Der Berg ruft, der Rektor geht

Nach 13 Jahren als Prorektor und Rektor an der Kantonsschule Küsnacht zieht es Christian Grütter ins Engadin. Im Gespräch verrät er, wieso er in seinem Leben schon immer gerne aufbrach – auch wenn er Gutes hinter sich lassen muss.

Christian Grütter in der Mediothek der Kantonsschule Küsnacht. «Der Abschied fällt mir schon schwer, ich habe viel Herzblut rein gesteckt», sagt er.

Christian Grütter in der Mediothek der Kantonsschule Küsnacht. «Der Abschied fällt mir schon schwer, ich habe viel Herzblut rein gesteckt», sagt er. Bild: Moritz Hager

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Er sei kein Mensch, der auf Titel stehe, sagt Christian Grütter. Er ist Rektor an der Kantonsschule Küsnacht. Zum nächsten Schuljahr, das Ende August beginnt, wird er Prorektor am Lyceum Alpinum im bündnerischen Zuoz. Auf dem Papier steht er dann also eine Hierarchiestufe tiefer. Doch das spielt für ihn keine Rolle. Es ist das Neue, das den 52-Jährigen reizt.

Die Anfrage sei aus heiterem Himmel gekommen. In den Ferien im Engadin wurde ihm die Stelle angeboten. «Es ist eine Chance, die sich kein zweites Mal bietet», sagt Grütter während einem Rundgang über das Areal der Kantonsschule Küsnacht, wo er seit sechs Jahren die Schulleitung inne hat. An der internationalen Internatsschule im Engadin, die gleichzeitig auch das Gymnasium für Schüler aus dem Tal ist, könne er nochmals eine neue Erfahrung machen. Unter anderem weil das Lyceum neben der Schweizer Matura auch den IB-Abschluss (International Baccalaureate Diploma) anbietet.

«Ob ich mit fast 60 Jahren nochmals so eine spannende Aufgabe gefunden hätte wie im Engadin, bezweifle ich.»Christian Grütter, Rektor Kantonsschule Küsnacht

Bis Grütter zusagte, hat es dennoch zwei Monate gedauert. «Es war ein Familienentscheid.» Der gebürtige Stadtzürcher, der seit 24 Jahren in Richterswil zu Hause ist, zieht zusammen mit seiner Frau und drei Kindern ins Bündnerland. Die drei älteren Kinder der Patchwork-Familie sind bereits selbstständig. «Es hat dieses Jahr einfach gut gepasst, die Jüngeren haben sowieso einen schulischen Wechsel vor sich.»

Alles, was der promovierte Physiker sagt, klingt sehr wohlüberlegt und stimmig. Emotionen zeigt er vor allem wenn er über das Engadin spricht; die Vorfreude ist spürbar. «Meine Frau und ich haben uns schon vor vielen Jahre mal gefragt, wie es wäre, dort zu leben. Doch es war eigentlich mehr so eine Träumerei.» Nun wird der Traum vom Bergleben also war – und das Haus in Richterswil zum Ferienhaus.

Vom Bequemen lösen

2006 ist Grütter als Prorektor nach Küsnacht gekommen, 2013 wurde er zum Rektor ernannt. Die Berufung an das ehemalige Lehrerseminar war für ihn eine Rückkehr, hatte er doch von 1997 bis 1999 gleichenorts seine erste Festanstellung als junger Physiklehrer. Danach führte sein Weg nach Urdorf, wo er sieben Jahre an der Kantonsschule Limmattal unterrichtete, und gleichzeitig an der ETH Zürich lehrte.

Der bevorstehende Weggang aus Küsnacht erinnert den Schulleiter an seinen Wechsel von Urdorf an die Goldküste. Auch damals habe ihm der Beruf grosse Freude gemacht, das Umfeld passte, eigentlich war alles bequem und gut. Doch: «Manchmal muss man etwas Gutes hinter sich lassen, nicht immer den sichersten Weg gehen, das macht das Leben doch spannender.»

