Männedorf

Dem Geisterhaus droht der Abriss

Der Männedörfler Gemeinderat hat die verlotterte Liegenschaft, die kürzlich versteigert wurde, aus dem Inventar schützenswerter Bauten entlassen. Noch ist damit das Schicksal des Hauses nicht besiegelt.

Das alte Haus an der Seestrasse 121 in Männedorf wirkt wie ein Geisterhaus.

Das alte Haus an der Seestrasse 121 in Männedorf wirkt wie ein Geisterhaus. Bild: Manuela Matt

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Für über zwei Millionen Franken ging das Haus an der Seestrasse 121 in Männedorf weg. Das Betreibungsamt Pfannenstiel hatte die baufällige Liegenschaft Anfang September zwangsversteigert, nachdem der frühere Besitzer von seiner Bank belangt worden war. Die Liegenschaft, dessen unheimliche Erscheinung an ein Geisterhaus erinnert, war mit einem Schuldbrief von 350 000 Franken belastet. Der Eigentümer ist seit vielen Jahren verschwunden. Seine Liegenschaft in Männedorf bewohnt er seit Mitte der 80er-Jahren nicht mehr. Dagegen, dass sein Haus versteigert wurde, wehrte er sich offenbar nicht.

Nun folgt das nächste Kapitel in der Geschichte des Hauses. Es könnte unter Umständen das letzte sein. Denn der Männedörfler Gemeinderat hat die Liegenschaft aus dem Inventar der kunst- und kulturhistorischen Objekte von kommunaler Bedeutung entlassen. Dem neuen Eigentümer, einer Immobilienfirma mit Sitz in Rotkreuz im Kanton Zug, ebnet dies schon fast den Weg für den Abriss des Hauses.

Haus und Garten wurden jahrzehntelang vernachlässigt.

Dabei hatte der Gemeinderat das zweigeschossige Haus, das 1854 in ländlich klassizistischer Bauweise erbaut worden war, jahrelang für schützenswert gehalten. «Obwohl das Gebäude im Innern teilweise verändert oder zerstört wurde und sowohl die Gebäudehülle als auch die Umgebung stark vernachlässigt sind, ist das Objekt aus Sicht der Öffentlichkeit erhaltenswert», lautete die Beurteilung.

Im Innern war nur Unrat

Nun aber hat der Gemeinderat einen Entscheid getroffen, der diesem Schluss nicht mehr Rechnung trägt. Wie kam es dazu? Die Hintergründe für die Entlassung aus dem Inventar haben ebenfalls mit dem früheren Besitzer zu tun. Und sie muten - wie schon das Verhalten des ehemaligen Eigentümers - eigenwillig an. Im öffentlich zugänglichen Protokoll zum Gemeinderatsbeschluss holt die Behörde weit aus und schildert, wie sie vor vier Jahren vergeblich versucht hatte, mit dem damals 73-Jährigen in Kontakt zu treten. Sein Wohnsitz war unbekannt. Zumindest teilweise wohnte er aber in Deutschland, wie diese Zeitung damals herausfand.

Um einem weiteren Zerfall der Liegenschaft vorzubeugen, belegte der Gemeinderat die Liegenschaft 2015 mit einem einjährigen Bauverbot. Zudem beauftragte er einen Fachgutacher. Dessen Expertise sollte Auf­schluss dar­­über geben, ob das Gebäude definitiv unter Schutz gestellt oder aber aus dem kommunalen Inventar schützenswerter Bau­ten entlassen werden sollte.

So präsentiert sich das Grundstück von der Seestrasse aus.

Die Gemeinde forderte den Eigentümer dazu auf, ihr und dem Gutachter Zutritt zum Haus zu gewähren. Da sie aber dem Besitzer die entsprechende amtliche Verfügung nicht zustellen konnte, betraten die Behörden schliesslich das Gebäude ohne dessen Einverständnis. Im Innern stiessen sie auf Unmengen von Abfall und Unrat. An eine denkmalpflegerische Beurteilung des Hauses war deshalb nicht zu denken.

Die Gemeinde verlangte daraufhin mittels Publikation eines amtlichen Inserats die Räumung des Hauses - ohne Wirkung. Sie hatte den Mann zwar in der Zwischenzeit ausfindig gemacht, doch zeigte sich dieser uneinsichtig. Die Behörde stellte schliesslich ihre Bemühungen ein.

Heimatschutz ist argwöhnisch

Paradoxerweise liegt genau hier der Grund, weshalb nun die Liegenschaft aus Sicht des Gemeinderats aus dem Inventar schützenswerter Bauten zu entlassen ist. Die Behörde beruft sich auf einen Artikel im kantonalen Planungs- und Baugesetz. Gemäss diesem verfällt ein Veränderungsverbot, wie es der Gemeinderat vor vier Jahren für das Haus verhängt hatte, wenn nicht innert Jahresfrist eine dauernde Anordnung getroffen wird. In anderen Worten: Weil die Behörde aufgrund des unkooperativen Hausbesitzers die Frist nicht eingehalten hat, um denkmalpflegerische Abklärungen durchzuführen und einen Entscheid zu fällen, gehört die Liegenschaft nun gemäss ihrer Auffassung nicht mehr ins Inventar.

Wie gut diese Argumentation verfängt, muss sich möglicherweise vor dem Baurekursgericht zeigen. Der Zürcher Heimatschutz könnte nämlich den Entscheid anfechten. Dessen Präsident Martin Killias sagt auf Anfrage zur Möglichkeit einer Beschwerde: «Wir prüfen das derzeit sehr ernsthaft.»

Noch nicht entschieden ist derweil, was die neuen Eigentümer mit dem Haus vorhaben. Gegenüber dieser Zeitung sagte Benjamin Saliji, Geschäftsführer der Immobilienfirma Lika Al GmbH, es stünden verschiedene Optionen zur Diskussion. Denkbar sei eine Kernsanierung oder ein Neubau. Tatsächlich hat das Unternehmen schon einige alte Häuser, die es erworben hat, renoviert statt abgerissen. Selbst wenn das Geisterhaus aus dem Inventar entlassen wird, sind seine Tage also nicht unbedingt gezählt.

Erstellt: 27.09.2019, 11:21 Uhr

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