Stäfa

Endlich ein Leben ohne Epilepsie

Zwei Stäfner Filmemacher haben den Dokumentarfilm «Um jeden Preis» realisiert. Er erzählt die Geschichte eines Jungen, der mit Erfolg gegen seiner schweren Krankheit ankämpfte.

Stefan Muggli (links) und Mike Krishnatreya haben einen einfühlsamen Film über den Kampf eines Jungen gegen Epilepsie gedreht.

Stefan Muggli (links) und Mike Krishnatreya haben einen einfühlsamen Film über den Kampf eines Jungen gegen Epilepsie gedreht. Bild: Michael Trost

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Der heute 21-jährige Nicola Pfleghart leidet seit seinem achten Lebensjahr an Epilepsie. In der Schweiz sind 80'000 Menschen von dieser Krankheit betroffen. Durch die vielen Anfälle ist sein Leben geprägt von zermürbendem Kontrollverlust, was den einst so aufgeweckten Buben depressiv werden lässt. Er verspürt keine Freude mehr am Leben, zumal Medikamente die Anfälle nicht verhindern können.

Eine Operation scheint Nicolas einzige Chance auf ein Leben ohne Anfälle zu sein. Die Anfälle, die plötzlich auftreten, dauern zwischen einer halben bis einer Minute, während der er das Bewusstsein verliert. Sie befallen ihn beim Duschen im Badezimmer genauso wie auf der Strasse, was ihn in heikle Situationen bringt und was zu schlimmen Stürzen mit Verletzungen führt. Velofahren oder Schwimmen liegt für den Epileptiker nicht drin.

Eine berührende Doku

Als nach einem ersten Eingriff am Hirn die Anfälle wieder auftreten, ist der Leidensdruck dermassen, dass Nicola, erfüllt vom Wunsch eines selbstbestimmten Lebens, eine weitere Operation um jeden Preis will. «Um jeden Preis», das ist auch der Titel des Films über Epilepsie im Allgemeinen und das Schicksal von Nicola Pfleghart im Speziellen.

Video: Der Trailer zum Film «Um jeden Preis»

Stefan Muggli hat den berührenden Dokumentarfilm realisiert. Der 35-jährige Produzent aus Stäfa hat während rund fünf Jahren «viel Zeit, Energie und Herzblut in dieses Projekt gesteckt», wie er am Samstag anlässlich der Vorpremiere im Zürcher Kino Alba sagte. Auf die Frage der Moderatorin Monika Schärer erzählte er, wie er zum Thema Epilepsie kam. An einer Tagung der Epilepsie-Stiftung hatte er seinen Dokumentarfilm «Unter Wasser atmen» aufgeführt, mit dem er sich 2011 am Zürcher Filmfestival den Publikumspreis geholt hatte. Danach habe ihn der damalige Stiftungsdirektor darauf angesprochen, ob er sich auch einen Film über Epilepsie vorstellen könne. Der Film solle dazu beitragen, das gängige Bild von Epileptikern, die verkrampft am Boden liegen und wild zuckend aus dem Mund schäumen, zu revidieren. Stefan Muggli: «Ohne jegliches Vorwissen über die Krankheit begann ich zu recherchieren.»

Willenskraft und Lebensmut

Seit längerem hatte sich der Stäfner mit der universellen Thematik der Willenskraft befasst, wie Menschen nach schweren Schicksalsschlägen ihr Leben wieder in den Griff kriegen. «Wie sie Mut fassen, ihr Leben nicht hinzuwerfen, ihr Vertrauen nicht aufzugeben, sondern kämpfend den beschwerlichen Weg eines Neuanfangs auf sich nehmen», sagt Muggli.

Der Produzent wollte diese Thematik anhand einer Familie aufzeigen, deren Kind an Epilepsie litt. Verhandlungen mit dem Schweizer Fernsehen hätten dazu geführt, dass ein Dokumentarfilm für das TV-Format SRF DOK angestrebt wurde.

Es sei schwierig gewesen, Familien zu finden, die bereit gewesen seien, einen persönlichen Einblick in ihr Leben zu gewähren. Nach einem Jahr stiess Muggli auf die Familie Pfleghart, die seinem Anliegen mit erstaunlicher Offenheit begegnete und zu der er ein vertrauensvolles Verhältnis aufbauen konnte. Das half Muggli, einen tiefen Einblick ins Seelenleben von Nicola und auch auf den neurochirurgischen Eingriff zu gewähren. Denn dank der fachlichen Beratung durch die Epilepsie-Stiftung vermittelt der Film auch Informationen rund um das Krankheitsbild, die Epilepsiediagnostik und -chirurgie.

«Wir haben den gleichen Stil und kommunizieren während den Aufnahmen nonverbal und mit Blickkontakt.»Kameramann Mike Krishnatreya

Während rund zweieinhalb Jahren begleiten Muggli und sein Kameramann Mike Krishnatreya Nicola und seine Familie. Sie tun es einfühlsam und gehen respektvoll um mit ihren Protagonisten. «Wir haben den gleichen Stil und kommunizieren während den Aufnahmen nonverbal und mit Blickkontakt», sagt der ebenfalls aus Stäfa stammende Krishnatreya, mit dem Stefan Muggli schon seit 18 Jahren zusammenarbeitet. 2010 haben sie die Firma Instantview gegründet.

Oft habe während den Szenen die Zeit zum Nachdenken gefehlt, um Spontanes festzuhalten, sagt Krishnatreya. Einzig bei den Aufnahmen während der Operation sei der Kameramann fast ohnmächtig geworden ob all dem Blut. «Ich litt hinter der Kamera mit der Familie», sagt der 39-Jährige.

«Emotionale Achterbahn»

Für die Filmmusik hat Muggli auch den Stäfner Gitarristen Levin Deger mit aufs Boot geholt. «Stefan Muggli hat mir anhand von Musikbeispielen vorgetragen, welchen Sound er sich für welche Einstellung vorstellt», erzählt Deger die Vorgehensweise. Einem Dirigenten gleich habe dieser seine Kompositionen angepasst, um eine gewünschte Stimmung hervorzubringen, mal melancholisch, mal sphärisch und auch mal heiter.

Stefan Muggli hat während der Entstehung des Films eine «emotionale Achterbahn» erlebt. «Das Projekt hat mich sehr mitgenommen», sagt er. Obwohl das Fernsehen auf ein Happy End aus war, habe man nach der endgültigen OP im August 2018 nicht mit Sicherheit sagen können, ob Nicola nun anfallsfrei bleiben würde. Als dieser nach der Filmvorführung vors Publikum im voll besetzten Kinosaal an der Seite seiner Mutter tritt, wird lange geklatscht. Das Schönste ist wohl sein Strahlen, welches das Filmteam bereits in der letzten Einstellung festgehalten hat: Es zeigt einen fröhlichen Nicola auf dem Velo mit der Freundin an der Seite.

Der DOK-Film wird am Donnerstag, 26. September, um 20.05 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.

Erstellt: 23.09.2019, 15:24 Uhr

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