Bezirksgericht Meilen

Ehemann tauchte nach Anklage wegen Würgens unter

Ein afghanischer Asylsuchender soll seine Frau fast zu Tode gewürgt haben. Eine allfällige Strafe hätte für ihn vermutlich keine unmittelbaren Konsequenzen, weil er verschwunden ist.

Die Verhandlung im Bezirksgericht Meilen fand ohne den Angeklagten statt.(Symbolbild)

Die Verhandlung im Bezirksgericht Meilen fand ohne den Angeklagten statt.(Symbolbild) Bild: Manuela Matt

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Der Gerichtssaal war gut besetzt: Drei Richterinnen sowie zwei weitere Angestellte des Gerichts sassen da, ebenso der Staatsanwalt, zwei Anwälte, eine Dolmetscherin und auch das mutmassliche Opfer. Nur einer fehlte - gewissermassen die Hauptperson, also jener Mann, der das Leben seiner Frau gefährdet haben soll. Der Asylsuchende aus Afghanistan ist verschwunden. Die richterliche Verfügung konnte ihm nicht zugestellt werden. Nicht einmal sein Pflichtverteidiger weiss, wo er sich befindet - wahrscheinlich irgendwo in Deutschland, wo er Verwandte haben soll.

So kam es diese Woche ohne ihn zur Verhandlung. Hinterlassen hat der Beschuldigte lediglich einen Brief, den die Dolmetscherin sinngemäss auf Deutsch übersetzte. Er fühle sich unschuldig und habe Angst, ausgeschafft zu werden, teilte der 29-Jährige mit. Überdies sehe er keine Möglichkeit sich zu verteidigen.

Zwischen ihm und seiner Frau läuft es schon lange nicht mehr gut. Vor rund fünf Jahren kamen sie in die Schweiz, sie war damals schwanger. Der Beschuldigte wurde mehrmals tätlich gegen sie. Vor zwei Jahren kassierte er eine bedingte Geldstrafe, weil er seine Frau am Hals gepackt hatte. Daraufhin wurden die beiden aufgrund eines Kontaktverbots voneinander getrennt. In der Hombrechtiker Wohnung der jungen Frau kam es aber vor einem Jahr zu einer erneuten Begegnung, die ausartete. Auslöser der Streits war ein Handy. Der Mann hatte es ihr weggenommen, weil er selber eines brauchte, sie verlangte es zurück.

Sohn war einziger Zeuge

Was sich dann genau ereignet hat, ist umstritten. Gemäss Anklage hob der Mann die Hand, um Schläge anzudeuten, worauf die Frau ihn geohrfeigt haben soll. Daraufhin zerrte er sie ins Schlafzimmer und warf sie aufs Bett, mit der Hand drückte er ihren Hals zu. «Am Anfang dachte ich, dass er mir wie auch schon Angst machen wollte», erzählte das mutmassliche Opfer sichtlich aufgewühlt. «Aber dieses Mal war es so heftig, dass ich nicht mehr atmen konnte.» Vielleicht, ja vielleicht, sei ihm die Gefahr gar nicht bewusst gewesen, die von ihm ausgegangen sei - das habe sie zumindest im ersten Moment gedacht. Dann habe sie ihm in die Augen geblickt. «Sie waren kalt. Da wurde mir klar, dass er dazu bereit war, mich umzubringen.»

Ihre körperlichen Kräfte, führte sie weiter aus, seien geschwunden. Arme und Beine seien taub gewesen. Ihren kleinen Sohn, der plötzlich im Türrahmen gestanden habe, habe sie nur noch verschwommen gesehen. Irgendwann müsse ihr Mann von ihr abgelassen haben, sie habe es aus der Wohnung geschafft, wo sie jemand gefunden und die Polizei alarmiert habe.

Für den Staatsanwalt war der Fall klar: «Es bestand eine konkrete Lebensgefährdung.» Die beschriebenen Symptome würden auf eine sauerstoffbedingte Hirnfunktionsstörung hindeuten, die zum Tod führen könne. Die rechtsmedizinische Untersuchung des mutmasslichen Opfers hätten denn auch eindeutige Verletzungen belegt. Noch während zwei Wochen habe die Frau an Hals- und Schluckschmerzen sowie an Hustenanfällen gelitten.

Der Staatsanwalt beantragte einen Schuldspruch wegen Gefährdung des Lebens und eine bedingte Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten. Ebenso verlangte er einen Landesverweis von sieben Jahren sowie ein Kontaktverbot während fünf Jahren zur Ehefrau. Deren Anwalt forderte überdies eine Genugtuung von 8000 Franken.

Das falsche Vorbild

Der Pflichtverteidiger hingegen plädierte auf einen Freispruch. Es gebe keine Zeugen für die Tat, und möglicherweise wolle sich die Frau bei seinem Mandanten für frühere Taten rächen, indem sie eine solche Geschichte erfunden habe. Das rechtsmedizinische Gutachten zog der Anwalt in Zweifel. Es habe zu wenig Substanz. Auch er forderte für seinen Klienten eine Genugtuung, dessen Höhe das Gericht bestimmen solle.

Dieses hat sein Urteil noch nicht bekannt gegeben. Es erfolgt schriftlich. Den abgetauchten Beschuldigten dürfte es ohnehin nicht erreichen. Seine Frau, die seit dem Vorfall in psychiatrischer Behandlung ist, zeigte sich am Schluss der Befragung verzweifelt. Unter Tränen schilderte sie, wie ihr mittlerweile fünfjähriger Sohn das Verhalten des Vaters kopiert habe. «Er hat nun gelernt, dass er meinen Hals packen kann, wenn er wütend ist.»

Erstellt: 04.10.2019, 13:31 Uhr

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