Zürichsee

Die Angst der Fischer um ihre Netze

Die Netze der Berufsfischer im See sind deutlich markiert. Dennoch sind sie immer gefährdet, überfahren, beschädigt, ausgerissen oder ganz zerstört zu werden.

Berufsfischer Remo Pfister holt den Fang in der Feldbacher Bucht ein, das Netz setzte er am Vortag aus. In dieser Zeit war es mit den rot-weissen Markierungsbojen gekennzeichnet.

Berufsfischer Remo Pfister holt den Fang in der Feldbacher Bucht ein, das Netz setzte er am Vortag aus. In dieser Zeit war es mit den rot-weissen Markierungsbojen gekennzeichnet. Bild: Manuela Matt

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Es ist wieder einer dieser Tage, an denen Berufsfischer beneidet werden. Der Zürichsee ist spiegelglatt, die Luft knusprig frisch, die Bergspitzen in der Ferne strecken sich nach dem ersten Sonnenrosa. Auch Remo Pfister, der sich mit seinem Vater Hansjörg den Betrieb teilt, schätzt diese Stimmung. Es gibt anderes, das ihm das Leben schwermachen kann: kaputte Netze.

«Wir konnten schon zuschauen, wie sie direkt in unsere Netze gefahren sind», erzählt der 44-jährige Hombrechtiker. Man sieht das Unheil kommen, ruft und ist doch machtlos. Plötzlich zappelte die Markierungsboje und das ganze Netz hinter dem Boot wurde nachgeschleppt. «War dann ein Versicherungsfall», sagt Pfister, der den fehlbaren Freizeitkapitän kannte.

Andere seien weniger einsichtig. Wie der Segler, der nahe am Ufer ein Wendemanöver vollzog und die Boje übersah. Als er den Motor startete, wickelte sich das Netz um die Schraubenwelle. Der Seerettungsdienst musste ihn befreien. «Der hat schier geweint und seine Schuld zuerst eingestanden», erzählt Pfister. «Später wollte er nichts mehr davon wissen und weigerte sich, den Schaden zu bezahlen.» Der Berufsfischer zuckt mit den Schultern – seine Reaktion auf die Enttäuschung, die ebenso schmerzt wie der finanzielle Verlust.

Rot-weisse Kanister

An diesem Morgen zieht Pfister in der Feldbacher Bucht Bodennetze hoch. Der Fang ist zufriedenstellend, immer wieder zappeln Felchen in den Maschen. Die Netze legt er in halbmetergrossen Schlaufen über eine Stange, die rot-weissen Markierungsbojen holt er ein und wickelt die Seile über die 5-Liter-Kanister mit seinen Initialen «RPf».

Die Bojen – Pfister nennt sie Büchsen – sind nicht wetter- und sonnenlichtbeständig. Sie müssen alle paar Jahre ersetzt werden, sofern sie überhaupt so lange bestehen. «Im Sommer finde ich fast jeden Tag beschädigte Markierungen», sagt er. Wieder ist jemand einfach darübergefahren. «Ich klebe schon gar keine Reflektierfolie mehr drauf, weil die zu teuer ist.»

Ahnungslose Bootsfahrer

Dabei sind die Regeln so klar: Die Markierungsbojen signalisieren Anfang und Ende eines Netzes. Rot-weiss diagonal geteilt zeigt ein Schwebnetz einige Meter unter der Wasseroberfläche an, die horizontale Trennung der Farben bedeutet, dass ein Bodennetz über dem Seegrund hängt. Bootsfahrer sollten Abstand von den Markierungen halten und möglichst dazwischen über das Netz fahren.

Solche Bojen markieren den Endpunkt eines Fischernetzes — in diesem Fall mit der horizontalen rot-weiss-Markierung ein Bodennetz.

Distanz wahren gilt auch, wenn der gelbe Ball am Mast gesetzt ist. Dann arbeitet der Fischer und Bootsfahrer müssen hinten mindestens 200 Meter und seitlich 50 Meter Abstand halten. «Das passiert aber oft nicht», sagt Pfister und kramt wieder haarsträubende Beispiele aus der Erinnerung hervor. Boote, die knapp an ihm vorbeibrettern. Die Fahrer winkten sogar freundlich zu, ahnungslos, welchen Schaden sie anrichten könnten.

Acht Kilometer mitgeschleppt

«Netzschäden sind ein unternehmerisches Risiko», erklärt Pfister lapidar. Je nach Maschenweite und Fadenstärke kostet ein Netz zwischen 300 und 800 Franken. Bei ihm macht der materielle Schaden rund 1000 Franken pro Jahr aus – zu tief für eine Versicherung. Grösser seien Ärger, vergebliche Arbeit und Zeitverlust, um Ersatz zu beschaffen. «Meldungen mache ich nur, wenn jemand absichtlich meine Netze ruiniert.».

«Im Sommer finde ich fast jeden Tag beschädigte Markierungen.»Remo Pfister, Berufsfischer

Manche Bootsführer merkten gar nicht, wenn sie Netze beschädigen. «Einer hat mir einmal von Richterswil bis nach Oberrieden einen Anker mit 120 Meter Leine mitgeschleppt», erzählt Pfister eine weitere Episode. «Er wunderte sich nur, weil sein Boot nicht so schnell lief wie üblich.»

