Männedorf

Berufsbildung soll Jugendliche vor IV-Abhängigkeit bewahren

Es sind mitunter fast hoffnungslose Fälle von Jugendlichen, die im Zentrum Appisberg eine von der IV finanzierte Grundbildung erhalten. Doch die Männedörfler Institution kann auch Erfolge vorweisen.

Das Zentrum Appisberg in Männedorf: Es sind mitunter fast hoffnungslose Fälle von Jugendlichen, die hier eine von der IV finanzierte Grundbildung erhalten. Bild: Archiv ZSZ.

Eine Invalidenrente gibt es erst, wenn gar nichts mehr geht – so will es das schweizerische Sozialsystem. Die Invalidenversicherung (IV) nimmt deshalb Geld in die Hand, um Jugendlichen mit einer medizinischen Diagnose eine berufliche Grundbildung zu finanzieren. Das kostet die IV monatlich 5000 Franken pro Fall.

Diese Investition soll vermeiden, dass die jungen Leute zu Rentenbezügern werden. 65 solche Ausbildungsplätze, unter anderem in den Berufsfeldern Schreinerei, Elektronik und Küche, bietet das Zentrum Appisberg in Männedorf an. Von über einem Dutzend Kantonen hat der Appisberg Zuweisungen. Mit sozialen Institutionen, die Menschen mit Behinderung dauerhaft beschäftigen, will Geschäftsführer Markus Krämer indes nicht in einen Topf geworfen werden: «Was wir anbieten, sind offiziell keine geschützten Arbeitsplätze.» Vielmehr gehe es im Appisberg stets um die Anbindung an den ersten, also regulären Arbeitsmarkt.

Uneins, was «Erfolg» heisst

Konkret setzt die Männedörfler Institution immer mehr auf das sogenannte Job Coaching. Dabei absolviert der Jugendliche seine Lehre in einem externen Partnerbetrieb, wird aber von einer Bezugsperson im Appisberg permanent begleitet. Laut Krämer gibt es auch Mischformen – etwa dass die ersten zwei Lehrjahre intern absolviert werden und dann im dritten der Übertritt in einen privaten Betrieb erfolgt. «Ziel ist die fliessende Integration in den ersten Arbeitsmarkt», erklärt der Geschäftsführer. Die IV fördere diesen Ansatz stark, weshalb der Appisberg immer mehr Job-Coaching-Fälle verzeichne.

Indes sind sich die beiden Seiten nicht immer darin einig, was «erfolgreiche» Integration bedeutet. Für die IV zählt laut Krämer nur, ob der Lernende nach der Grundbildung einen Arbeitsvertrag erhält. «Aus unserer Sicht ist das eine zu einfache Wertung.» Im Appisberg werte man auch als Erfolg, wenn ein Jugendlicher eine andere Anschlusslösung findet, also eine fortführende Lehre anhängt, und dies möglichst in der Privatwirtschaft.

Diesen Sommer haben 14 Appisberg-Klienten ihre Berufslehre abgeschlossen – alle erfolgreich. Vier haben eine Anstellung im ersten Arbeitsmarkt gefunden, sechs setzen die Ausbildung mittels Job Coaching fort, und für vier läuft noch die Suche nach einer Lösung. (Anna Six)

Sozialamt statt Berufslehre: Die ersten Jahre nach der Schule verliefen für Mario Rutishauser harzig. Eine halbjährige Berufsvorbereitung im Zentrum Appisberg holte ihn aus dem Tief – manchmal auch auf unbequeme Art. Bild: Michael Trost.

Aus der Strukturlosigkeit herausgefunden

Struktur. Was für ein Wort. Man kann sagen: ein Fremdwort – für den jungen Mario Rutishauser zumindest, als seine obligatorische Schulzeit endet. Zwar beginnt er eine Lehre als Kaminfeger. Doch bald bricht er sie wieder ab. Privat läuft es nicht besser. «Zuhause wurde ich auch rausgeschmissen.» Er schreibt Bewerbungen. Umsonst. Um dann beim Jobbus Uetikon zu landen, einer niederschwelligen Arbeitsvermittlung für Erwerbslose.

