Zürichsee

Ein Schiff zwischen Nutzfahrzeug und Seeungeheuer

Für Schiffsbesitzer und Badegästen ist sie ein Segen, Kindern aber kann sie Angst einjagen. Seit Jahrzehnten schneidet die Seekuh Wasserpflanzen, die in den Häfen wuchern. Die ZSZ war beim Mähgang an Bord.

Im Männedörfler Hafen gibt es für die Seekuh besonders viel zu tun: Er ist dicht von Seepflanzen bewachsen.

Im Männedörfler Hafen gibt es für die Seekuh besonders viel zu tun: Er ist dicht von Seepflanzen bewachsen. Bild: Michael Trost

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In Schritttempo nähert sich die Seekuh dem Ufer. Sie reisst ihr meterbreites Maul auf. Nun erscheinen zentimetergrosse messerscharfe Eisenstall-Zacken, die genauso gut aus dem Maul eines Weissen Hais ragen könnten. Damit verschlingt die Seekuh gleich mehrere Studen Seegras. Sie dröhnt. Ein paar Stockenten schwimmen davon und suchen Schutz auf der Steuerbordseite eines Sportboots.

Die Seekuh in Action. Video: Marco Huber

Die Schaufelräder drehen sich, Wasser spritzt empor. Dann pflügt sich die sonderbare, türkisfarbene Kreatur weiter durch das Hafenbecken in Männedorf. Mit einer Yacht oder einer Jolle hat die Seekuh wenig gemein. Sie gleicht vielmehr einem Baggerschiff, nur dass sich an Stelle des Lastarms das Mähwerk mit den Zacken befindet, die unter Wasser im Eiltempo hin- und herschnellen.

Strenger Geruch in der Luft

Mit minutiöser Präzision manövriert der Bootsführer das Mähboot an den Segelschiffen und Motorbooten im Hafen vorbei. Dank den Schaufelrädern kann es kurze Radien fahren und praktisch an Ort und Stelle wenden. Auf einem Ketten-Förderband wandern die Teppiche voller Laichkräuter unter der Führerkabine hindurch in die Deckschute. Ein strenger Geruch liegt nun in der Luft. Vorarbeiter Willi Senn steht auf der Brücke des Schiffes und hält einen Stickel mit Eisenhaken in den Händen. Damit kann er verhindern, dass die Seekuh mit einem Poller oder mit dem Heck eines Bootes kollidiert.

Senn kennt den Zürichsee. Seit 40 Jahren sorgt der Wädenswiler für Sauberkeit und Ordnung in den Gewässern des Kantons Zürich. Dies obschon er kein Seebube sei, wie er sagt, schliesslich sei er ursprünglich in Hirzel aufgewachsen. Wenn Senn mit der Seekuh Pflanzen schneidet ernte das Schiff immer wieder verwunderte Blicke. «Es rannten schon Kinder vor Angst davon, weil sie meinten, da komme ein Seeungeheuer auf sie zu.»

Teppich voller Krautgewächse

Wenn die Wasserpflanzen wuchern geht die Seekuh auf die Jagd, so wie an diesem Vormittag in der Männedörfler Hafenanlage Weiern. Dort liegen dieser Tage ganze Teppiche voller Krautgewächse, die der Volksmund gerne als Seegras bezeichnet (siehe Kasten). Sobald sie zu nahe an die Wasseroberfläche ragen, können sie in die Schiffsschrauben gelangen und diese verstopfen. Deshalb entfernt das Spezialschiff die Pflanzenteppiche – Abschnitt um Abschnitt.

Für die Hafenanlage Weiern benötigt die Seekuh einen ganzen Tag. Danach wandert sie weiter in Richtung Strandbad im Ausserfeld, um die Badi vom Laichkräutern zu befreien, die an mancher Stelle den Schwimmern um die Beine streichen.

Aus Amerika importiert

Die Seekuh stammt aus Nordamerika. Vor über 30 Jahren wurde das Spezialschiff von einer Schweizer Firma importiert und ist noch immer funktionstüchtig.

