Chemie Uetikon

Als ein Arbeiter in die siedende Flüssigkeit fiel

Die Fabrik brachte Freud und Leid über Uetikon. Das Dorf profitierte von vielen sozialen Einrichtungen, welche die Fabrikbesitzer schufen. Doch die Arbeitsbedingungen waren lange Zeit prekär.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde für die chemische Fabrik in Uetikon – hier eine undatierte Aufnahme – Land aufgeschüttet.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurde für die chemische Fabrik in Uetikon – hier eine undatierte Aufnahme – Land aufgeschüttet. Bild: Schweizerisches Wirtschaftsarchiv

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Der Uetiker Andreas Leuthold starb am 10. Februar 1870 auf grauenvolle Weise. «Gestern Morgen», schrieb die NZZ tags darauf in einer Randspalte, «fiel ein Arbeiter in der chemischen Fabrik der Herren Schnorf in Uetikon beim Leeren einer Tanse in die siedende Flüssigkeit eines grossen Kessels und starb plötzlich.» Der Verunglückte Leuthold hinterlasse «eine Wittwe mit vier unerzogenen Kindern». Tödliche Unglücke und schwere Verletzungen waren insbesondere in den Anfangen der Chemiefabrik in Uetikon keine Seltenheit. Die Arbeitsbedingungen waren prekär, für damalige Verhältnisse aber nicht untypisch.

Die Angestellten schufteten unter grosser körperlicher Anstrengungen und in der Nähe zu Öfen, die mehrere Hundert Grad heiss waren. Das gab Durst, und viele Arbeiter neigten dazu, diesen mit Alkohol zu löschen. Alkoholismus dürfte in diesen Jahren verbreitet gewesen sein, worauf eine ungewöhnliche Handlung einer der Fabrikherren deutet: In den 1920-Jahren kaufte nämlich einer der Patrons die Wirtschaft «Zur alten Post» auf, um sie kurz darauf wieder abzustossen – mit der Auflage, dass darin kein Gasthof mehr betrieben werden dürfe.

Auch die langen Arbeitstage setzten den Angestellten gesundheitlich zu. In den Anfängen war die Zahl der Arbeitsstunden nicht reglementiert. Ab 1868 waren 66 Stunden pro Woche üblich, nach 1893 waren es noch 56 Stunden – und dies im Schichtbetrieb.

Mit blosser Hand in der Säure

Arbeitsschutz hatte einen anderen Stellenwert als heute. Medienberichten zufolge sollen Arbeiter teils bis in die 1980er-Jahre hinein mit blossen Händen in Säuren gegriffen haben, sodass sich ihre Fingernägel lösten. Die Altlasten, die noch heute im Boden des Fabrikgeländes schlummern, verdeutlichen zudem, dass Umweltschutz noch kein grosses Thema war.

Das Bewusstsein dafür, dass die Chemikalien Mensch und Umwelt schaden können, kam in der Schweiz erst 1986 nach dem Brand und Chemieunglück in Schweizerhalle richtig aufs Tapet. Dann verschärfte auch die Chemie Uetikon die Schutzbestimmungen.

Daraus zu schliessen, den Fabrikherren seien ihre Angestellten gleichgültig gewesen, wäre aber unzutreffend. Denn in vieler Hinsicht war die Fabrik fortschrittlich. Die Chefetage war sich der Bedeutung des Unternehmens für das Fabrikdorf Uetikon – immerhin arbeiteten hier zu den besten Zeiten rund 350 Personen – bewusst. Die Fabrik engagierte sich mit Schenkungen, Stiftungen und Fonds, die den Einwohnern zugute kamen. Zudem rief sie Institutionen ins Leben, von denen die Fabrikarbeiter und übrigen Angestellten im noch schwach ausgebauten Sozialstaat profitierten. Ein Beispiel dafür ist die Betriebskrankenkasse, die 1864 zeitgleich mit der Fabriksparkasse gegründet wurde. Die Firma tätigte regelmässig Einlagen, die bei der Pensionierung der Angestellten zur Verfügung standen. Hinzu kamen 1901 eine Altersversicherung, 1902 eine kollektive Lebensversicherung und vieles mehr.

Geld für Wohlfahrt und Schule

Das Dorf profitierte von ähnlichen Errungenschaften, etwa von der für Uetikon gegründeten Sparkasse. Auch liess die Besitzerfamilie Schnorf auf eigene Kosten den ersten Dampfschiffsteg errichten, und sie stiftete 1893 einen namhaften Betrag an den Bau des Altersheims Wäckerling. Ebenso richteten die Schnorfs einen Fonds für eine alkoholfreie Gemeindestube mit Bibliothek und Lesezimmer ein und sie liessen ein Wohlfahrtshaus bauen. Überdies gründeten sie den ersten Kindergarten und bezahlten den Handarbeitsunterricht in der Schule.

Nicht nur mit der Schule, sondern auch mit der Politik war die Familie verbandelt. So bezahlten die Schnorfs das 1934 erbaute Gemeindehaus, das bis 2015 von der Uetiker Verwaltung genutzt wurde. Zudem bekleidete die Familie zahlreiche politische Ämter im Dorf. Aus gutem Grund hat Uetikon deshalb den Beinamen «Schnorfikon» erhalten. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.05.2018, 14:44 Uhr

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