Bald ist aber auch dort Schluss – «es geht nicht mehr», wird ihm beschieden. Immer wieder ist er unentschuldigt der Arbeit ferngeblieben: Mangelndes Gefühl für Struktur und Autorität. Das alles erzählt der in Männedorf aufgewachsene Rutishauser in der Cafeteria des Integrationszentrums Appisberg. Mit gewinnender Offenheit. Nicht zufällig findet das Treffen mit ihm im Appisberg statt. Hier haben sich für ihn die Dinge gewandelt.

Abschluss mit Bravour

Im November 2014 beginnt Rutishauser im Appisberg die halbjährige Berufsvorbereitung, vermittelt durch das Sozialamt. Immerhin 21-jährig ist er da schon – in einem Alter, in dem andere ihre Lehre abgeschlossen haben.

Der junge Mann hat nur nach Feierabend Zeit für das Gespräch – denn jetzt ist er im Arbeitsprozess angekommen. Diesen Sommer hat er die zweijährige Attestlehre zum Gärtner Fachrichtung Pflanzenproduktion bei der Gossauer Hydroplant AG abgeschlossen. Mit einer Vertiefungsarbeit notabene, die als eine der zwei besten seines Jahrgangs ausgezeichnet wurde. Doch er will weiter. In der Gärtnerei Ernst Meier AG in Tann lernt er nun nochmals drei Jahre für das Eidgenössische Fähigkeitszeugnis als Gärtner Fachrichtung Zierpflanzen.

«Die Zeit während der Attestlehre war nicht immer einfach.»Mario Rutishauser

Doch ein kometenhafter Aufstieg war es nicht. «Es war ein ständiges Auf und Ab», sagt Melanie Sudan. Sie arbeitet im Appisberg als Case-Manager, unterstützt also Menschen individuell, damit diese irgendwann im ersten Arbeitsmarkt eine Beschäftigung finden. «Bei Mario Rutishauser stand die rein berufliche Vorbereitung weniger im Zentrum», führt Sudan aus. Schnell zeigt sich, dass Gärtner sein Beruf ist. Pflanzen kultivieren, sehen, wie sie sich entwickeln: Das gefalle ihm. «Verhaltensregeln hingegen mussten mit ihm eingeübt werden», sagt sie. Dass man pünktlich zur Arbeit erscheine, auch wenn man keine Lust habe. Den Chef als Autorität akzeptiere. Von einem Gespräch nicht davonlaufe, wenn es unangenehm werde. Wie man mit Geld umgehe: Strukturen eben. «Es war nicht immer einfach», erinnert sich Rutishauser an die Zeit im Appisberg und später in der Attestlehre.

Viele Gespräche

Doch Sudan blieb geduldig, blieb mit Rutishauser im Gespräch. Hat ihm, den sie als damals schwer zu bändigen beschreibt, Grenzen gesetzt. Immer wieder aber habe er seinen Willen für die Ausbildung deutlich gemacht. Das bestätigt auch Jacqueline Lendi, seine Berufsbildnerin bei Hydroplant: «Ich hatte nie Zweifel, dass er die Lehre schafft.» Schon beim Schnuppern habe sie sein Feingefühl für die Pflanzen erkannt. Dass er die Lehrstelle erhalte, habe sie schnell entschieden. Sie würde es wieder tun. «Alle sollen eine Chance erhalten.» Wenngleich sie ihm damals öfters den Unterschied zwischen Chef und Lernendem erklären musste.

Sudan und Rutishauser sehen denn auch im wohlwollenden Fördern und Fordern der Berufsbildnerin einen grossen Anteil am positiven Wandel. So dass heute Strukturen und Autorität keine Fremdwörter mehr seien. Schon schmiedet er weitere Pläne: Lehrlingsausbildner, Gärtnermeister. «Langsam, langsam», mahnt Sudan mit leisem Lächeln, «eins nach dem andern.» (Andrea Baumann)

Sie war die Älteste ihrer Klasse – und schloss mit dem besten Ergebnis im ganzen Kanton ab. Perla Lippuner absolvierte im Appisberg eine Attestlehre als Küchenangestellte. Das glänzende Resultat erreichte sie dank Fleiss und Ausdauer. Bild: David Baer.