Der Wasser-Mährdrescher gehört dem kantonalen Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL). Im Werkhof in Oberrieden stationiert, wird das Schiff ab Mitte Juli eingesetzt, wenn das Pflanzenwachstum im See zunimmt. Die Sektion Gewässerunterhalt koordiniert diese Einsätze. Insgesamt ist die Seekuh pro Jahr während rund 80 Einsatzstunden lang im See unterwegs – von Zürich bis Schmerikon, denn das AWEL setzt ihr Spezialschiff auch im Obersee ein, weil die St. Galler respektive Schwyzer Direktionen kein solches Gefährt besitzen. Die Mähtouren dauern jeweils lange. Da das Mähboot maximal in Schritttempo im See tuckern kann, benötigt es für die Fahrt von Oberrieden nach Schmerikon sieben Stunden.«Das Verladen auf die Strasse mit einem Spezialtransporter wäre zu teuer», sagt Willi Senn.

Verspätung wegen Revision

In diesem Jahr kommt das Laichkraut im Zürichsee besonders stark zum Vorschein. Weil der Seespiegel zum Sommeranfang nach einigen Regentagen bereits ziemlich hoch war, ragen die hochgewachsenen, krausen Gewächse nun, da er sich wieder gesenkt hat, hervor. Deshalb hätte die Seekuh schon vor Mitte Juli die Pflanzen kappen sollen. Doch die Seekuh befand sich zu diesem Zeitpunkt noch in Revision. «Durch Sandstrahlen wurde das Mähboot von Rost befreit. Dabei mussten wir feststellen, dass in einem der drei Schwimmkörper bereits Wasser eindrang. Deshalb verzögerten sich die Reparaturarbeiten», erklärt Willi Senn. Nun aber ist die Seekuh wieder voll einsatzfähig .

Am Ende kompostiert

Am häufigsten muss sie am oberen rechten Seeufer mähen. In Uetikon, Männedorf und Stäfa, wo viele seichte Stellen liegen, wachsen die Wasserpflanzen schneller bis an die Oberfläche, als an tiefen Stellen. «Ab Meilen seeaufwärts kommt die Seekuh nur selten zum Einsatz, weil der See dort schmaler und tiefer ist und die Pflanzen somit weniger natürliches Licht erhalten», sagt Senn.

Am linken Seeufer ist die Seekuh vor allem in Thalwil, Horgen und Wädenswil im Einsatz, wenn auch bedeutend weniger oft. Am dichtesten bewachsen sei es hier, in der Hafenanlage Weiern. Das Wasser ist nicht tief und liess kaum, weil die dicke Hafenmauer keine Strömungen zulässt.

Dieses dicht bewachsene Hafenbecken wird nun nach und nach von Pflanzen befreit. Soeben hat die Seekuh wieder einen Abschnitt gemäht. Jetzt geht es ans Abladen. Das Schiff dockt rückwärts am Kai an. Auf dem Förderband wird das Gewächs ans Ufer geschoben, aufgehäuft und deponiert. Später werden diese Haufen mit dem Lastwagen abtransportiert und schliesslich kompostiert. Die Seekuh aber setzt ihren Mähgang fort und damit ihre Dienstleistung an Bootsbesitzern und Badegästen rund um den See. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.07.2016, 16:06 Uhr

Die gefrässige Sehkuh ist eigentlich ein Wasser-Mähdrescher. (Bild: Michael Trost)

Warum die Seekuh kein Seegras fressen kann

Was die Seekuh im Zürichsee abträgt sind hochwachsende Wasserpflanzen. Der Volksmund benennt sie gerne als Seegras, allerdings ist dieser Populärname nur deshalb entstanden, weil die langen, dünnen, krausen Blätter einiger Pflanzen im See den Seegräsern ähnlich sehen. Die Gräser, die im Zürichsee gedeihen gehören zu den Laichkrautgewächsen und sind ein wichtiger Lebensraum für junge Fische und wirbellose Tiere. Seegräser wachsen ausschliesslich im Meer. Aus dem maritimen Bereich entstammt auch der Name des Spezialsschiffs Seekuh. Die Bezeichnung ist eine Anlehnung an die im Meer lebenden Säugetiere, die mit ihrer stumpfen Schnauze, die von feinen Tastborsten umgeben wird, Algen, Mangroven und eben Seegras fressen. Unter dem Namen Seekuh kennt man die Spezialschiffe zum Schneiden von Wasserpflanzen auch im Ausland. Die meisten dieses Typs stammen aus den USA. (mhu)

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