Herrliberg

Er hat 90 Jahre lang kein Fleisch gegessen

Eugen Denzler, Selbstversorger und letzter Vertreter der Gesundheitsbewegung der Aryaner, hat sein Leben lang kein Fleisch gegessen.

Am selben Baum wachsen vier verschiedene Apfelsorten: Eugen Denzler ernährt sich hauptsächlich von Produkten aus seinem Garten.

Am selben Baum wachsen vier verschiedene Apfelsorten: Eugen Denzler ernährt sich hauptsächlich von Produkten aus seinem Garten. Bild: Michael Trost

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Der alte Mann steht im riesigen Garten vor seinem Geburtshaus in Herrliberg und schaut sich die verschiedenen Apfelsorten an den Bäumen an – aufrecht und vital, trotz der 91 Jahre. Hinter ihm leuchten die Blumen an der Hauswand in allen Farben. Eugen Denzler sagt: «Ich bin der letzte Aryaner.»

Gleich neben den Apfelbäumen hatte sein Vater 1924, kurz nach Eugen Denzlers Geburt, ein grosses Festzelt aufgestellt. Darin versammelten sich Anhänger der Mazdaznan-Lehre aus aller Welt, während Denzler in der Wiege schlummerte. Die Bewegung propagierte strenge Ernährungsregeln, etwa fleischlos zu essen. «Meine Eltern haben schon 1912 aufgehört, Fleisch zu essen», sagt Denzler.

In Herrliberg hatten Anhänger die Aryana-Gesellschaft gegründet. Sie wurde in Denzlers Geburtsjahr als Genossenschaft zur Verbreitung des Mazdaznan-Gedankengutes ins Zürcher Handelsregister eingetragen. Herrliberg wurde als höchst aktiver Ableger weltweit bekannt. Die Aryanastrasse gleich unterhalb von Denzlers Geburtshaus erinnert noch daran. Als Sekte möchte Denzler die Bewegung nicht bezeichnen. «Es ist eine Lebensphilosophie», sagt er.

Sogwirkung in Herrliberg

Denzlers Vater arbeitete als Schlosser für die Aryana-Gesellschaft und betreute die vielen Liegenschaften. Eine Druckerei gehörte dazu, eine Bäckerei, mehrere Häuser, auch ein Gästehaus für die vielen Besucher aus Übersee, Holland und Deutschland. Sogar Turnhallen gab es und einen eigenen Transformer. «Es kamen so viele Leute, da brauchten wir eigenen Strom», sagt Denzler. Der ursprünglich aus Asien stammende Mazdaznan-Gründer Otto Hanisch war aus den USA nach Herrliberg zu Besuch gekommen und hatte sein eigenes Meisterhaus an der Aryanastrasse. Heute steht es nicht mehr.

1931 wurde die Genossenschaft gemäss Register aufgelöst. Eugen Denzler war damals siebenjährig. Doch das Gedankengut blieb in der Familie Denzler erhalten. Er und seine Schwester haben nie Fleisch gegessen. «In der Schule wurde ich dafür gehänselt», sagt der in die Aryana-Gesellschaft geborene Denzler.

Nahrungszwang im Militär

Der Verzicht auf Fleisch sei für die anderen Kinder im Dorf unverständlich gewesen. Immerhin habe er alle Aktivitäten in der Schule mitgemacht und sich auch nicht in der Kleidung von den Mitschülern unterschieden. «Die Lehre kannte keine Uniform.» Vegetarisch zu essen hat Denzler sein Leben lang beibehalten. «Einzig im Militärdienst war es schwierig», sagt er rückblickend. Da sei alles mit Fleischbrühe gekocht worden. 1944 habe es für ihn geheissen: Vogel friss oder stirb. Zwar hätten ihm die andern Soldaten ihren Käse gegen Fleisch abgetreten, doch die Hühnerbrühe konnte er nicht immer umgehen. «Danach hatte ich 20 Jahre lang Rheumaschmerzen», sagt er und schreibt diese eher der erzwungenen Falschernährung zu als dem nasskalten Wetter während der Dienstzeit. «Zu viel Eiweiss», diagnostiziert er. Seit 50 Jahren sei er wieder schmerzfrei. «Kein Arthritis, kein Rheuma, nichts», sagt er stolz.