So ist es auch heute; Christian Grütter hätte noch im Amt bleiben können – bis 2025, dann wäre aufgrund der Amtszeitbeschränkung für Rektoren im Kanton Zürich Schluss. Doch er wählt den unbekannteren Weg und wirkt damit einerseits dem Klischee vom sesselklebenden Lehrer entgegen, anderseits ist es auch ein Vorsorgen für die Zeit nach 2025. Schliesslich bezweifle er, dass er mit fast 60 Jahren nochmals so eine spannende Aufgabe gefunden hätte wie diese, die ihm nun im Engadin bevorstehe.

Schon lange fürs Klima aktiv

Trotz der grossen Vorfreude auf die Bündner Berge, falle ihm der Abschied nach all den Jahren schwer. «Ich habe viel Herzblut hier reingesteckt, einiges aufgebaut», sagt Grütter. Er war an mehreren Grossprojekten beteiligt, die er rückblickend als Highlights bezeichnet: Das Fest zum 175-jährigen Schuljubiläum, die Verabschiedung seines Vorgängers Peter Ritzmann und zuletzt das Kulturprojekt «Synapse» vor zwei Jahren.

Auch bei verschiedenen Nachhaltigkeitsprojekten hatte der Physiker seine Finger im Spiel. Das Jüngste ist die Leitung einer «Abfallgruppe» mit Schülerinnen und Schüler, die unerlaubt an einer Klimademo teilgenommen haben. Sie sollen ein Konzept für die Abfallreduktion auf dem Schulareal erarbeiten – trotz aller Sympathie für die Bewegung, müssten Konsequenzen fürs Schwänzen getragen werden, sagt der Kanti-Rektor. Die allermeisten Klassen hätten sich nämlich um eine Verschiebung der Schulstunden gekümmert.

Dem Nachhaltigkeitsgedanken ist auch Grütters Routine vom täglichen Bade im Zürichsee zu verdanken. Er, der jeden Tag von Richterswil mit dem Fahrrad nach Küsnacht fährt, habe früher nach der Ankunft in der Schule warm geduscht. Als vor ein paar Jahren ein Schüler für eine Abschlussarbeit den Energieverbrauch der Schulanlage analysiert hatte und der Rektor feststellen musste, dass für seine persönliche Dusche ein Wasserboiler betrieben wurde, habe er beschlossen, diesen abzustellen.

So wurde aus der warmen Dusche eine kalte und dann im Sommer ein Bad im See. Mit dem Herbst wurde zwar das Wasser kühler, doch die Routine blieb; unabhängig von der Jahreszeit schwimme er jeden Tag nach der Velofahrt kurz im See.

Neues Sportprogramm

In Grütters Zeit in Küsnacht hat sich auch auf dem Schulareal einiges verändert: Als junger Physiklehrer schätzte er sich noch glücklich, im Hauptgebäude unterrichten zu können anstatt in den lotterigen und im Winter recht kühlen Baracken. Kurz vor seiner Rückkehr 2006 wurden die kultigen Holzbaracken dem Erdboden gleichgemacht und Grütter durfte als Schulleitungsvertreter in der Baukommission den Neubau mitgestalten. «Das war spannend und viel weniger anstrengend als unser aktuelles Bauprojekt.» Er meint damit die Renovierung des Singsaals, die ihn momentan auf Trab hält. Aufgrund der über 500-jährigen Geschichte des Gebäudes sei diese sehr aufwendig und habe sich – nicht nur wegen den Skelettfunden – mehrmals verlängert.

Der neue Saal soll nun in den Frühlingsferien fertig werden. Der scheidende Rektor kann das Werk also nur noch wenige Wochen nutzen. Doch er sieht dies pragmatisch: Es gäbe wohl auch in Zuoz schöne Säle.

Schwieriger wird es, einen Ersatz für das tägliche Sportprogramm zu finden, denn der Arbeitsweg fällt künftig weg. Die Familie Grütter wird in einem der Internatsgebäude leben und dort auch Betreuungsaufgaben übernehmen. Doch auch bezüglich Sportprogramm ist Christian Gütter offen für Neues: Er hat sich bereits eine Langlaufausrüstung zugelegt – obwohl er noch kein einziges Mal auf den Langlaufskis gestanden ist.

