Meilen

Eine voltenreiche Lesung

Wenn zwei Menschen in einem eingeschneiten Auto bis zum nächsten Morgen ausharren müssen, kann eine ganz schön ausgeschmückte Geschichte entstehen. Dies hat Erfolgsautor Alex Capus am Donnerstag in Meilen mit einer Lesung aus seinem aktuellen Werk «Königskinder» gezeigt.

Alex Capus zog die Zuhörer an der Lesung in der Gemeindebibliothek Meilen in seinen Bann. Bild: Manuela Matt

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Es wird eine verschachtelte Angelegen­heit. Dies für die gut 80 Personen, die sich am Donnerstagabend in der Gemeindebibliothek Meilen eingefunden haben. Sie besetzen damit den Raum bis auf den letzten Platz. Was sie erwartet, ist nichts Geringeres als: eine Erzählung über das Erzählen einer Erzählung. Und weil das alles etwas kompliziert sei, beginne er die Lesung etwas­ anders als gewohnt.

Der dies sagt, ist der Bestsel­lerautor Alex Capus. Mit dabei hat er ein Exemplar seines neuesten Romans «Königskinder», erschienen 2018. Denn, fügt er an, normalerweise gestalte er eine Le­sung als freies Erzählen. Das wird er ab einem etwas späteren Zeitpunkt auch hier machen. Erst aber schlägt er sein Buch auf und beginnt auf «Seite eins, oben links» zu lesen: von verschneiten Alpweiden und Fichtenwäldchen.

Biografische Züge

Da, als sie den Toyota Richtung Jaunpasshöhe lenkt, macht sie es schon wieder, ist dann vom Autor zu hören: Tina schaltet den Scheibenwischer an – wegen gerade mal drei Schneeflocken! Gelegenheit für Ehemann Max, sich mal wieder mit Wonne über diese – wie er findet – Unart seiner Frau auszulassen: Schon sind die Zuhörer in der Meilemer Bibliothek mittendrin in einem Gezeukel, wie es typisch ist für das Paar. Das sich durchaus über «die grossen Dinge prächtig versteht». Aber eben nicht über Laubbläser, Gummimatten in Duschkabinen, Vollkornpasta oder Radhelme: Solche und weitere Spiessigkeiten des Alltags geben in dem Toyota denn auch bald mal Grund für eine rege Diskussion über dieses und jenes.

Die Zuhörer zeigen sich über Capus’ ironischen Blick auf eine 26-jährige Ehe amüsiert. Ein Blick, der, wie sie später erfahren werden, einiges vom Privatleben des 57-jährigen Autors hat.

«Ich wollte einen mündlichen Ton wie in einer intimen Erzählung.»Alex Capus

Zuvor aber erfahren sie, wie es mit Tina und Max weitergeht – oben auf dem Jaunpass. Zwecks Abkürzung sind sie dahin gelangt; aber eigentlich ist die Strasse gesperrt. Nun wissen sie, warum: Auf 1508 Metern über Meer liegt Schnee, obwohl es unten noch sommerlich grün ist.

Es kommt, wie es kommen muss: Der Toyota bleibt im Schnee stecken und dem Paar nichts anderes übrig, als den Morgen abzuwarten. Und mit ihm den erhofften Räumungsdienst.

Historisch verbürgt

Damit ist die Rahmenhandlung von «Königskinder» gegeben. Er habe, sagt Capus, diese für seine Geschichte gebraucht. «Ich wollte einen mündlichen Ton wie in einer intimen Erzählung», erklärt er. Lange habe er diese Tonalität «ausgebrüht».

Die Erzählung kommt zum Zug durch Max, der seine Frau und sich von der misslichen Lage abzulenken versucht: mit einer Geschichte über den Alphirten Jakob Boschung. Diese sei historisch verbürgt, sagt Capus, nicht zum einzigen Mal an dem Abend. Er sei bei Recherchen in Frankreich darauf gestossen. Das Schicksal «von Jakob hat mich so angerührt, dass ich in Archiven weitergeforscht habe».

Es ist das Schicksal eines «Al­pen­tarzans», das, nota­bene, am Jaun­pass seinen Anfang nimmt. Dies in einer «Zeit des Stillstands» – kurz vor Französischer Revolution und Aufklärung. Davon aber bekommt Hirt Jakob nichts mit, wie von der Welt überhaupt kaum. Bis er die schöne Bauerstochter Marie trifft.

Parallelen zu heute

«Hier interveniert Tina zum ersten Mal», unterbricht Capus seine nun als freie Erzählung gestaltete Buchpräsentation. Tina sei eine «renitente Zuhörerin», frage nach dem Wie und Warum und ändere gern auch das Drehbuch ab. Wie seine eigene Ehefrau eben, die als Kriminologin keinen «Tatort» unkommentiert sehen könne.

So also will Tina wissen, wie genau denn Marie aussehe, und warum denn so und nicht anders­, was sie treibe – und dabei bekommt Max’ Erzählung auch mal das Etikett einer sexistischen Fantasie» ab.

So tun sich schliesslich im Wech­sel zwischen Rahmen- und Binnenhandlung Welten auf: von einer unzertrennlichen Liebe­, die manche Prüfung überstehen­ muss. Von den Ver­zückungen und Bizarrerien einer vergangenen Zeit. Diese setzt Capus­ da und dort mit dem Hier und Jetzt parallel: mit der aktu­ellen Scheidungsmentalität, mit dem Gefühl, vor einem gesellschaftlichen Umbruch zu stehen.

So vergehen eineinhalb Stunden einer voltenreichen und unter­haltsamen Lesung. Nicht wenige Anwesende zeigen ihre Begeisterung sodann mit dem Kauf eines Werks des Oltners.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.01.2019, 09:04 Uhr

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