Mordfall Küsnacht

Die Verteidiger schlagen zurück

Am Freitag zeigten die Verteidiger stundenlang auf, dass ihr Mandant bezüglich der Tötung schuldunfähig ist. Sie forderten eine stationäre Massnahme statt einer Freiheitsstrafe. Dass der 31-Jährige Sexualdelikte begangen hat, stritten sie gänzlich ab.

Für die Verteidigung war an der Verhandlung vor dem Meilemer Bezirksgericht klar, dass ihr Mandant während des Tötungsdelikts «komplett zugedröhnt» war.

Für die Verteidigung war an der Verhandlung vor dem Meilemer Bezirksgericht klar, dass ihr Mandant während des Tötungsdelikts «komplett zugedröhnt» war. Bild: Archiv ZSZ / Michael Trost

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Selber wollte sich der 31-Jährige nicht verteidigen. Er schwieg, also hörte man lange nur Vorwürfe an seine Adresse. Doch am Freitag hatten seine Verteidiger das Wort im viertägigen Prozess am Bezirksgericht Meilen. Dabei stellten sie klar: Ja, ihr Mandant hat das 23-jährige Opfer getötet. Doch er sei zur Tatzeit unter dem starken Drogeneinfluss vollkommen unzurechnungsfähig und demnach schuldunfähig gewesen. Auch wenn er für den Drogenrausch selber verantwortlich war.

Für ihre Argumente hatten sie zwei gewichtige Zeugen: die beiden Gutachter, die es als plausibel betrachteten, dass der 31-Jährige im Drogenrausch halluzinierte und tatsächlich Angst um sein Leben hatte. Der renommierte forensische Gutachter habe gesagt, theoretisch gäbe es die Möglichkeit, dass ein Streit eskaliert sei. Doch sei dies eben nur eine Theorie, so der amtliche Verteidiger. Angesichts des Ausmasses der Gewalt und Zerstörung sowie des verwirrten Verhaltens des Beschuldigten beim Eintreffen der Polizei könne man sich schwerlich einen eskalierten Streit um Kleinigkeiten vorstellen. Auch die Vorgeschichte der beiden Freunde lasse einen solchen Schluss nicht zu.

Zu Beginn habe sein Mandant von Notwehr gesprochen, weil er nicht von den Halluzinationen berichten wollte. Er habe grosse Angst davor gehabt, in die Psychiatrie gesteckt zu werden. Natürlich sei es keine Notwehr, wenn man aus unersichtlichen Gründen seinem Kontrahenten eine Kerze in den Rachen stecke. Doch die Angst vor der «Psychi» erkläre, dass der Beschuldigte zuerst diese Ausrede genutzt habe, so der Verteidiger. Und der Rausch, wie «von Sinnen» sei der Mann gewesen, erkläre die unlogische Aktion mit der Kerze. Der Gutachter empfiehlt eine stationäre Massnahme, das fordert auch der Verteidiger. Zerpflückt hat er auch die Theorie, dass der Täter habe wissen müssen, dass er im Rausch einen Menschen töten könne.

Unglaubwürdiges Opfer

Eine klare Meinung hatten die Verteidiger auch zu den angeklagten sexuellen Übergriffen. Diese habe es nie gegeben. Seine Ex-Freundin, die ihn der Vergewaltigung bezichtigt, dramatisiere. Der erbetene Verteidiger versuchte, ihre Glaubwürdigkeit zu hinterfragen. Niemand im Umfeld habe gemerkt, dass der Beschuldigte seine damalige Freundin misshandelt habe. Sie schildere, dass er sie «immer wieder» mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen habe. Von 200 befragten Personen hätten aber nur ihre engsten Freundinnen von solchen Vorfällen gewusst. Und auch diese seien nie dabei gewesen, sondern hätten es im Nachhinein erfahren. Ebenso sei es mit den angeblichen sexuellen Übergriffen gewesen. Der Verteidiger suggerierte, dass sich die Ex-Freundin aus enttäuschter Liebe gerächt und die Übergriffe ganz einfach erfunden habe.

Die Frau war übrigens zum ersten Mal nicht anwesend im Gerichtssaal. Dass sie vorher immer dabei war und sich vor allen Zuschauern bewegte, obwohl sie zuvor deren Ausschluss verlangt hatte, kreidete ihr der Verteidiger ebenfalls an. Ebenso, dass sie sich ungewöhnlich stark mit dem Verfahren beschäftigt und eigens einen 30-seitigen Kommentar über ihren Ex-Freund verfasst hat.

«Es tut mir unendlich leid»

Dieser hatte das letzte Wort an der Verhandlung. Und er sprach nach vier Tagen Schweigen doch noch. Seine Worte galten der Familie des Toten. Er habe ihn nie töten wollen und es tue ihm unendlich leid. Nun müssen die Meilemer Richter beraten. Das Gericht will sein Urteil voraussichtlich Ende Juni verkünden. (zsz.ch)

Erstellt: 31.03.2017, 21:09 Uhr

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