Küsnacht

Elektroflitzer kommt mit Verspätung

In Küsnacht sind sie startklar: Der Elektro-Kabinenroller Microlino aus dem Hause Ouboter soll demnächst vom Band rollen. Wenn nicht im Dezember, dann spätestens im Januar 2019, sagt Microlino Projektleiter Oliver Ouboter.

Microlino-Projektleiter Oliver Ouboter sieht die grössten Hindernisse auf dem Weg zum Produktionsbeginn des Cityflitzers überwunden.

Microlino-Projektleiter Oliver Ouboter sieht die grössten Hindernisse auf dem Weg zum Produktionsbeginn des Cityflitzers überwunden. Bild: Manuela Matt

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Oliver Ouboter, im April 2016 war noch die Rede von einem Produktionsstart von Ende 2017. Wann startet nun effektiv die Produktion des Elektroflitzers Microlino?
Oliver Ouboter: Geplant ist der Produktionsstart für den Dezember. Wir haben alle Genehmigungen in Europa für die Strassenzulassung erhalten, darunter vor einer Woche zuletzt auch für die Schweiz. Bevor wir aber die Serienproduktion beginnen, wollen wir noch einmal die einzelnen Produktionsschritte genau überprüfen und unter die Lupe nehmen, um unliebsame Überraschungen zu vermeiden.

Was kann noch schief gehen?
Der einzige Unsicherheitsfaktor ist die Zeit. Als kleiner Player in der Autoindustrie planen wir für nächstes Jahr mit dem Bau von 1000 bis 1500 Fahrzeugen, vorwiegend für unsere Schweizer Kunden – auch wenn wir heute schon über 8000 Reservationen verfügen. Wir wollen nur langsam wachsen. Dazu kommt, dass wir über wenig Verhandlungsmacht gegenüber unseren Lieferanten verfügen. Wenn sie sich verspäten, tun es auch wir.

Die lange Entwicklungszeit ist teuer: Geht Ihnen bald das Geld aus?
Wir haben bisher gut schweizerisch, das heisst vernünftig gewirtschaftet. Wir haben das Thema nicht über die Massen aufgeblasen und verfügen auch nicht über ein überdimensioniertes Team. In Imola – unserem Produktionsort in Italien – sind es zehn bis 15 Techniker. In Küsnacht kommen nochmals sieben Leute dazu. Wir haben auch nicht übermässig ins Marketing investiert. Aber klar ist, wir hatten bisher nur Ausgaben. Noch kommt kein Geld herein. Unser Geld verdienen wir derzeit ausschliesslich mit unseren Mini-Scootern, den Kickboards, mit denen wir weltweit Marktführer sind.

In welcher Höhe bewegen sich die Investitionen, die Sie bisher für das Projekt Microlino geleistet haben?
Wir nennen keine genauen Zahlen. Aber dadurch, dass wir mit dem italienischen Elektroauto-Hersteller Tazzari über einen Partner mit viel Know-how verfügen, konnten wir unsere Kosten erheblich reduzieren, indem uns gewisse Anfängerfehler erspart geblieben sind. Ich kenne Hersteller von Elektrorollern, die über 100 Millionen Franken in ihre Entwicklung gesteckt haben. Das ist es bei uns bei weitem nicht gewesen.

Aber ein zweistelliger Millionenbetrag dürfte es doch sein...
Ja, aber es ist in jedem Fall kein hoher zweistelliger Betrag.

Ihr Unternehmen, die Microlino AG in Küsnacht, schreibt im Moment noch rote Zahlen...
Das ist richtig. Unser Ziel ist es aber, Ende des kommenden Jahres mit einer schwarzen Null dazustehen, also die Gewinnschwelle zu erreichen. Und wir glauben auch fest daran, dieses Ziel zu erreichen. Vor allem wegen des anrollenden Fahrzeugverkaufs sowie dem Verkauf von Lizenzen für den Microlino ins nicht-europäische Ausland, wie Brasilien. Bis 2021 streben wir die Erhöhung der Produktionskapazitäten in Imola auf 15'000 bis 20'000 Fahrzeuge pro Jahr an.