«Ich wollte nicht Alleinkämpferin sein»

Es ist eine stille, tiefe Freude, die Perla Lippuners Gesicht mit einem Strahlen überzieht. Die 45-Jährige hat ihren Abschluss als Küchenangestellte gemacht. Und das nicht einfach irgendwie: Sie erzielte das beste Ergebnis im ganzen Kanton Zürich. «Ich freue mich sehr», sagt Lippuner bescheiden.

Sie sitzt in einem Raum des beruflichen Integrationszentrums Appisberg in Männedorf. In der Personalküche hat die Frau mit den schwarzen Haaren und den dunklen Augen die zweijährige Lehre mit eidgenössischen Berufsattest (EBA) durchlaufen. Anfangs deutete nichts auf eine Erfolgsstory hin. Die Mutter einer heute 14-jährigen Tochter war 2014 von der Invalidenversicherung für eine berufliche Abklärung in den Appisberg geschickt worden. Die gelernte Coiffeuse hatte schwierige Jahre hinter sich. Darüber reden mag sie nicht. Nur soviel: Mit der Ausbildung will sie sich und der Tochter eine bessere Zukunft ermöglichen.

Das Lernen fiel ihr schwer

Zuerst arbeitete die Bündnerin in der Hauswirtschaft und im Garten. Für beides konnte sie sich nicht erwärmen. Dann wechselte sie in die Küche. Dort gefiel es ihr prima. «Ich koche auch privat sehr gern.» Dennoch habe sie die Ausbildung als grosse Herausforderung erlebt, erzählt Perla Lippuner in Bündner Dialekt. «Das Lernen fiel mir sehr schwer.»

Am meisten Schwierigkeiten bereitete ihr das Rechnen. «Wir mussten von Grund auf alles aufbauen», sagt Beat Aebersold, Leiter der Lernwerkstatt. In der Küche müsse man etwa Dreisätze und Prozentrechnen gut beherrschen, damit die Mengen richtig berechnet werden könnten. Einen halben Tag pro Woche sei man gemeinsam hingesessen und habe Mathematik, PC-Anwendungen oder andere Themen erarbeitet. «Perla Lippuner hatte jeweils einen ganzen Rollkoffer mit Schulmaterial dabei und wusste genau, woran wir arbeiten mussten.»

«Ich würde gerne noch die Kochlehre anhängen.»Perla Lippuner

In ihrer Freizeit büffelte die 45-Jährige dann stundenlang Schulstoff. Auch während der Arbeitszeit von 8 bis 17 Uhr gab sie stets vollen Einsatz: «Ich wollte alles richtig und korrekt machen.» Ihr Fleiss ging soweit, dass die Vorgesetzten sie ab und zu bremsen mussten. «Sonst wäre sie irgendwann zusammengeklappt», sagt Küchenchef Felix Wiss. Zwischendurch dachte Lippuner immer wieder ans Aufgeben. «Manchmal fühlte ich mich überfordert», sagt sie und legt ihre gefalteten Hände auf den Tisch. Geholfen hätten ihr jeweils Gespräche mit den Ausbildnern. «Dann besann ich mich wieder auf mein Ziel.»

Dieses erreichte sie schliesslich mit einer Gesamtnote von 5,2. An der praktischen Prüfung wurde sie gar mit einer 5,6 bewertet. Lippuners Augen leuchten, als sie vom Prüfungsmenu erzählt: Tomaten-Mozzarella-Salat, gefolgt von Hecht im Bierteig mit tournierten Kartoffeln, Lauch und Mangold an einer Remouladensauce und zum Dessert Windbeutel mit Rahmfüllung und marinierten Erdbeeren.

Wieder mit Tochter vereint

Ihre Kochkünste setzt die frischgebackene Küchenangestellte nun in einem Altersheim in Chur ein. Dort hat sie eine Praktikumsstelle erhalten. Sie hofft, demnächst eine langfristige Anstellung zu finden. «Danach würde ich gern noch die Kochlehre anhängen.»

Im Moment freut sie sich aber vor allem, dass sie wieder mit ihrer Tochter zusammenleben kann. Während ihrer Ausbildungszeit wohnte diese bei den Schwiegereltern in Domat/Ems. Die drei Jahre seien auch für die Tochter keine einfache Zeit gewesen, sagt Perla Lippuner. «Sie stand aber stets hinter mir.» (Mirjam Bättig-Schnorf)

Erstellt: 25.09.2017, 15:59 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles