Planung

Für Wassertaxis, einen Autotunnel und eine U-Bahn um den See

Am Zürichsee ist seit 2015 eine unabhängige Planungsgruppe daran, eine Vision für die künftige Gestaltung der Region zu entwickeln. Sie hat jetzt ihre Ideen präsentiert. Diese machen klar: Es geht ihr darum, Barrieren niederzureissen und für einmal im Grossen zu denken.

Uetikon mit dem Gelände der Chemiefabrik ist einer der Orte am See, in dem eine Planungsgruppe grosses Ausbaupotential sieht.

Uetikon mit dem Gelände der Chemiefabrik ist einer der Orte am See, in dem eine Planungsgruppe grosses Ausbaupotential sieht. Bild: Archiv Reto Schneider

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Die Region Zürichsee zählt zu den attraktivsten Wohngegenden in der Schweiz. Noch. Denn das Wachstum der letzten Jahre ist nicht spurlos an Infrastruktur und Siedlungen vorbeigegangen: Die Verkehrsströme nehmen zu und die Gemeinden wachsen mehr und mehr zusammen.Die unabhängige Planungsgruppe Hecht möchte dem planlosen Überbauen eine Vision entgegensetzen.

Am Mittwochabend präsentierte die Gruppe im Saal des Restaurants Krone in Uetikon ihre Ideen für die Region. Als Repräsentanten referierten zwei Architekten: Der Küsnachter Urs Esposito und der in Uetikon aufgewachsene Hannes Strebel. Am Podium nahmen zudem Stadtplaner Jürg Sulzer und Ingenieur Stefan Mauerhofer teil. Die Einladung für die Veranstaltung ging an Gemeindevertreter und Unternehmer der Region, teilgenommen haben gut 30 Interessierte.

Die Gruppe Hecht orientiere sich an der Gruppe Krokodil aus dem Glatttal, sagte NZZ-Redaktor Daniel Fritzsche, der das Podium moderierte. Nicht nur in der Namensgebung sind Parallelen zu finden. Analog zu «Glatt! Ein Manifest für eine Stadt im Werden» soll auch die Region Zürichsee eine Publikation mit Ideen für eine visionäre Planung erhalten.

Kritik an Richtplan

Urs Esposito sprach in seinem Referat über die aktuellen Planungsdefizite am See. Diese machte er unter anderem bei der Lokalpolitik aus. «Sie vermeidet es, über regionale oder metropolitanräumliche Probleme wie Pendlerströme, Verkehrs- und Siedlungsentwicklung nachzudenken.» Ein weiteres Defizit sei, dass viel zu selten die Diskussion mit Nachbarn gesucht werde, um einen gemeinsamen Prozess anzuführen.

Als Beispiel nannte er die Zentrumsplanung der Gemeinde Küsnacht, die ohne die SBB stattgefunden habe. «Die SBB will das Bahnhofsgebäude erweitern, ohne sich darüber bewusst zu sein, dass in einer gemeinsamen Zentrumsentwicklung viel Synergie vorhanden wäre.» Schlecht kam ausserdem das Planungsinstrument Richtplan weg. Er sei ellenlang und überteuert, lautete das Verdikt. «Es braucht eine flachere Planungshierarchie und griffigere Planungstools.»

Jürg Sulzer, langjähriger Stadtplaner von Bern, legte den Fokus auf die urbanen Ensembles, die es zu verdichten gelte. Was er unter dem Begriff «Ortswerdung» zusammenfasste, sei die Zukunftsaufgabe der Gemeinde. «Dafür braucht es einen ausgesprochen langen Atem.» Der Richtplan gehe die Aufgabe von der falschen Seite her an. «Man müsste zuerst Bilder der Ortszentren schaffen, damit sich die Leute etwas vorstellen können.» Wie zuvor Esposito sprach sich auch Sulzer für hochwertige Wohn- und Gewerbeflächen im Zentrum aus – und damit gegen die gegenwärtige Praxis des sturen Erhalts der Kernzonen. Einig waren sich die beiden auch, dass Räume geschaffen werden müssen, in denen sich die Menschen wohlfühlen.

U-Bahn rund um den See

Eine konkrete Vision stellte Hannes Strebel mit der Seestadt vor. Bereits 2013 hatte er unter dem Namen «Vision 2050£» erste Ideen dazu präsentiert. Ausgangspunkt ist die Umnutzung des Areals der Chemie Uetikon, die inzwischen mit dem Kauf des Grundstücks durch Gemeinde und Kanton und dem geplanten neuen Gymnasium Realität wird. «Heute ist die Region zu einem Siedlungsteppich mit rund 265 000 Einwohnern zusammengewachsen und einseitig auf die Metropole Zürich ausgerichtet», sagte Strebel. Mit der planerischen Vision sollen neue Einrichtungen und Betriebe in der Seeregion neue Arbeitsplätze generieren.

Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Gruppe Hecht sechs Massnahmen formuliert, von denen die Seestadt eine ist. Zentral ist die Verlegung des Auto- und Schienenverkehrs unter die Erde. So sind eine U-Bahn rund um den See mit 26 Stationen und ein Pfannenstiel-Seetunnel angedacht, der die Nationalstrasse A53 und A3 zwischen Rüti und Wollishofen verbindet. Ausserdem ist von einem Biketrail auf dem bestehenden Bahntrassee und von Wassertaxis über den See die Rede. Auch am Seeuferweg hält die Gruppe fest.

Kosten von 4,1 Milliarden

An der technischen Realisierbarkeit der Tunnels hegte der Experte Mauerhofer keine Zweifel. Vielmehr stelle sich im Fall der U-Bahn die Frage, wer dafür der richtige Partner sei. Dass sich die Kostenfrage für die Tunnelprojekte stellen würde, lag auf der Hand. Hannes Strebel bezifferte sie auf insgesamt 4,1 Milliarden Franken.

Zu finanzieren sei die Summe durch hohe Aufwertungsgewinne jener Grundstücke, die sich in unmittelbarer Nähe der Seestrasse befänden. Schätzungen gingen von rund 25 Milliarden Franken aus. «Davon könnte ein Teil über Umlageverfahren für den Bau von Verkehrsinfrastruktur eingesetzt werden», meinte Strebel.

Im Publikum stiessen die Ideen auf positive Resonanz. Die Kritik an Politikern und Ortsplanern aber blieb nicht unbeantwortet. Der Hombrechtiker Rainer Odermatt (FDP), der einzige anwesende Gemeindepräsident, argumentierte, als Politiker müsse er die Interessen seiner Wähler vertreten. Der ehemalige Stäfner Bau- und Planungsvorsteher Hans-Rudolf Lampart sprach vom Dilemma, qualitativ schlechte Bauprojekte bewilligen zu müssen. Und die ehemalige Wädenswiler Gemeinde- und Kantonsrätin Julia Gerber Rüegg (SP) rief dazu auf, statt auf die Politiker zu schimpfen die Bevölkerung in die Diskussion einzubinden.

Erstellt: 31.08.2017, 15:51 Uhr

Projektskizze

Zentrum der Seestadt

Lake Side Circle Line

Ein U-Bahnring rund um den See

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