Die Uetiker Chilbi der Sechzigerjahre und andere Erinnerungen

Der Schriftsteller und langjährige Journalist Max Dohner hat im Riedstegsaal aus seinem neustem Buch «Am Himmel kaum Gefälle» gelesen. Damit hatte er eine Art Heimspiel – wovon auch ein Teil seiner Geschichten zeugten.

Autor Max Dohner stellt sein Buch «Am Himmel kaum Gefälle» vor. Dohner war lange als Journalist tätig und ist in Uetikon aufgewachsen.

Autor Max Dohner stellt sein Buch «Am Himmel kaum Gefälle» vor. Dohner war lange als Journalist tätig und ist in Uetikon aufgewachsen. Bild: Patrick Gutenberg

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Hat er allen Ernstes geglaubt, es gebe das Glück umsonst? Einfach so – ohne Cash, ohne Kredit? Tatsächlich. Doch er soll seine Lektion bekommen, just am lang ersehnten Chilbitag. Sein Vorrat an Jetons für die Fahrt auf dem Autoscooter ist aufgebraucht. Sein Geld auch. Und da kriecht er unter die Bahn, sucht und sucht im Kies, zwischen den Streben und Stützen, nach heruntergefallenen Münzen. Am Ende hat er nichts als das Faltblatt des Samaritervereins, eine Rolle Anglersilk – und ein läppisches Zwanzigrappenstück in den staubigen Händen. Die Knie sind wund gescheuert, als er wieder auftaucht.

Und Barbara? Einen kurzen Blick nur verschwendet sie auf die jämmerliche Gestalt, die er abgibt. Dann macht sie kehrtum. Weg ist sie, seine Angebetete. Weg, bei ihrer Meute: der Dorfjugend, mit der er, der elfjährige Sohn einer Putzfrau, nicht mithalten kann.

Ein Lokalmatador

Nach diesem Ereignis weiss der Schulbub: Alles im Leben hat seinen Preis. Dass es eine Trennlinie gibt zwischen einem wie ihm, der ihm Tobel wohnt. Und den anderen aus den schönen Häusern am Hügel und am See.

Mehr als fünfzig Jahre sind seitdem her. Und er, der Schüler von damals, blickt als Icherzähler zurück. Dies in der Geschichte «Keine Asche mehr für einen Ride» aus der Feder des Autors Max Dohner. Sie ist Teil des Buches «Am Himmel kaum Gefälle». Am Donnerstagabend hat Dohner auf Einladung der Bibliothek Uetikon im örtlichen Riedstegsaal daraus gelesen.

Damit war er nicht weit weg von der Stelle, an der sich der namenlose Schüler von einst seine blutverkrusteten Knie einhandelt. Denn der Chilbiplatz ist kein anderer als derjenige von Uetikon. Zwar ist der Lokalbezug im Text an sich nicht auszumachen. Doch nicht wenigen Zuhörern aus dem gut 40-köpfigen Publikum ist er auch so längst klar, und die vielsagend-schelmischen Blicke des Autors tun ihr Übriges. Und als dieser von weiter vorne in der Erzählung Christian, Pfänninger, Kurath und Edi erwähnt, geht ein wissendes Lachen durch die Reihen: Dohner ist denn auch für die kurze Zeit der Lesung zurückgekehrt in das Dorf, in dem er seine ersten rund 18 Lebensjahre verbracht hat – und damit zu Schulkollegen von einst; ja, auch sein damaliger Lehrer sitzt in Publikum.

Reflexion über Castro

Die Wege haben den 1954 Geborenen mit dem Studium der Germanistik und Philosophie von der Zürichseegemeinde weggeführt. Lange Jahre hat er später als Journalist gearbeitet. Auch von diesem Wirken zeugt sein neustes Werk: Handelt es sich doch bei dem Buch – seinem sechsten – um eine Textsammlung, die zu zwei Dritteln sein journalistisches und zu einem Drittel sein fiktionales Schaffen widerspiegelt. Allerdings habe er auch Ersteres bevorzugt nach den Gesetzmässigkeiten der Literatur betrieben – soweit es die engen Forderungen der journalistischen Form nach Relevanz, Faktentreue und Nachprüfbarkeit es eben erlaubt hätten, erklärt Dohner. Für das Buch seien indes alle Texte massiv überarbeitet worden. «Ich bin mit dem Stoff sehr frei umgegangen.»

Mit der Erzählung «Guru, Berater, Pauker» trägt Dohner dann Erinnerungen an sein Leben in Zentralamerika vor. Darin thematisiert er auf verschränkte Weise den kubanischen Líder Fidel Castro: zum einen, wie er dessen rhetorisch geschickten Auftritt in Nicaragua erlebt und sich selber auf einmal mit unbequemen Fragen nach seiner eigenen Ideologie konfrontiert sah. Zum anderen, wie Castros Fänge bis in die Schweiz gereicht haben – und was sie da mit einem Suizid im Jura zu tun haben.

Dohner beeindruckt an dem Abend das Publikum mit seiner sprachlich reichen Erzählweise – im Heiteren wie im Nachdenklichen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.06.2019, 16:36 Uhr

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