Erstellt: 18.04.2019, 15:18 Uhr

Stimmen zu Christian Grütter

Das sagen ehemalige Schüler über den Rektor

Matthias Schmid, Matura 2018: Als Rektor sah Christian Grütter immer mehr vom Unterrichten ab, bis er nur noch eine Klasse auf das erhoffte Physikstudium vorbereiten konnte. Er konzentrierte sich auf Administratives und auf seine Reden, mit denen er jede Veranstaltung der Schule bereicherte. Stets tat er dies mit der Inbrunst eines Johann Schneider-Ammanns. So dürfte er wohl einige neue Schüler bereits in den ersten Stunden an der Schule vergrault haben. Doch auch nach seinem Rückzug ins Rektorenbüro blieb das Physikzimmer sein Reich. Die Kartonhand, die er am Anfang seiner Karriere mitgebracht hatte, war mittlerweile durch Kreidestifte mit einem besonderen Halter ersetzt worden. Diese waren ihm heilig. Eines Tages, als die «normale» Kreide für alle sterblichen Lehrer ausgegangen war, erdreistete sich Physiklehrer Rainer M. (Name der Redaktion bekannt), die Kreide von Rektor Grütter auszuleihen. Währenddessen musste aber ein Schüler an der Türe Wache stehen, um Rainer M. vorzuwarnen, falls der Rektor in den Unterricht platzen würde.

Laura Just, Matura 2008: Sportlich, experimentierfreudig und direkt – so ist mir unser Physiklehrer und damaliger Prorektor Christian Grütter in Erinnerung. Jeden Morgen fuhr er mit dem Velo um den halben Zürichsee in die Kanti, wo er uns mit Experimenten für die Physik zu begeistern versuchte. Nicht nur mit der Begeisterung happerte es, auch die Experimente gelangen nicht immer wie erwünscht. So verliess unser Mitschüler Robert eines Tages den Physikunterricht mit einer Beule an der Stirn – eine Metallkugel hatte nicht dort gestoppt, wo es die physikalischen Gesetze hätten erwarten lassen. Der Prorektor war sich aber auch nicht zu schade, um uns Schülerinnen Frisurtipps zu geben. Mitten in einem guten Gespräch mit meiner Banknachbarin merkte er an, wir würden uns wohl grad nicht über Physik unterhalten, worauf meine Banknachbarin ihm zu verstehen gab, dass mein zukünftiger Haarschnitt grad Inhalt der Diskussion war. Herr Grütter nahms mit Humor und gab auch noch seine Empfehlung zum neuen Haarschnitt ab.

Michel Wenzler, Matura 1998: Christian Grütter war der dritte Physiklehrer, der unsere Klasse ertragen musste. Er übernahm uns kurz vor der Matura. Keine einfache Aufgabe für ihn, denn Physik interessierte uns nicht die Bohne. Der junge Lehrer musste deshalb sein ganzes pädagogisches Werkzeug auspacken, das er eben erst in der Ausbildung mit auf den Weg bekommen hatte. Da war zum Beispiel eine selbst gebastelte Kartonhand mit Zeigefinger, mit dem er jeweils auf jene Punkte auf der Folie deutete, die er gerade erläuterte. Damit wollte er wohl unsere Aufmerksamkeit gewinnen. In der Maturazeitung steht dazu: «Das interessanteste an seinen Stunden war sein eiskaltes Händchen, das seinen Ausführungen am Hellraumprojektor emsig und als einziges im ganzen Klassenraum folgte.» Ziemlich überrascht war ich, als ich Jahre später vernahm, dass der damals etwas unsichere Junglehrer in der Zwischenzeit zum Rektor aufgestiegen war. Zugetraut hätte ich ihm dies als Gymnasiast jedenfalls nicht – vielleicht aber hatte er für dieses Amt einfach ein Händchen.

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