Männedorf

65 Ehejahre und 70 Fotoalben

In der Pfadi lernten sie sich kennen und lieben –vor 70 Jahren. Im Oktober feierten Leni und Bert Trudel den 65. Hochzeitstag. Von Rezepten für eine lange Beziehung halten sie aber nichts. Nur nachgeben sollten die Partner können. Wer dies in ihrer Ehe öfter tat – darüber sind sie sich nicht einig.

Auch nach 65 Ehejahren haben der 93-jährige Bert und die 85-jährige Leni Trudel einander noch gern. Streit gibt es trotzdem manchmal.

Auch nach 65 Ehejahren haben der 93-jährige Bert und die 85-jährige Leni Trudel einander noch gern. Streit gibt es trotzdem manchmal. Bild: Sabine Rock

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Sorgfältig hebt sie den Deckel des Fotoordners an und streicht über die erste Seite. «Dieses Album ist für unsere Nachkommen», sagt Leni Trudel. Die 85-jährige Männedörflerin hat für ihre Kinder und Enkel alles in den Ordner abgelegt, was ihr wichtig erschien: Stammbäume, Fotos ihrer Vorfahren, des Familienlebens und der Ehe mit Bert, ihrem 93-jährigen Mann.«Das bin ich», sagt Bert Trudel, und deutet auf das Foto eines strohblonden Jungen im Kindergartenalter. «Sehen Sie nur, was für ein herziger Bub er war», sagt seine Frau und wirft ihm einen liebevollen Blick zu. Seit 65 Jahren gehen die beiden gemeinsam durchs Leben. Im Oktober feierten sie die eiserne Hochzeit.

Spritzfahrten mit dem Auto

Bert, der eigentlich Albert heisst, und Leni, die auf den Namen Helene getauft ist, lernten sich in der Pfadi kennen. Er war in Männedorf aufgewachsen, sie kam aus Feldbach. Beide hatten je einen Elternteil früh verloren. Erst verkehrten sie einfach im gleichen Kollegenkreis. Als sie 17 beziehungsweise 25 Jahre alt waren, «fingen wir an, zusammen zu gehen», erzählt die 85-Jährige. Gemein­same Badeausflüge und Spritz­fahrten mit Berts Auto hatten das ihre dazu beigetragen. Nachdem Leni mit 19 Jahren die damalige Han­deli in Zürich abgeschlossen hatte, reiste sie für ein Jahr als «Mothers Help», eine Art Au-pair, nach England. Bert besuchte sie in der Fremde.

«Man warf nicht so schnell den Bettel hin.»Leni Trudel

Einige Monate nach Lenis Rückkehr heiratete das Paar. Das war 1952, die Brautleute ­waren 20 und 28 Jahre alt. Einen formellen Heiratsantrag gab es nicht. «Gell, du hast mir keinen richtigen Antrag gemacht», sagt Leni Trudel laut zu ihrem Mann, der schräg vis-à-vis auf dem Sofa sitzt. Er höre drum nicht mehr so gut, erklärt sie. «Nein, ich ging nicht vor dir auf die Knie», entgegnet er trocken. Das mit der Heirat habe sich eher so ergeben. Bert Trudel ist kein Mann der grossen Worte.

Mit 89 noch auf Ski

«Erzähl mal, was du alles geleistet hast», fordert seine Frau ihn nun auf. Der 93-Jährige räuspert sich und streicht sich über den blauen Pullover. Er habe es immer gut mit Zahlen gekonnt, sagt er. «Finanzen waren meine Stärke.» Seine Frau sagt augenzwinkernd: «Deshalb habe ich ihn geheiratet. Ich musste nie etwas mit Finanzen machen.» Nach dem KV-Abschluss bildete sich Bert Trudel stetig weiter und arbeitete unter anderem als Revisor bei einem amerikanischen Unternehmen. Daneben fuhr er leidenschaftlich Ski. Noch als 89-Jähriger liess er es sich nicht nehmen, auf Brettern über die Pisten zu gleiten. Segeln und Fechten zählten ebenfalls zu seinen Hobbys. Der Sportbegeisterte gründete den Männedörfler Skiclub Alpina und ist dessen Ehrenpräsident. Während zehn Jahren war er zudem Präsident der Geschäftsprüfungskommission des schweizerischen Skiverbandes. Er würde auch heute noch Skifahren, sagt Bert Trudel. «Das Problem ist nur, dass ich nach einem Sturz nicht mehr selber aufstehen kann.»

