Männedorf

Hans-Rudolf Merz erzählt Geschichten

«Schöne Bescherung» heisst das neuste Buch von Achim Kuhn. Der Männedörfler Pfarrer versammelt darin 20 Weihnachtsgeschichten. Prominente, darunter Alt-Bundesrat Hans-Rudolf Merz, lasen daraus vor.

Der ehemalige Bundesrat Hans-Rudolf Merz erzählte knorrige Baumgeschichten aus seiner Heimat Appenzell.

Der ehemalige Bundesrat Hans-Rudolf Merz erzählte knorrige Baumgeschichten aus seiner Heimat Appenzell. Bild: Manuela Matt

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Der Angestellte in der Buchhandlung sieht ihn nur gelangweilt an. Ob sie Weihnachtsbücher hätten? Für Erwachsene? Das wisse er auch nicht. Aber er solle doch im Erdgeschoss schauen. So ergeht es Achim Kuhn im adventlichen Zürich an prominenter Adresse. Kuhn, früher in Adliswil und nun in Männedorf reformierter Pfarrer, verlässt daraufhin den Laden – ohne etwas gekauft zu haben. Aber dafür mit einer Idee: das vergeblich Gesuchte selber herauszugeben.

Am Dienstagabend und damit zwei Jahre später drängen sich 170 Personen in den Saal des reformierten Kirchgemeindehaus Männedorf. Dies, um das Erscheinen von Kuhns Buch zu feiern. «Schöne Bescherung» heisst es – und versammelt Texte höchst unterschiedlichen Inhalts. Davon legen nur schon die drei der insgesamt zwanzig Geschichten Zeugnis ab, die an der Vernissage von ihren Autoren vorgetragen werden. Letztere wiederum sind nicht zuletzt der Grund für das zahlreiche Publikum.

Fröhlich und traurig

Da ist von wohl grösster Prominenz in der Runde Hans-Rudolf Merz. Ehemaliger FDP-Bundesrat und, wie sich zeigt, begnadeter Geschichtenerzähler. In «Baumgeschichten» entwirft der Appenzeller den Wald als ein Universum, in dem es nicht minder redselig zu- und hergeht wie unter Menschen: wo gequatscht und gejammert, geprahlt und liebevoll gehänselt wird. So rühmt sich etwa die Eibe damit, dem Menschen heimzuzahlen, was der den Bäumen antue – und ihn mit ihren giftigen Beeren zur Strecke zu bringen.

Die Buche wiederum gefällt sich mit der Legende ihrer kräftigen Mutter: Selbst zu Bauholz verarbeitet, habe sich diese dem Willen des Menschen widersetzt. Ja, was wäre eigentlich, wenn sich eines Tages die Tannen weigern würden, Kerzen und Kugeln zu tragen? Mit dieser Frage schliesst Merz seine launige Einladung, Weihnachten und die Welt an sich mit anderem Blick zu sehen.

Eine andere Sicht auf Weihnachten bringt vor ihm auch Barbara Bonhage ein. Indes, die Tonalität ihrer Geschichte ist jener von Merz diametral entgegengesetzt. Die Expertin für öffentliches Management zeigt, was «ganz kleine Weihnachten» bedeutet. Wenn zwar ein Christbaum, Kerzen und Geschenke da sind – «wie immer». Und wenn doch alles anders ist als immer: weil alles schwer ist ohne ihren Mann. Weil ein halbes Jahr zuvor «die Ewigkeit gegen die Zeit gewonnen hat». Doch die Witwe und zweifache Mutter resümiert am Ende ihrer Erzählung: Die ganz kleine Weihnacht «war ein schönes Fest, es kann gut weitergehen».

«Vertrauen ins Leben» drücke sich hier aus, sagt Kuhn zur persönlichen Erfahrung der Männedörflerin. Diese Botschaft nach Liebe und Hoffnung sei, was Weihnachten in der heutigen Zeit ausmache. Um diesem Kern nachzuspüren, habe er denn auch Leute mit unterschiedlichstem Hintergrund für die Mitarbeit an seinem Buch angefragt.

Neu interpretiert

Arnold Benz, Astrophysiker und Ehrendoktor der Theologie, erzählt mit «Die drei Astrologen» die Geschichte der Heiligen Drei Könige neu – nicht frei von Seitenhieben auf die moderne Naturwissenschaft. Wo die Angst vor Budgetkürzungen die drei Astrologen Kaspar, Melchior und Balthasar in ihrer Rolle als Zukunftsdeuter beeinflusst – und die dann doch, mit Geschick und unverhofftem Glück, zu Botschaftern von Friede und Liebe werden. Denn: Wo sie sich eigentlich als Fremde hätten fühlen müssen, spüren sie Geborgenheit und Ergriffensein.

«Hoffnung auf Menschennähe und Menschenliebe» mache heute aus, was früher der Glaube geleistet habe. Dies sagt Adolf Muschg, ein weiterer Mitautor, in seinem Grusswort. Die Weihnachtsgeschichten jedes Einzelnen «geben Fetzen von persönlichem Erleben». Doch, fragt der Männedörfler: «Wofür stehen die weissen Stellen zwischen dieser Vieldeutigkeit?» Für eine Rastlosigkeit, eine Leere?

Achim Kuhn (Herausgeber): Schöne Bescherung. Unter anderem auch mit Texten von Christoph Sigrist, Linard Bardill und Mona Vetsch. Theologischer Verlag Zürich. 22 Franken.

Erstellt: 04.12.2019, 20:18 Uhr

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