Uetikon

Der Industrie-Charme soll nicht verloren gehen

Kanton und Gemeinde haben einen Masterplan für das Uetiker Fabrikareal präsentiert, der auf viel Wohlwollen stösst. Es zeichnen sich aber auch Konflikte ab – etwa in der Frage, was mit dem Düngerbau geschehen wird.

Weichenstellung für das Uetiker Chemieareal: In den nächsten Jahren wird entschieden, was aus dem Gelände mit seinen historischen Fabrikgebäuden wie dem Düngerbau (Backsteingebäude rechts) geschieht.

Weichenstellung für das Uetiker Chemieareal: In den nächsten Jahren wird entschieden, was aus dem Gelände mit seinen historischen Fabrikgebäuden wie dem Düngerbau (Backsteingebäude rechts) geschieht. Bild: Urs Jaudas

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Die ehemalige Chemiefabrik in Uetikon ist derzeit das grösste brachliegende Areal der Schweiz, das direkt an einem See liegt. 750 Meter lang und bis zu 140 Meter breit ist es. Entsprechend mit Bedacht planen die Eigentümer, der Kanton Zürich und die Gemeinde Uetikon, was dort entstehen soll. Dies geschieht seit einiger Zeit, auch unter Einbezug von Bevölkerungsgruppen, die ihre Ideen und Wünsche an Workshops einbringen konnten.

Nun liegt für das Gebiet ein Masterplan vor, der die grobe Richtung der Entwicklung vorgibt. Bis im April soll er dem Zürcher Regierungsrat und dem Uetiker Gemeinderat zur Genehmigung vorgelegt werden.

Das Areal der ehemaligen Chemischen Fabrik von oben. Video: PD/Baudirektion

Am Samstag präsentierten die verantwortlichen Planer und Behörden den Masterplan im Uetiker Riedstegsaal der Bevölkerung. Er sieht folgende Eckpunkte vor:

Raumanordnung: Im Osten des lang gestreckten Gebiets befindet sich wie bis anhin das Hafengebiet. Ebenfalls dort wird bis 2028 die Kantonsschule entstehen. Im Zentrum ist eine gemischte Zone mit Gewerbe- und Wohnflächen sowie Raum für öffentliche Nutzungen vorgesehen. Im Westen, in Richtung der Gemeindegrenze zu Meilen, sind ausschliesslich Wohnungen geplant. Insgesamt wird Wohnraum für 600 bis 800 Personen geschaffen. Im Süden, also direkt am See, erstreckt sich in Zukunft eine ausgedehnte Grünfläche. «Es wird einen grossen Seeuferpark geben, der dem Namen Uetikon am See gerecht wird», sagte Benjamin Grimm, Projektleiter des kantonalen Amts für Raumentwicklung.

Bebauung: Die Entwicklung lehnt sich an die Geschichte und Architektur des Industrieareals an. Wie heute werden lang gezogene Bauten parallel zum Seeufer das Areal dominieren. Sie werden ähnlich hoch sein wie heute, also vier- oder fünfstöckig. «Das ist wichtig, weil uns dies die Finanzierung unserer Wünsche auf dem restlichen Areal ermöglicht», sagte der Uetiker Bauvorsteher Christian Schucan (FDP). Die Gemeinde wird nämlich einen Grossteil des mit Wohnungen bebaubaren Areals an private Investoren verkaufen müssen, um ihren Teil der enormen Kosten für das Projekt – voraussichtlich über 90 Millionen Franken – bezahlen zu können. Je besser die Grundstücke ausgenutzt werden, desto höher sind die Einnahmen.

Düngerbau: Einige ausgewählte Gebäude werden bestehen bleiben. Das gilt auf alle Fälle für den denkmalgeschützten Düngerbau. Er befindet sich im Zentrum des Areals – und er könnte auch zu einem zentralen Streitpunkt werden. Zur Diskussion stand etwa, ob dort die Aula der Mittelschule entstehen soll, ein Saal, der auch von der Gemeinde genutzt werden darf. Er ist nun aber bei den Schulgebäuden im Osten vorgesehen. Die Planer haben stattdessen vorgeschlagen, im Düngerbau Parkplatzflächen zu schaffen. «Da gingen die Wogen hoch», erinnerte sich Oliver Räss, Leiter Infrastruktur der Gemeinde und Co-Projektleiter. Viele Uetiker wünschen sich im Gebäude einen Ort für gesellschaftliche und kulturelle Veranstaltungen. So empfahl am Samstag eine Anwesende, die Behörden sollten noch einmal prüfen, ob man die Aula der Mittelschule nicht doch im Düngerbau unterbringen wolle. Was mit dem historischen Bau geschieht, bleibt nun aber vorerst offen. Im Masterplan wird bewusst auf eine klärende Aussage verzichtet.

