Küsnacht

Ein wilder englischer Garten

Es wuchert und spriesst in Beate Schnitters Garten, und doch wirkt alles geordnet. Die Küsnachter Architektin pflegt seit Jahrzehnten das Erbe ihrer berühmten Tante Lux Guyer. Ihr ungewöhnlicher Garten steht wohl schon bald unter Schutz.

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Manchmal ziehe die Bise aus Moskau voll durch den Garten, sagt Beate Schnitter. Das bereitet ihr oft Sorgen. Denn in der winterlichen Kälte könnte absterben, was im Frühling und im Sommer blühen soll. Wird es kalt, packt die 87-Jährige in ihrem Garten im Küsnachter Ortsteil Itschnach ihre Agapanthi, die blauen Schmucklilien, ein. «Noch nie ist mir ein Agapanthus gestorben», sagt Beate Schnitter, die ein Leben lang ein Herz für Gärten hatte.Bekannt wurde Schnitter als Architektin. Sie zählt zu den ersten Frauen in einem Beruf, der lange fast ausschliesslich von Männern dominiert war. Ihre Tante, die berühmte Architektin Lux Guyer, hatte es ihr vorgemacht. Ein Jahr vor Beate Schnitters Geburt, 1928, hatte diese an der Ausstellung für Frauenarbeit (Saffa) ein Einfamilienhaus vorgestellt, das dank einem vorgefertigten Holzbausystem in nur drei Monaten errichtet werden konnte. Mit diesem, aber auch mit anderen Bauten wie Wohnungen für alleinstehende Frauen wurde Lux Guyer bekannt.

Im Haus in Itschnach,das Guyer 1929/30 erbaute, wohnt und ar­beitet später auch Beate Schnitter. Die damals 16-Jährige zieht 1945 mit ihren Eltern dort ein, zehn Jahre später übernimmtsie das Architekturbüro ihrer verstorbenen Tante. 1958 be­teiligt sie sich wie einst Lux Guyer an der Saffa. In ihrem langen Berufsleben entwarf Beate Schnit­ter Villen, Ferienhäuser und Überbauungen. Zudem stellte sie die 1864 von Gottfried Semper geschaffene Eidgenössische Sternwarte in Zürich wieder im Originalzustand her.

Daneben verbrachte die umtriebige Architektin viel Zeit in ihrem Garten. «Ich jäte ihn nun schon seit 71 Jahren», sagt sie und lacht. «Ich habe deswegen schon ganz kurze Finger.»

Der Küsnachterin käme es aber nicht in den Sinn, sich zu be­schweren über die Arbeit. Vielmehr pflegt sie den Garten genauso liebevoll, wie sie das ganze Vermächtnis ihrer Tante umsorgt. Er entstand zeitgleich mit dem Haus. «Er ist Luxlis Ehr», sagt Schnitter zärtlich.

Das Guyer-Haus ist ein Kulturgut von nationaler Bedeutung. Und die Baudirektion des Kantons Zü­rich hat 2006 auch den Garten unter Schutz gestellt. Diese Ehre ist ihm nicht wegen der Pflanzen zuteilgeworden, sondern wegen seiner Anordnung und Struktur. Patin für Lux Guyers Garten in Itschnach stand die britische Gar­tengestalterin Gertrude Je­kyll. Diese gilt als Mutter des ­englischen Landhausstils, der im 19. Jahrhundert entstand. Ein Garten, so die Ansicht von Jekyll, soll nicht aus geometrisch durchorganisierten Beeten bestehen, sondern aus wild wirkenden Pflanzungen.

Das findet auch Schnitter. «Ich habe lieber einen englischen Wildgarten als einen linearen, geometrischen Garten», sagt sie. Letzteres passe gut in einen grossen französischen Schlosspark, wo es viel Platz gebe und alles aufgeräumt wirke. In einem englischen Cottage-Garden ist das Gegenteil der Fall: Hier sieht es auf den ersten Blick so aus, als würden sich die Pflanzen unbändig entfalten – und trotzdem zieht sich ein stimmiges, buntes Muster durch die Landschaft.

Hinter dem scheinbar Zufälligen steckt viel Arbeit, die Beate Schnitter trotz ihres Alters grösstenteils alleine verrichtet. «Wenn man einen Garten hat, muss man die ganze Zeit ausbessern», sagt sie. Sie zeigt auf zwei grosse Büsche, die ein engagierter Gärtner pflanzte, als sie längere Zeit krank war. «Sie müssen weg, denn sie schneiden die Räume voneinander ab.»