«Wir haben das ­Projekt Microlino nicht gestartet, um damit Geld zu verdienen.»Oliver Ouboter

Wie hat sich der mehrfach hinausgeschobene Start auf das Kundenvertrauen ausgewirkt?
Wir haben die branchenüblichen Verspätungen. Das sehen auch unsere Kunden so. Natürlich haben wir es uns als Neulinge im Automobilbau etwas einfacher vorgestellt. Vielleicht haben wir unterschätzt, dass es in dieser Branche nicht nur um einen selber geht, wir als Microlino AG wären schon länger bereit. Es geht auch um die Lieferanten, auf die man sich verlassen muss. Nun haben wir aber die grössten Brocken wie die Strassenzulassung beiseite geschafft, und es bleiben noch ein paar kleinere Themen.

So soll der Microlino bald durch die Strassen und Gassen flitzen. Video: Youtube

Wie verlässlich ist denn nun die Prognose für einen Produktionsstart im Dezember?
Als Neuling auf diesem Gebiet ist es sehr schwierig, genaue Aussagen zu machen. Eine Automobilentwicklung dauert im Normalfall sechs Jahre, wir haben es versucht, in drei Jahren zu bewerkstelligen. Unser Fahrzeug erfordert zudem gewisse Lösungen, die unkonventionell und kundenspezifisch sind. Natürlich verstehe ich, dass gewisse Leute verunsichert sind. Aber unser Ziel und unsere Aufgabe ist es, ein Produkt auf den Markt zu bringen, das qualitativ ausgereift und in sich stimmig ist. Dafür verschiebe ich den Produktionsbeginn lieber. Und wenn wir nicht im Dezember starten, dann sicher im Januar 2019.

Finanzieren Sie Ihr Projekt eigentlich komplett selber?
Ja, dem ist so, zusammen mit unserem Joint-venture-Partner Tazzari, der das Know-how und das ganze Beziehungsnetz liefert.

Inwiefern profitiert Küsnacht vom Projekt Microlino?
In Meilen richten wir ein sogenanntes Brandcenter ein, in einer alten Fabrik der ehemaligen Getränke AG Obermeilen. Es handelt sich um eine Mischung aus einem Lager mit angeschlossener Bar und Lounge. Hier werden Microlino-Fahrzeuge in jeder Farbe ausgestellt, und es wird die ganze Geschichte erzählt. Entwicklung und Marketing finden in Küsnacht statt. Zudem expandieren wir innerhalb von Küsnacht und beziehen – zusätzlich zu den bestehenden – neue Räumlichkeiten nahe der Kantonsschule, mit Platz für maximal 30 Leute.

Steht irgendwann der Verkauf von Microlino an einen grossen Automobilkonzern an?
Nein. Erstens glaube ich an KMU. Und Konzernstrukturen würden etwas derart innovatives wie das Projekt Microlino erdrücken. Wir haben unser Projekt nicht gestartet, um damit Geld zu verdienen. Unser angestammtes Geschäft mit den Mini-Scootern läuft dafür zu gut. In Frage käme für uns einzig, einen strategischen Partner an Bord zu holen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 27.09.2018, 15:04 Uhr

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Das Elektromobil Microlino aus dem Hause Ouboter in Küsnacht lehnt sich an die legendäre Isetta an, ein Rollermobil der italienichen Firma Iso Rivolta aus den 50-Jahren. Das «Mittelding zwischen Auto und Töff» (Oliver Ouboter) erreicht eine Maximalgeschwindigkeit von 90 Kilometern pro Stunde und hat eine Reichweite von bis zu 120 Kilometern. Der Preis liegt zwischen 13'000 und 14'000 Franken. Der Microlino bietet zwei Passagieren Platz und weist 300 Liter Stauraum auf, was dem durchschnittlichen Fassungsvermögen eines Kleinwagens entspricht. Der einzig grosse Fahrzeughersteller, der ein Auto in dieser Kategorie anbietet, ist Renault mit dem Twizy.

Die ersten Konzeptentwürfe für den Microlino entstanden 2015 – zusammen mit der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur und der Firma Designwerk. Gefertigt wird das Fahrzeug in Zusammenarbeit mit dem italienischen Elektroautobauer Tazzari in Imola. Für das Projekt Microlino arbeiten in Küsnacht sieben Personen. (ths)

Zur Person

Oliver Ouboter hat einen Abschluss an der Universität St. Gallen. Abgeschlossen hat der 24-jährige diesen Sommer mit einem Bachelor in Management. Während seines Studiums übernahm er zusammen mit seinem jüngeren Bruder Merlin die Leitung der Microlino AG in Küsnacht, die für die Entwicklung des Microlino verantwortlich ist. Oliver Ouboter ist in Uetikon wohnhaft. (ths)

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