Herliberg

Die Herrliberger Kirche im Zeichen von Faust und Mephisto

Am Freitagabend führen Herrliberger Sechstklässler ein Theater nach Goethes «Faust» auf. Es ist eine Zusammenarbeit von Kirche und Schule – mit pädagogischer Relevanz.

Probenbesuch beim Musicalprojekt zu Goethes Faust. 6. Primarklassen in Herrliberg haben in Zusammenarbeit mit der Ref. Kirche das Musical auf die Beine gestellt.

Probenbesuch beim Musicalprojekt zu Goethes Faust. 6. Primarklassen in Herrliberg haben in Zusammenarbeit mit der Ref. Kirche das Musical auf die Beine gestellt. Bild: Michael Trost

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«Habe – leider – auch Theologie durchaus studiert!» Mit Betonung auf dem «leider». Obwohl das Erforschen der Religion den jugendlich wirkenden Akademiker anscheinend nicht begeistert hat, äussert er den Satz ausgerechnet in einer Kirche. Genauer in der reformierten Kirche Tal in Herrliberg.

Es kommt bald noch ärger: Der Teufel höchstselbst wird sich im Gotteshaus die Ehre geben. Vorher aber überrascht der Gelehrte noch mit seiner Lebensbilanz. Nicht nur der Theologie hat er sich gewidmet, nein: auch der Philosophie, Juristerei und Medizin. Und doch geht er hart ins Gericht mit seinem Wissen: Mit resigniertem Kopfschütteln stellt er fest: «Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor.»

Spätestens mit dem bekannten Zitat erklärt sich denn auch, was im Chorraum der Kirche vor sich geht: eine Theaterinszenierung nach Goethes «Faust». Dass dabei nicht nur die titelgebende Figur, sondern auch alle anderen Darsteller ein jugendliches Aussehen haben, ist kein Zufall. Es sind die Schüler der beiden örtlichen sechsten Primarklassen. Am Freitagabend nun steht bereits die zweite der beiden Aufführungen an.

Adaptierte Version

«Schön singen!», ruft Christian Meldau den 45 Schülerinnen und Schülern an einem der letzten Probentage zu. Meldau, seit 42 Jahren Kirchenmusiker in Herrliberg, ist denn auch der Initiator des Theaterprojekts. Vor fünf Jahren, damals nebenbei noch Lehrer an den Rudolf-Steiner-Schulen in Biel und Langenthal, ist ihm die Idee zum ersten Mal gekommen. Seit Oktober 2017 hat er sie in Herrliberg mit den Lehrkräften Rebecca Gericke, Christina Dietrich und Marco Solinger verfolgt. Es ist dies sein siebtes und zugleich das anspruchsvollste sowie zeitintensivste Projekt – nachdem er schon einige «Kunstwerke der Hochkultur» mit Schülern umgesetzt hat, in Herrliberg in Kooperation mit der Schule, aber auch als Musiklehrer in Oerlikon und Glarus.

Aber Moment – warum ruft er die Sechstklässler nun zum Singen auf? Wo es sich doch bei «Faust» um ein Stück des klassischen Sprechtheaters handelt. Die Version von Meldau ist eben keine klassische Inszenierung. Der Kirchenmusiker hat das Original so weit adaptiert, dass es der Lebenswelt und dem Schauspielniveau der jungen Mitwirkenden entgegenkommt. Dies passiert zum einen durch ein Verweben des Gesprochenen mit Musik, und zwar mit höchst unterschiedlicher: von Beethoven über Selbstkomponiertes bis hin zu modernen Melodien nach dem US-Rapper Eminem. Die Kinder, die zum Teil auch selber musizieren, werden von Berufsmusikern unterstützt: von Streichern, einem Pianisten, einer Band und Meldau an der Orgel.

Jeden Schüler fördern

Der Projektinitiator hat die Originalfassung gekürzt und das verbleibende Textvolumen so aufgeteilt, dass jeder Schüler entsprechend seinen Fähigkeiten und Neigungen eine kürzere oder längere Sprechrolle übernehmen konnte. «Einige Schüler wollten dann aber mehr Text als ursprünglich geplant», sagt Meldau. So habe er dann wieder zwei Szenen eingefügt. Die Hauptrollen sind auf mehrere Schüler verteilt – doch die Kostümierung mit eindeutigen Accessoires macht die Zuordnung für den Zuschauer auch so schnell klar. Sein pädagogisches Verständnis verlange, dass jedes Kind entsprechend seinem Können gefördert werde, sagt Meldau. «Auch wenn es viel Energie kostet, auch wenn ich dadurch vielleicht nicht das reinste Ergebnis bekomme.» Was das konkret bedeutet, zeigt sich an anderer Stelle der Probe auf schöne Weise. Etwas disharmonisch klingt da der Gesang der Kinder. «Wir singen, wie wir singen», beruhigt Meldau die Kinder, «falsche Töne macht jeder einmal.»

Das Projekt zieht die Schüler aber auf noch weit umfassendere Weise mit ein: Die Kostüme haben sie selber genäht, desgleichen waren sie beim Herstellen der 44 Holzwürfel beteiligt, durch die das Bühnenbild laufend geändert wird. Zudem hätten sie den Stoff in der Schule besprochen, erklärt Lehrer Solinger. Und ergänzt: «Die Schüler waren immer mit viel Begeisterung beim Projekt dabei.»

Aufführung Freitagabend, 21. Juni, 20 Uhr, Kirche Tal in Herrliberg. Eintritt frei, Kollekte.

Erstellt: 21.06.2019, 08:44 Uhr

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