Aufenthalt in Nottwil will er ins Pfarramt zurückkehren. «In der Seelsorge schafft das, was mir widerfahren ist, einen neuen Bezug zu den Menschen, weil man sieht, dass ich etwas durchgemacht habe.» Früher sei er eher derjenige gewesen, der voller Energie war. «Der Unfall hat mich verändert, ich bin weicher geworden», sagt er und öffnet währenddessen die Tür zur kleinen oekumenischen Kapelle im SPZ.

Doch hadert man in einer solchen Situation nicht selbst als Theologe mit Gott? «Gott hat mich bewahrt, ich lebe», sagt Cabalzar eindringlich. «Ich bin etwas wert und zwar nicht weil ich Pfarrer bin, das gilt für jeden hier im Zentrum.» Nachdenklich fährt er mit der Hand über den verschorften unebenen Holztisch, auf dem die Bibel liegt. «Der Tisch ist wie ich, er ist gezeichnet und doch ist er ganz.»

Erstellt: 12.02.2019, 14:18 Uhr

Rückkehr mit Beuys

Sechs Monate muss Andreas Cabalzar in Nottwil bleiben - nach drei Monaten kann er allerdings an den Wochenenden nach Hause zurückkehren. Untätig will er dabei nicht bleiben. Für den 4. April plant der kunstaffine Pfarrer gemeinsam mit dem Herrliberger Pfarrer Alexander Heit und dem deutschen Theologen Friedhelm Mennekes bereits einen Gottesdienst unter dem «Motto Solus Christus. Das Kreuz in der Kunst». An dem Anlass in Herrliberg wird ein Original-Kreuz von Joseph Beuys gezeigt.

Gottesdienst am Donnerstag,
4. April, um 20 Uhr in der Kirche Tal in Herrliberg.

Hilfe für Paraplegiker

Das Schweizer Paraplegiker Zentrum (SPZ) wurde 1990 in Nottwil im Kanton Luzern eröffnet. Menschen mit einer Querschnittlähmung werden in der Rehabilitation nicht nur medizinisch begleitet, sondern auch auf eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft, die Familie und den Beruf vorbereitet. Gut 1100 Mitarbeiter unterstützten die Patienten auf diesem Weg. Das SPZ ist eine Tochtergesellschaft der Schweizer Paraplegiker Stiftung (SPS), die 1975 vom Arzt Guido A. Zäch gegründet wurde. Die Stiftung wird unter anderem durch die Beiträge der 1,8 Millionen Mitglieder finanziert. Mitglieder des Solidarwerkes erhalten einmalig einen Betrag von 250 000 Franken, sollten sie nach einem Unfall zu Para- oder Tetraplegikern werden. Der Betrag kann in solchen Fällen etwa dem behindertengerechten Umbau der Wohnung oder entsprechenden Anpassungen am Auto dienen. Die SPS begleitet Para- und Tetraplegiker ein Leben lang.

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