Stäfa

Flirten in den Kirchenbänken

In der reformierten Kirche in Stäfa fand am Montagabend ein Speed-Dating für Singles zwischen 20 und 100 Jahren statt. Die Teilnehmer konnten sich in den Kirchenbänken kennen und lieben lernen.

In der Stäfner Kirche fand ein Speed-Dating statt. Die ZSZ hat den Singles bei diesem ungewöhnlichen Anlass über die Schulter geschaut.

In der Stäfner Kirche fand ein Speed-Dating statt. Die ZSZ hat den Singles bei diesem ungewöhnlichen Anlass über die Schulter geschaut. Bild: Michael Trost

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Etwas mulmig mag es den Teilnehmern des Speed-Datings schon zumute sein sein, als sie die reformierte Kirche in Stäfa betreten. Wo die Leute sonst zum Gottesdienst, zur Taufe, zur Hochzeit oder zur Beerdigung zusammenkommen, wollen sie sich heute verlieben – oder zumindest den ersten Schritt in diese Richtung wagen. «Wir Pfarrleute begleiten die Menschen durch all ihre Lebensabschnitte», erzählt Pfarrerin Diana Trinkner. «Warum sollen wir ihnen also nicht auch ­helfen, ihre Liebe zu finden?», ergänzt ihre Kollegin Monika Götte. Gemeinsam organisieren die beiden Frauen den Anlass. Die selbst ernannten Kupplerinnen nehmen die Singles herzlich in Empfang und überreichen ihnen ein Mäppchen mit Unterlagen.

Kurz vor 19 Uhr füllen sich die Kirchenbänke zunehmend. Insgesamt sind laut Götte 65 Anmeldungen für die Veranstaltung «Speed-Dating im Kirchenbank 1 Jahr 1 Woche 1 Tag» eingegangen. Doch auch nicht angemeldete Singles werden von den Stäfner Pfarrerinnen ohne Zögern noch eingelassen. Es fällt schnell auf, dass die meisten Teilnehmer über 50 Jahre alt sind. Nur vereinzelt sieht man jüngere Singles. Götte bestätigt dies: «Wir haben vor allem Teilnehmer, die in ihren 50ern bis 70ern sind. Wir decken also eher das Mittelfeld ab.»

Beim Guetslen verliebt

Götte und Trinkner halten bereits zum zweiten Mal einen Singletreff dieser Art ab. Letztes Jahr seien rund 55 Singles gekommen. Die medialen Berichterstattungen über das Speed-Dating, welches von der Kirche organisiert wurde, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Was als Veranstaltung für die Stäfner Singles begann, zieht nun auch Alleinstehende aus anderen Gemeinden und Kantonen an.

Dass der Anlass so viel Anklang findet, freut die Pfarrerinnen sehr. Seinen Anfang nahm das Speed-Dating, als Götte und Trinkner in einem Meeting über eine Möglichkeit philosophierten, um dem Rückgang der hiesigen Hochzeiten entgegenzuwirken. Aus scherzhaftem Gerede, dass man den Leuten helfen könnte, sich zu verlieben, wurde schnell Ernst. So organisierten die Theologinnen letztes Jahr das erste Speed-Dating für Singles zwischen 20 und 100 Jahren. Das Besondere daran: Erneut versprechen sie den Teilnehmern, die sich in der Kirchenbank kennen und lieben lernen, eine kostenlose kirchliche Trauung in genau einem Jahr, einem Monat und einem Tag, nämlich am 10. 8. 2019. Es wäre eine Premiere: Beim ersten Speed-Dating kam es noch nicht zum Happy End vor dem Traualtar.

«Es ist vor allem ein Signal an alle Alleinstehenden, dass die Kirche auch etwas für sie unternimmt.»Monika Götte

Die Hochzeit selbst sei jedoch schnell zur Nebensache geworden, meint Götte: «Es ist vor allem ein Signal an alle Alleinstehenden, dass die Kirche auch etwas für sie unternimmt. Hier können sie mit Menschen in Kontakt kommen.» So seien ein paar Frauen am vorjährigen Speed-Dating zwar nicht von Amors Pfeil getroffen worden, hätten sich dann aber zu einem gemeinsamen Wanderausflug verabredet. Ein Paar hat jedoch schon dank Götte und Trinkners Einsatz zusammengefunden, nämlich letzten Winter beim Adventsguetsle für Singles.

Keine anfängliche Scheu

Kurz nach 19 Uhr begrüssen die Pfarrerinnen die Teilnehmer und beginnen mit einer auflockernden Meinungsumfrage, in denen ernstere Fragen wie etwa «Ist dir in einer Beziehung Treue und Vertrauen wichtig?», aber auch Fragen zum Schmunzeln wie «Singst du unter der Dusche?» gestellt werden. Die Singles zeigen dann jeweils eine grüne oder eine rote Karte und sehen sich im Raum nach Gleichgesinnten um.

Danach gehen die Pfarrerinnen zum wichtigen Teil des Abends über. Die männlichen Teilnehmer nehmen am Rand einer Kirchenbank Platz und warten darauf, dass sich eine Frau zu ihnen gesellt. Alle zwei Minuten wechseln die Gesprächspartner. Jeder Single hat jeweils eine Liste mit allen Männer- beziehungsweise Frauennamen, die man ankreuzen kann. Schon bald unterhalten sich junge wie auch ältere Singles angeregt, es wird wild gestikuliert und viel gelacht. Von anfänglicher Scheu ist nichts zu spüren. Nach gut einer Stunde haben sich die meisten Singles im Speed-Dating kurz kennen gelernt, weshalb nun mit dem un­gezwungenen Apéro der gemüt­liche Teil des Abends anbricht. Vorher müssen jedoch alle Teilnehmer ihre Listen abgeben, auf denen sie notiert haben, an wem sie Interesse haben.

Eine 72-Jährige aus Meilen, die ihren Namen lieber nicht nennen möchte, ist froh, dass das Speed-Dating vorbei ist. «Beim ständigen Rotieren bin ich manchmal schon aus der Puste gekommen», sagt sie lachend. Zwei Minuten Gesprächszeit waren für die Frau mit der markanten Brille zu kurz. So könne man leider nur sehr oberflächliche Gespräche führen. Trotzdem schätzt sie das Persönliche: «Im Gegensatz zu Online-Dating-Plattformen sieht man hier den Menschen vor sich und nicht nur den Jahrgang.» Die Meilemerin ist sich trotz der interessanten Gespräche nicht sicher, ob sie heute einen potenziellen Lebenspartner gefunden hat.

Auch ein Mann aus der Region Frauenfeld kann noch nicht sagen, ob der Abend für ihn erfolgreich verlaufen ist: «Ich war deutlich unter dem Altersdurchschnitt und hätte mir mehr Frauen in meinem Alter erhofft.» Trotzdem schätzt er das Angebot und das Konzept der innovativen Pfarrerinnen. Die Atmosphäre sei sehr angenehm, stellt der 28-Jährige fest und deutet auf die anderen Männer und Frauen, die nun auf der Terrasse mit einem Glas Wein in der Hand die Aussicht auf den Zürichsee geniessen. Trinkner und Götte sind zufrieden mit dem Speed-Dating. Ob sich ein potenzielles Paar gefunden hat, wird sich erst nach der Auswertung der Listen zeigen. «Auch wenn man hier vielleicht nicht gleich die grosse Liebe gefunden hat», sagt Trinkner, «ist es doch vor allem für ältere Menschen eine Chance, sich zum ersten Mal wieder jemand anderem gegenüber zu öffnen.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.07.2018, 08:48 Uhr

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