Leni und Bert Trudel bei ihrer Hochzeit 1952. Bild: zvg.

Sie hätten sich etwas auseinandergelebt durch sein Hobby, wirft Leni Trudel ein. Sie habe wegen Knieproblemen nie viel Sport treiben können. Ausserdem habe sie den Haushalt sowie die Erziehung der Kinder alleine bewältigt. Tochter Karin kam 1958, Sohn Urs 1964 zur Welt. «Ich erledigte dafür alles rund ums Haus», ergänzt Bert Trudel.

Zu langsam für Seestrasse

Die Familie zog 1965 in Berts Elternhaus an der Asylstrasse in Männedorf. Sein Grossvater hatte dort einen Bauernhof mit 7000 Quadratmetern Land bis zum Zürichseeufer geführt. Nachdem die Seestrasse geteert worden sei, habe der Ätti mit Bauern aufgehört, erzählt Bert Trudel. Mit den Fuhrwerken war er nun zu langsam für den Verkehr. «Er verkaufte das Seeland für ein paar Fränkli an die Gemeinde.»

Seit Oktober 2016 wohnt das Ehepaar in einem der neu erbauten Mehrfamilienhäuser neben dem Elternhaus. Dieses sowie die Grünfläche nebenan hatte das Ehepaar 2011 an die beiden Kinder überschrieben. «Sie sorgten dafür, dass wir die oberste Wohnung des Neubaus mit wunderbarer Weitsicht beziehen konnten», sagt Leni Trudel. Die Tochter wohnt mit ihrer Familie in einem Haus nebenan, der Sohn ebenfalls. «Sie helfen mir mit Einkaufen und vielem mehr.» Seit drei Jahren ist die Seniorin auf Rollator und Stöcke angewiesen. Sie kann fast nichts mehr erledigen im Haushalt. Das sei nicht einfach. «Aber man muss es akzeptieren.» Früher reiste das Ehepaar gern: Europa, Thailand, Bali, USA — 70 Fotobände zeugen von zahlreichen Ferieneindrücken. Heute sind Reisen nicht mehr möglich. Sie sei zu wenig mobil, sagt die 85-jährige und rückt sich das Kissen auf dem Sofa besser zurecht. Dafür pflegt das Ehepaar einen guten Kontakt mit den Kindern und Enkeln. Die Seniorin würde auch sonst gern öfter Besuch einladen. Doch ihrem Mann ist das inzwischen zuviel: «Ich will möglichst wenige Termine in der Agenda.» Da seien sie halt verschieden, sagt Leni Trudel.

Nachts um zwei auf dem Sofa

Auch sonst gebe es einige Unterschiede zwischen ihnen. Sie sei eine «Aufbrauserin», sagt Leni Trudel. Ihr Mann schimpfe dafür öfter. «Nur, wenn ich nachts um halb zwei aufwache und dich schlafend auf dem Sofa vorfinde», entgegnet er. Sie sei eben eine Eule, erklärt die 85-Jährige und lacht verschmitzt.

Ernsthafte Krisen durchlebte das Paar laut eigenen Angaben in den 65 Ehejahren nicht. «Man warf aber auch nicht so schnell den Bettel hin.» Auf die Frage nach einem Rezept für eine glückliche Beziehung sagt die Männedörflerin resolut: «Da muss jedes Paar selber schauen.» Schliesslich seien alle verschieden. Aber einen Rat gibt sie doch noch: Einer müsse jeweils nachgeben können. «Das war meistens ich», sagt sie. Ihr Mann widerspricht, und es wird ein wenig hin- und herdiskutiert. «Sie merken», sagt Leni Trudel, «bei uns lebt es.»

Erstellt: 16.11.2017, 15:02 Uhr

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