Tatsächlich gibt es in Beate Schnitters Garten mehrere miteinander verbundene, gekammerte Räume, sogenannte Kompartimente. Sie wurden deshalb angelegt, weil sich Haus und Garten an einer Hanglage befinden und es einen Höhenunterschied von 3,5?Metern zu überwinden gilt. Der Garten nimmt dank verschiedenen Mauern Stufe für Stufe. Auf jeder Ebene befindet sich ein Kämmerchen, das den Blick auf ein anderes frei gibt. «Diese Kammern sind typisch für den englischen Stil und Gertrude Jekyll», sagt die Architektin.

Die Pflanzen lassen sich dank den verschiedenen Räumen thematisch anordnen. Im Klostergarten, wie Beate Schnitter ihn nennt, wachsen neben dem Agapanthus rote und rosarote Rosen. «Einige haben einen zu starken Orangeton», sagt die Küsnachterin etwas unzufrieden und zeigt auf das lachsfarbene Guyer-Haus. «Das passt nicht dazu.»

In eine ganz andere Welt tauchen Besucher ein paar Meter vom Klostergarten entfernt ein. «Das hier ist mein Südländer­hügel», sagt Beate Schnitter und zeigt auf eine Böschung, in welcher der Cistus blüht, eine im Mittelmeerraum verbreitete weis­se Zistrose. Weiter oben wurzelt eine 85-jährige Wacholderzypresse.

Auch andere Bäume haben ein stolzes Alter.Etwa der Zwetschgenbaum, der bei genauerem Hinsehen aus zwei Stämmen besteht, die miteinander verwachsen sind. Das habe sie selber lange Zeit gar nicht gewusst, sagt Schnitter. Der Gärtner habe sie erst vor kurzem darauf aufmerksam gemacht, dass es in jungen Jahren wohl zwei Bäume gewesen seien.

Die Architektin ist froh, dasses dem Zwetschgenbaum wieder gut geht. Eine Zeit lang kränkelte er, aber seit diesem Frühling geht es ihm aus unerfindlichen Gründen plötzlich wieder gut. «Dieses Jahr stand er in voller Blüte – es war wie ein riesiger Eisberg»,sagt die weisshaarige Frau. Jetzt hängen die Zwetschgen reif am Baum, einige liegen bereits in der Wiese. Beate Schnitter verarbeitet die Früchte jeweils zu Konfitüre oder Kompott, manchmal legt sie sie in Essig ein.

Auch einen Apfelbaum hat die Küsnachterin im Garten. Es ist ein noch junger Crabapple Tree. Beate Schnitter hat ihn aus England nach Küsnacht geholt – als Handgepäck im Flugzeug. Es habe grosse Diskussionen gegeben, ob das erlaubt sei, erinnert sich die leidenschaftliche Gärtnerin. Schliesslich habe sie sich durchgesetzt und den erst 70 Zentimeter grossen Baum im Flugzeug zwischen ihren Beinen auf den Boden gestellt. So hat eben fast jede Pflanze ihn ihrem im Garten eine Geschichte.

Erstellt: 01.09.2016, 13:34 Uhr

Gartentipps von beate Schnitter

Kein Erbarmen mit Schnecken

Etwas darf eine erfolgreiche Gärtnerin in den Augen von Beate Schnitter nicht haben: Mitleid mit Schnecken. «Sie sind eine Plage», sagt sie. Gärtner sollten keine Angst davor haben, Schnecken zu töten, findet sie und erzählt ohne Scham, wie sie dabei vorgeht: «Neulich haben wir 1111 Schnecken gesammelt und mit heissem Wasser abgebrüht.» Sie hätte noch mehr Schnecken finden können, habe jedoch bei dieser Zahl aufgehört, «weil ich sie mir gut merken kann».

Beate Schnitter kennt aber auch Gnade: «Schönes Unkraut», empfiehlt sie den ZSZ-Lesern, «soll man stehen lassen». Weiter sollten Hobby­gärtner darauf achten, dass kon­tinuierlich etwas blühe. «Man kann Besuchern nicht ­sagen, sie sollten im Juni wieder kommen, weil jetzt gerade nichts blüht.»

Als Motivation gibt die Architektin Gartenliebhabern folgende Weisheit mit auf den Weg: «Man darf die Arbeit im Garten nicht scheuen – aber man muss sie geniessen.» (miw)

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