Stäfa

Eine Ausstellung mit Stationen im Dorf

Das Museum zur Farb widmet der vor 200 Jahren gegründeten Lesegesellschaft seine neue Ausstellung und verbindet sie mit Installationen im Dorf und geführten Spaziergängen.

Nicole Peter (rechts) und Barbara Pulli beim Patrioten, der ersten Aussenstation der neuen Ausstellung, wo die
Dorfspaziergänge starten.

Nicole Peter (rechts) und Barbara Pulli beim Patrioten, der ersten Aussenstation der neuen Ausstellung, wo die Dorfspaziergänge starten. Bild: Moritz Hager

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Das Museum zur Farb ist ein Standbein der Lesegesellschaft (LG) Stäfa, die es seit 1947 führt. Da ist es naheliegend, dass das Ortsmuseum seine neue Ausstellung «Think-Tank in bewegten Zeiten – die Lesegesellschaft im 19. Jahrhundert» ebendiesem seit 200 Jahren bestehenden Kulturverein widmet. Eine Denkfabrik des 19. Jahrhunderts soll dieser also gewesen sein, der mit seinem aufklärerischen Gedankengut und liberalen Geist Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung nahm?

Wie das zu verstehen ist, weiss die Kuratorin Nicole Peter: «Damals boten Lesevereine, aber auch Sänger- oder Turnvereine die Gelegenheit, unter Gleichgesinnten nicht nur ein Hobby zu pflegen, sondern es waren zugleich Orte, wo auch rege debattiert und diskutiert wurde.» Im Gegensatz zur heutigen Informationsflut sei man damals froh gewesen um jede Neuigkeit.

Wo Goethe übernachtete

Zum Thema «Diskutieren und Debattieren» hat die Ausstellungsmacherin zusammen mit der Szenografin Barbara Pulli eine Station vor dem Restaurant Alte Krone auf dem Gemeindehausplatz installiert. Denn in diesem Haus trafen sich die Mitglieder der 1819 gegründeten LG bis 1838, an einem Sonntag einmal im Monat, um sich auszutauschen. Die Installation mit den unübersehbaren grell gelben Holzlatten, der Farbe der LG Stäfa, ist mit einer Hörstation ausgestattet: Per Knopfdruck erfahren interessierte Passanten aus der Sicht einer Kellnerin von anno dazumal, dass in diesem Lokal nicht nur Goethe genächtigt hat, sondern dass an eben diesem Ort das Wirken der LG begann. «Gerade weil die Lesegesellschaft viele Spuren im Dorf hinterlassen hat», erklärt Nicole Peter, «haben wir diese Stätten ausserhalb des Museums in die Ausstellung integriert.»

Sieben solche Stationen zeugen vom Wirken der LG. Fünf öffentliche Dorfspaziergänge knüpfen jeweils an einem Sonntag ab 14 Uhr daran an; sie beginnen alle beim Denkmal des Patrioten an der Oetiker Haab. Der «Kettensprenger», wie die Figur auch genannt wird, erinnert an die Befreiung der Landschaft vom Joch der Zürcher Obrigkeit, die ihren Anfang mit dem Stäfner Handel 1795 nahm. Auch hier lauscht man entweder der Geschichte an der Hörstation oder liest den kurzen Text. Er ist in zwei Teile geteilt: Der obere, historisch fundiert, richtet sich an Erwachsene, der untere ist für Kinder verständlich.

Geführt werden die Spaziergänge etwa vom Präsidenten der Lokalen Agenda 21, Jürg Kurtz (19. Mai), der Buchhändlerin Sandra Bellini (30. Juni) oder der Schulpräsidentin Cristina Würsten (6. Oktober). Es sind Personen, die mit Stäfa verbunden sind und sich im zivilgesellschaftlichen Leben der Gemeinde engagieren und so aus ihrer Sicht aktuelle Themen aufgreifen, die mit der LG in Zusammenhang stehen.

Auch zum Hören

Die Ausstellung im Museum zur Farb, die am Donnerstag (9. Mai) eröffnet wird, hat Nicole Peter mit der Praktikantin Anna Lanz erarbeitet. Barbara Pulli hat die mehrheitlich aus Schriften und Dokumenten bestehenden Exponate zu einem Stillleben buchstäblich in Szene gesetzt, und zwar in zwei Kuben. Ein Kubus gewährt den Besuchern Einblick durch Gucklöcher, etwa auf die Gründungsmitglieder der LG und deren erste Protokollbücher. Der Blick der Betrachter wird dank den Geschichten, die mittels Audioguides abgehört werden können, geführt. «Erst durch diese Erzählungen aus einer längst vergangenen Zeit werden die Exponate zum Leben erweckt und können sich die Besucher etwas darunter vorstellen», resümiert die Szenografin.

Der Blick durch eines der Gucklöcher. Foto: Moritz Hager

Beim zweiten Kubus schaut man von oben auf die von Pulli arrangierte «Szenenlandschaft» hinab. «Hier zeigen wir einige Wochenblätter, die in den 1980er-Jahren bei der Renovation eines Hauses im Ortsteil Dorf hinter einer Tapete zum Vorschein gekommen sind», kommentiert sie die erste Zeitung in Stäfa, das «Wochenblatt vom Zürichsee», aus der die heutige «Zürichsee-Zeitung» entstanden ist. Die erste Ausgabe erschien am 4. Januar 1845, von Mitgliedern der LG lanciert.

Vernissage und Eröffnung des Jubiläumsjahrs am Donnerstag, 9. Mai, um 19 Uhr im Museum zur Farb, Dorfstrasse 15 in Stäfa. Weitere Veranstaltungen unter www.museum-zur-farb.ch. (Zürcher Regionalzeitungen)

Erstellt: 05.05.2019, 18:11 Uhr

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