Seepark: Im Park, der sich dem See entlang zieht, wird es einen durchgehenden Seeuferweg geben. Der Masterplan sieht zudem vor, dass eines der seenahen Gebäude in den Park integriert wird. Es wird geöffnet, das heisst Dach und Seitenwände werden teils beseitigt, sodass eine Art Gerippe im Grünen übrig bleibt – eine Hommage an die industrielle Vergangenheit. Konfliktpotenzial hat der Wunsch nach einer Badi. Andreas Natsch vom Verein «Uetikon an den See» kritisierte, man müsse die Behörden ständig unter Druck setzen, weil sie die Bedürfnisse der Bevölkerung nicht richtig berücksichtigen würden. «Wir müssen stets unbequem sein», sagte er. Eine Badi, wie in den Beteiligungsverfahren von vielen gewünscht, sehe er im Plan jedenfalls nicht. Gemeindepräsident Urs Mettler (parteilos) liess dies so nicht stehen. Es sei in den Beteiligungsverfahren nicht von einer Badi die Rede gewesen, sondern von Bademöglichkeiten. Solche gebe es sehr wohl. So verwies Mettler auf Treppen, die zum Wasser führen. Ohnehin sei das Thema noch nicht abgehandelt – die Uetiker könnten hier nochmals mitreden (siehe Kasten).

Verkehr: Das Areal ist autofrei, wird aber durchzogen von einem Fussgänger- und Velowegnetz. Autos haben von der Seestrasse her Zufahrt zu Tiefgaragen oder ebenerdigen Parkplätzen. Ein Kernstück der Verkehrserschliessung ist zudem eine Fussgänger-Passerelle über die Seestrasse und das Bahngleis, die den neuen Dorfteil mit der übrigen Gemeinde im Norden und dem Bahnhof im Osten verbindet. Überprüft werden muss die Anbindung an den öffentlichen Verkehr – vorgesehen ist beispielsweise eine Bushaltestelle im Westen des Areals.

Wem gehört was?

Der Masterplan zeigt also die ersten Grundzüge des künftigen Siedlungsgebiets. Im Grossen und Ganzen zeigten sich die rund 200 Anwesenden zufrieden damit, auch wenn er viele ihrer Fragen zu Entwicklung des Areals noch unbeantwortet lässt. Eine grundlegende ist beispielsweise nach wie vor nicht geklärt: Welche Teile des derzeit gemeinsam verwalteten Landes künftig dem Kanton und welche der Gemeinde gehören, ist noch nicht im Detail entschieden.

Erstellt: 03.03.2019, 07:29 Uhr

Der Entwurf des Masterplans (zum Vergrössern anklicken)

(Bild: PD/Baudirektion)

So geht die Planung weiter

Der Masterplan sei ein wichtiges Etappenziel, aber es seien noch viele weitere Schritte zu gehen, sagte Benjamin Grimm, Projektleiter vom kantonalen Amt für Raumplanung, als er am Samstag Bilanz zog. So muss der Masterplan – eine grundlegende Vereinbarung zwischen Kanton und Gemeinde – erst noch in verbindliches Planungsrecht überführt werden.

Die Uetiker Bevölkerung darf weiterhin mitreden, als Nächstes in mehreren Workshops von Mai bis Oktober dieses Jahres. «Mit der Beteiligung ist es also noch nicht fertig», sagte Bauvorsteher Christian Schucan (FDP).

Besonders jene Themen, die umstritten sind, kommen in den Workshops nochmals aufs Tapet – beispielsweise die Frage nach der Nutzung des Düngerbaus (siehe Hauptartikel). «Das ist ein Thema, das der Bevölkerung unter den Nägeln brennt», sagte Schucan. Es gehe nun darum, die verschiedenen Vorstellungen zu bündeln und zu prüfen, was machbar sei.

Auch über die Freiräume und den Seezugang werden die Uetiker diskutieren. Aufkeimen wird dann wohl die Debatte, ob es im Seepark eine Badi braucht. Noch steht nicht fest, welche Flächen für Spiel und Sport bestimmt sind und allenfalls bebaut werden, und welche grün bleiben. Ebenso wenig ist entschieden, wo allenfalls Bäume gepflanzt werden.

Ein weiterer Themenkreis wird die Mobilität sein. Unter anderem muss geklärt werden, wo die Parkplätze hinsollen. Auf eine Schwierigkeit machte Schucan dabei aufmerksam: «Eine richtige Tiefgarage ist auf diesem Grund etwas vom Teuersten, das man bauen kann.» Die Chemische Fabrik hatte über 100 Jahre hinweg Fläche gewonnen, indem sie Land aufschüttete. Der Grund des Areals ist daher eher locker und nicht so fest wie anderswo. Zudem müssen Altlasten beseitigt werden, was das Projekt zusätzlich verteuert. (miw)

Informationen über die weitere Planung finden sich auf www.chance-uetikon.ch

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