Die Berufsfischer tragen das Ihre bei, um beim Auslegen der Netze Beschädigungen durch Schiffe zu vermeiden. «Ich schaue, ob jemand sich nähert und offenbar nicht merkt, dass ich ein Berufsfischer im Einsatz bin», sagt der Hombrechtiker. «Da warte ich lieber.» Natürlich meide er die Fahrspuren der Kursschiffe. Er wisse auch genau, wo der Grossteil der Hobbyböötler durchfährt. In Ufernähe setzt er seine Netze nicht in direkter Verbindung zu Hafenausfahrten. «Wir Berufsfischer schauen schon aus eigenem Interesse, dass die Netze korrekt verlegt sind», sagt er. Schwebnetze platziert er mindestens in vier Metern Tiefe, sodass Schiffe problemlos darüberfahren können.

Beleuchtung nicht zugelassen

Am grössten ist die Gefahr der Beschädigung in der Nacht. Gerne würden die Fischer ihre Markierungsbojen mit kleinen Solarlichtern kennzeichnen. Leider sind sie im Gesetz für die Schweizer Binnenschifffahrt nicht vorgesehen und daher verboten.

Ins gleiche Kapitel gehören die weissen Bojen, wie sie für Anker ohne Netz vorgeschrieben sind. Die sieht man schlecht, entsprechend oft werden sie überfahren. Darum würde Pfister lieber robuste und wetterbeständige Markierungsbojen wie in der Meeresfischerei einsetzen. «Dürfen wir nicht, weil die Farbgebung nicht unseren Vorschriften entspricht.» Daher improvisieren alle mit roter Farbe und roten Klebbändern auf weissen Schwimmkörpern. Pfister hat 40 Bojen im Arsenal, immer Ersatz im Boot. Und der wird oft benötigt.

Neben Gesetz und eigener Vorsicht gibt es noch eine dritte Dimension, die zum Schutz der Netze beitragen kann: gegenseitige Rücksichtnahme. «Wenn alle besser schauen würden, gäbe es viel weniger Schäden», sagt er. Und wenn es passiere, solle man dank der Initialen auf der Boje den Eigentümer ausfindig machen und den Schaden melden. Nicht nur wegen allfälliger Ersatzleistungen, sondern auch wegen der Natur. «Abgerissene Netze bleiben im See und fischen ewig weiter, ohne dass die Tiere je wieder rauskommen», sagt Pfister. «Dieser Gedanke betrübt mich.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 10.07.2018, 15:20 Uhr

Pascal Wieders, Chefkapitän ZSG.

Nachgefragt

«ZSG-Kapitäne passen Kurs an»

Wie verhindern die Schiffsführer und Kapitäne der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG), dass sie Fischernetze beschädigen?
Pascal Wieders: Die Schiffsführer und Kapitäne sind stets bestrebt und haben seitens ZSG auch die Anweisung, die ausgelegten Fischernetze frühzeitig auszumachen und den Kurs so anzupassen, dass keine Netzbojen überfahren werden. Als Hilfsmittel dienen Fernglas und Radargeräte.

Gehört das mit zur Ausbildung?
Ja, das Thema «Berufsfischer auf dem Zürichsee» ist Teil der Ausbildung zum Matrosen und zum Schiffsführer. Darüber hinaus pflegen die Schiffsführer und Kapitäne persönlichen Kontakt zu verschiedenen Berufsfischern. Zum gegenseitigen Erfahrungsaustausch nehmen diese unter anderem an der zweimal jährlich stattfindenden Kapitänsrunde bei der ZSG teil.

Passiert es doch ab und zu, dass ZSG-Schiffe Netze mitreissen?
Es ist nicht vollständig auszuschliessen beziehungsweise zu vermeiden, dass ein ZSG-Schiff ein Fischernetz erfasst. Rechtlich gesehen, dürfen die Berufsfischer ihre Netze in die Kurs­linie der ZSG-Schiffe legen, sie dürfen diese aber nicht behindern.

Sind die Netzmarkierungen vom Führerstand aus zu sehen?
Ja, die Netzmarkierungen sind grundsätzlich gut zu erkennen, da sich die Fahrstände hoch über der Wasserfläche befinden.

Gibt es eine Entschädigungspflicht?
Nein, es gibt keine Entschädigungspflicht. Im Falle eines Falles, wenn zweifelsfrei nachgewiesen werden kann, dass ein ZSG-Schiff für eine Netzbeschädigung verantwortlich ist, käme die ZSG für den Schaden auf.

Interview: Christian Dietz-Saluz

Die Rolle der Seepolizei

Anzeige, wer zu nahe vorbeifährt

Beschädigte Netze von Berufsfischern sind auch für die Seepolizei ein Thema. Gemäss Rebecca Tilen, Mediensprecherin der Kantonspolizei Zürich, wurden seit Januar 2015 zehn Beschädigungen von Netzen auf dem Seeteil des Kantons Zürich (ohne Stadt) polizeilich dokumentiert. Die meisten wurden von unbekannten Schiffsführern verursacht.

Die Netze legen die Fischer selbstständig an den von ihnen bestimmten Stellen aus. Die Seepolizei hat keine Kenntnisse davon. «Eine Überwachung der Netze ist nicht Aufgabe der Polizei», sagt Rebecca Tilen. Aktiv wird die Seepolizei, wenn sie Bootsfahrer erwischt, die zu nahe an Fischerbooten vorbeifahren, die mit dem gelben Ball markiert sind. Das ist in der Binnenschifffahrtsverordnung unter Art. 44 BSV (Ausweichpflichtige Schiffe) und Art. 48 (Verhalten beim Ausweichen) geregelt. «Es wird eine Anzeige an die zuständige Untersuchungsstelle erstellt», erklärt die Mediensprecherin. Die Untersuchungsstelle erstellt einen Strafbefehl und bestimmt die Höhe der Busse. (di)

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