Stäfa

Als die Ruderinnen im Seeclub nur geduldet waren

Heutzutage rudern im Stäfner Seeclub die Frauen Seite an Seite mit den Männern. Vor 30 Jahren war das noch keine Selbstverständlichkeit.

Der Seeclub feiert sein 100-Jahr-Jubiläum - Frauen dürfen erst seit 30 Jahren Mitglied sein.

Der Seeclub feiert sein 100-Jahr-Jubiläum - Frauen dürfen erst seit 30 Jahren Mitglied sein. Bild: Manuela Matt

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Die Diskussionen unter den Ruderern des Seeclubs Stäfa sind «episch lang». Gründe dafür und dagegen werden erörtert. Man trifft «juristische Abklärungen». Bis man im Februar 1989 zu einem Schluss kommt: Darüber, ob der Verein fortan auch Frauen aufnehmen soll. Eine Frage nicht ohne Dramatik. Denn da und dort hört man «Austrittserwägungen, sofern das tatsächlich passieren sollte.»

So ähnlich steht es in der Festschrift des Seeclubs Stäfa von 2017 zum 100-jährigen Jubiläum. 30 Jahre liegt das Beschriebene nun zurück. Zeit für einen Rückblick: «Wir sind den Männern inzwischen völlig gleichgestellt», sagt Esther Walther. Die 70-Jährige, die auch im Vorstand des Vereins wirkt, ist die älteste aktive Ruderin im Seeclub. Wir treffen sie frühmorgens beim Klubhaus, bevor sie sich zur Trainingsfahrt aufmacht. Mit dabei: vier ihrer Kolleginnen unterschiedlichster Jahrgänge.

Umbau nimmt Neuerung vorweg

A propos Klubhaus: Dessen Entwicklung hängt auch mit der Aufnahme der Frauen zusammen. Wird es doch um 1986 aufgestockt und erweitert – letzteres etwa um eine Damengarderobe. Damit sieht der damalige Klubpräsident, Dirk Hoppe – und Architekt des Umbaus – die Öffnung gegenüber den Damen also bereits kommen. Dies allen Diskussionen zum Trotz, die dazumal noch folgen sollen. Was zeigt: Die Aufnahme der weiblichen Mitglieder gut zwei Jahre später wird eine Art natürlichen Prozess besiegeln – angefangen nicht nur mit dem neuen Bootshaus.

«Die wenigen kritischen Stimmen von damals sind schnell verstummt.»Verena Clavuot

Sondern auch damit, dass «Frauen schon länger bei uns gerudert sind», wie die 63-jährige Verena Clavuot erklärt, «früher halt als Gäste.» Zudem habe für die Aufnahme der Damen gesprochen, dass damals der Seeclub Stäfa der einzige Ruderklub am oberen Zürichsee gewesen sei. «Mit der Bevölkerung an sich hat aber auch die Anzahl der ruderinteressierten Frauen zugenommen», sagt sie. Das hängt wohl mit der hohen Dichte an Akademikerinnen in der Region zusammen, ist doch das Rudern ursprünglich ein Akademikersport.

Ein Drittel Frauen

Auch heute noch erfreue sich der Sport und mit ihm der Seeclub steigender Beliebtheit – bei Frauen, aber auch bei Junioren und Breitensportlern beiderlei Geschlechts. «Viele beginnen auch wieder, nachdem sie wegen Beruf oder Familie pausiert haben», sagt Walther. Aktuell zähle man von den 245 Aktiven gut ein Drittel Frauen. Diese erruderten im vergangenen Jahr rund 121‘000 Kilometer.

Zurück zum Klubhaus: An dem Ort lässt sich an jenem Morgen das Aufeinandertreffen der Geschlechter beobachten. Tatsächlich machen kameradschaftlich-respektvolle Begrüssungen die Runde; keine Spur von scheelen Blicken oder hierarchischer Distanz. «Die wenigen kritischen Stimmen von damals sind schnell verstummt», erklärt Clavuot. Sie, wie auch ihre anwesenden Kolleginnen, ist zwar keine Pionierin der ersten Stunde im Seeclub – nun aber auch schon seit 25 Jahren dabei.

Ganzheitliche Sport

«Bis wir Frauen zu Booten gekommen sind, die für uns als leichtgewichtigere Personen geeignet sind, brauchte es allerdings noch Überzeugungsarbeit», erinnert sich Walther. Bedeutender als die zurückliegenden Zeiten ist den aktiven Ruderinnen aber ihr Sport im Hier und Jetzt. Der 24-jährigen Delia Bazzigher und der zwei Jahre älteren Nora Welti sind die einstigen Debatten ohnehin fremd. Sie, die gemeinsam im Zweierboot rudern und dabei letztes Jahr auf gut 2000 Kilometer gekommen sind, schwärmen von dem ganzheitlichen Training, das dieser Sport biete: «Wenn man das Boot ins Laufen gebracht hat und die synchrone Bewegung der Ruder spürt», erklärt Bazzigher, «dann ist es besonders schön.»

Ihre älteren Kolleginnen pflichten ihr bei. „Man kommt in einen Flow und vergisst den Alltag um sich herum“, sagt etwa die 59-jährige Doris Krebs. Gleichsam würden Konzentration, Koordination und Kraft trainiert. Dabei war eines der Argumente gegen die Aufnahme der Frauen in den Seeclub, dass diese zu wenig Kraft für das Rudern hätten.

Erstellt: 04.06.2019, 15:28 Uhr

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