Denzler macht die ganze Gartenarbeit alleine. Er pflückt auch alle Äpfel selber. Nur einmal sei er von der Leiter gefallen, mit 74 Jahren, als ein Ast brach. Wachsen die Obstbäume zu sehr in die Höhe, schneidet er sie so zurück, dass die Leiter gerade noch bis zuoberst reicht. «Auf Leiterlänge», sagt er und lacht. 500 Liter Most habe er im letzten Jahr gemacht, und viel davon selber getrunken.

Vier verschiedene Apfelsorten zählt Eugen Denzler an ein und demselben Baum. Er, der schon als Kind mit seinem Vater Obstbäume gepflegt hat, ist Meister im «Zweien» geworden. Der alte Mann weiss genau, wie, wann und wo man die Rinde eines Apfelbaumes aufschlitzen und Zweige anderer Sorten hineinstecken muss, damit mehrere Sorten am selben Baum wachsen. Er kennt sich auch beim biologischen Gärtnern aus. Seine Broccoli sind prächtig - ohne Pestizide und Kunstdünger. Auf die Kiwis an den Bäumen freut er sich. «Sind die Kiwis für den Verzehr zu hart, muss man sie nur kurz zu den Äpfeln legen, dann reifen sie sofort», sagt er.

«Im Wald hat es gefunkt»

Sieben Jahre lang war Denzler weg von seinem Gartenparadies gewesen. Nach der Werkzeugmacherlehre hatte er als junger Mann während drei Jahren in Bern und anschliessend während vier Jahren in Genf gearbeitet. Er wohnte bei Vegetarierfamilien mit Bezug zur Aryana-Gesellschaft. «Dann zog es mich wieder heim», erzählt Denzler, obwohl der Lohn als Werkzeugmacher in Zürich viel niedriger war als in Genf. «Ich vermisste den Garten.»

Gleich nach der Rückkehr habe er beim Skitourenlaufen am Oberiberg eine junge Aryanerin aus Küsnacht wiedergetroffen. Sie sei noch ein Mädchen gewesen, als er weggezogen war. «Beim gemeinsamen Hochsteigen mit den Skiern durch den Wald hat es zwischen uns gefunkt.»

1959 hat das Paar geheiratet. Zwei Söhne und eine Tochter wurden geboren. Seit zwei Jahren ist die Frau in einem Pflegeheim und Denzler alleine zu Hause. In der Küche steht ein Apfelkuchen, den er für das Nachtessen gebacken hat. Haus und Garten konnte er aus finanziellen Gründen nicht halten. Jetzt wohnt er in seinem Geburtshaus zur Miete.

Seine Kinder haben die Ernährungsregeln ihrer Eltern aufgegeben, kurz nachdem sie das Elternhaus verlassen hatten. «Alle essen nun Fleisch», sagt Denzler wehmütigr Man müsse tolerant sein. Dennoch: Er ist immer noch überzeugt, dass vegetarisch die einzig gesunde Ernährungsart ist. «Ich war nie krank», sagt der rüstige alte Mann. ()

Erstellt: 21.10.2015, 17:36 Uhr

Aryana-Gesellschaft

Herrliberg erhielt als Ableger der Mazdaznan-Lehre einen Bekanntheitsgrad weit über die Landesgrenze hinaus. Die Aryana-Gesellschaft mit Sitz in Herrliberg hat deren Gedankengut verbreitet. Die Gesellschaft ist als Genossenschaft im Zürcher Handelsregister mit Gründungsjahr 1924 und Auflösung 1931 vermerkt. Die Mazdaznan, eine religiöse Mischlehre aus zarathustrischen und christlichen Elementen, befolgen Atem- und Meditationsübungen, sind Vegetarier und legen Wert auf das Schöne und die Gemeinschaft. (ero)

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