Küsnacht

Die Herkunft der Küsnachter Bombe bleibt rätselhaft

Die Fliegerbombe, die in Küsnacht entdeckt worden ist, könnte in der Vorkriegszeit zu Übungszwecken abgeworfen worden sein. Spezialisten der Armee haben aber auch andere Thesen, wie die Bombe an den Zürichsee gelangt sein könnte.

Die Fliegerbombe, die am Dienstag in Küsnacht einen Grosseinsatz ausgelöst hat, könnte in der Vorkriegszeit über der Gemeinde abgeworfen worden sein – von der Schweizer Armee selber. Diese hält das zumindest für möglich.

Die Fliegerbombe, die am Dienstag in Küsnacht einen Grosseinsatz ausgelöst hat, könnte in der Vorkriegszeit über der Gemeinde abgeworfen worden sein – von der Schweizer Armee selber. Diese hält das zumindest für möglich. Bild: Kapo ZH

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Küsnachter Kantonsschüler staunen nicht schlecht, als beim Sportplatz Heslibach plötzlich ein Helikopter landet. Es ist Dienstagnachmittag, 16.50 Uhr, eine Klasse hat gerade Sportunterricht. «Es sind zwei Männer im Militäroutfit ausgestiegen», erzählt eine Schülerin später. «Zwei anwesende Polizisten haben uns gesagt, dass es sich um einen Notfall handle.»Der Notfall: Eine Fliegerbombe, vermutlich Baujahr 1938/39. Im Hubschrauber: Spezialisten des Kompetenzzentrums für Kampfmittel- und Minenräumung der Schweizer Armee. Sie sollen klären, wie gefährlich die 70 Zentimeter lange und 25 Kilogramm schwere Bombe ist und diese, falls nötig, entschärfen.

Die Polizei riegelt den Fundort im Grenzgebiet von Küsnacht und Erlenbach ab. Wohnungen im Umkreis von 100 Metern werden evakuiert. Rund 30 Personen sind betroffen. Es handelt sich dabei nicht vornehmlich um Bewohner des Alterszentrums Sonnenhof, wie die Kantonspolizei am Dienstagabend irrtümlich gegenüber der ZSZ sagte, sondern um Bewohner der benachbarten Seniorenwohnungen einer Stiftung. Das Alterszentrum, das der Stadt Zürich gehört, steht zurzeit leer und wird renoviert.

Viele informelle Zielgebiete

Die Szenen, die sich am Dienstag in Küsnacht abgespielt haben, überraschen. Man kennt solche Bilder aus Deutschland, wo immer wieder Fliegerbomben aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden werden – nicht aber aus der Schweiz. Zwar bombardierten die Alliierten einzelne Schweizer Ortschaften, etwa Schaffhausen. Küsnacht aber nicht. Den Experten vor Ort ist rasch klar: Die Bombe, die während Gartenarbeiten zum Vorschein gekommen ist, stammt von der Schweizer Armee. Sie wurde in den späten 1930er Jahren zu Übungszwecken verwendet.

Unter welchen Umständen gelangte sie aber nach Küsnacht? Die Frage dürften sich nicht nur viele Quartierbewohner stellen. Selbst für die Schweizer Armee ist der Fund aussergewöhnlich. «Fliegerbomben werden eher selten gefunden», teilt Daniel Widmer, Kommandant des Kompetenzzentrums für Kampfmittel- und Minenräumung, auf Anfrage mit. 2016 wurden etwa Fliegerbomben im freiburgischen Lac de la Gruyère, in Tenero TI und im Neuenburgersee gefunden, 2017 welche im Bodensee.

Wie viele Bomben noch wo liegen, sei schwierig abzuschätzen, hält Widmer fest. «In den Vorkriegs- und Kriegsjahren gab es viele informell benutzte Zielgebiete, in denen Munition zu Ausbildungs- und Testzwecken eingesetzt wurde, inklusiv Luftwaffenmunition.» Meistens waren die Fliegerbomben mit Beton, Gips oder einer anderen Masse gefüllt. Manche waren auch mit einem Markierungssatz und einem funktionsfähigen Zünder versehen. «Solche Munition wurde hauptsächlich im Rahmen von Übungsflügen abgeworfen», erklärt der Kommandant der Spezialeinheit.

Ob dies auch in Küsnacht der Fall war, ist unklar. Die Armee hat drei Vermutungen, wie die Bombe nach Küsnacht gelangt sein könnte. Vielleicht wurde sie tatsächlich in den Vorkriegsjahren zu Testzwecken über Küsnacht abgeworfen. Denkbar ist auch, dass irgendwann Erdreich und Füllmaterial von ausserhalb auf einen Bauplatz gebracht wurde – ohne zu wissen, dass sich darin eine Bombe befand. Möglich ist gemäss Widmer auch, dass jemand den Blindgänger irgendwo gefunden und später in Küsnacht «entsorgt» hat.

Auch nach Jahren gefährlich

Zum Glück war die Bombe nicht scharf. «Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass auch alte Blindgänger trotz ihres verrosteten Aussehens ihre vollständige Wirkung und Sprengkraft über die Jahren behalten können», hält Kommandant Widmer fest. Eine 25 Kilogramm schwere Fliegerbombe mit Sprengstofffüllung hätte bei einer Explosion erheblichen Schaden verursachen können. «Wäre die Bombe scharf gewesen, hätten wir eine grossräumigere Evakuierung des umliegenden Gebietes einleiten müssen.»

Die Spezialeinheit der Armee nahm die Bombe mit ins Kompetenzzentrum nach Spiez, nachdem sie noch vor Ort sichergestellt hatte, dass sie ungefährlich ist. Das Objekt werde nun der Vernichtung zugeführt. Das heisst: Der Blindgänger wird vermutlich eingeschmolzen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 05.09.2018, 18:25 Uhr

Blindgänger melden

2900 gefundene Objekte hat die Armee 2017 vernichtet. Meist handelt es sich um Feldmunition oder Munitionsschrott. Rund 28,5 Tonnen waren es im vergangenen Jahr. Lediglich etwa zehn Prozent der Funde sind effektiv Blindgänger. Zudem sind sie deutlich kleiner als die in Küsnacht gefundene Fliegerbombe. 2017 gingen bei der Nationalen Blindgängermeldezentrale 641 Meldungen von Personen ein. Die Armee ruft dazu auf, Blindgänger nie zu berühren, sondern zu markieren und der Polizei zu melden. Weitere Informationen: www.armee.ch/blindgaenger.

Artikel zum Thema

Altersheim wegen Fliegerbombe evakuiert

Küsnacht Der Fund eines Blindgängers aus den 30er-Jahren hat am Dienstag die Bewohner eines Küsnachter Wohnquartiers erschreckt. Minenräumer kamen zum Einsatz. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!