Erlenbach

125 Jahre Martin-Stiftung als Theater

Die Martin Stiftung feiert ihr 125-Jahr-Jubiläum mit dem Stationentheater «Tanz um Mariahalden». In zehn Bildern wird die bewegte Geschichte der Gründerin Louise Escher-Bodmer erzählt. Das Publikum bewegt sich auf dem ganzen Areal der Stiftung bis zum See.

Mit viel Spielfreude und Begeisterung sind die Mitwirkenden schon bei den Proben bei der Sache.

Mit viel Spielfreude und Begeisterung sind die Mitwirkenden schon bei den Proben bei der Sache. Bild: David Baer

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Die Vorbereitungen für den Theater-Anlass zum 125-Jahr-Jubiläum der Martin Stiftung begannen bereits im Herbst 2016. Damals suchte der Regisseur des Stäfner Statttheaters, Michael Schwyter, die Martin Stiftung in Erlenbach auf und verbrachte eine ganze Woche mit den Bewohnern und ihren Betreuern auf den verschiedenen Abteilungen.«Ich wollte mir ein Bild machen vom Alltag der Menschen, die wegen einer kognitiven Beeinträchtigung hier wohnen und daneben auch einer Tätigkeit nachgehen können», begründet er und fügt an: «Zudem wollte ich mir ein Bild machen von den Fähigkeiten der Bewohner und welche Rolle ich ihnen im Stück zumuten konnte.» Nicht Perfektion sollte im Mittelpunkt stehen, sondern der kreative Moment.

Auf Spaziergängen erfasste der Stäfner zudem das weitläufige Areal im Bindschädler mitsamt dem Landgut Mariahalde bis hinunter zum Badehäuschen am See, die allesamt zur Stiftung gehören. Denn Schwyter hatte eine Aufgabe: «Zum Jubiläum sollte ich ein Theaterstück schreiben, das das Leben der Gründerin Louise Escher-Bodmer thematisiert und zugleich die aktuelle Jubiläumsfeier mit einbezieht», sagt er.

Nicht nur Historie liefern

Dabei schwebte ihm sogleich vor, dem Publikum nicht nur die Historie zu liefern, sondern ihm auch die schönen Plätze der Stiftung vorzuführen. Etwa den romantischen Garten mit dem Seerosenteich und den Goldfischchen vor dem Wohnheim Mariahalden.

«Als junge Frau war Louise Escher voller Hoffnungen und Träume.»
Michael Schwyter, Produzent und Regisseur

An diesem sonnigen Freitagmorgen steht er im Eingangsbereich der Martin Stiftung im Freien und gibt letzte Anweisungen zum ersten von insgesamt zehn Bildern, die zusammen 125 Jahre Geschichte beinhalten und das Theaterstück ausmachen. Es geht darin um Liebe und Sehnsucht, Freude und Verzauberung, aber auch um Abschied und Trauer. Für jedes Bild wird sich das Publikum fortbewegen müssen, bis es zuletzt den Garten am See erreicht.

Inklusive Pelerine

Da die acht Aufführungen bei jedem Wetter durchgeführt werden, werde den Zuschauern bei unsicherem Wetter eine Pelerine mit Kapuze verteilt, wie der Regisseur informiert. Während der Aufführungen werden die Gäste bewirtet – dieser Teil gehört zum Stück und gerechtfertigt den Ticketpreis von 65 Franken.

Die Proben laufen seit einem Jahr und an diesem Tag findet zum ersten Mal der gesamte Durchlauf statt. «Wir fangen in der Gegenwart mit dem Geburtstagsfest an», erläutert der Regisseur die Szene, bei der eine Anzahl Bewohnerinnen und Bewohner einen übergrossen Geburtstagskuchen tragen und dabei «Happy Birthday» singen.

Sperriger Kuchen

Die junge Rebecca, alle Bewohner werden hier mit dem Vornamen angesprochen, begleitet sie auf dem Keyboard. Das Tragen des sperrigen Kuchens aus Pappkarton auf den Schultern klappt noch nicht, denn die Spieler sollten sich damit auch noch im Kreise drehen. Dann singen alle im Chor «Wir sind alle die Martin Stiftung» und skandieren «Mir schaffed da, mir lebed da, mir wohned da».

Im zweiten Bild auf der Spielwiese wird die Sehnsucht nach Liebe und Glück thematisiert. «Als junge Frau war Louise Escher voller Hoffnungen und Träume», sagt dazu Michael Schwyter. Darum lässt er die Spielenden dieser jungen Louise nachspüren, in dem sie «Ewigi Liebi» singen und ihre eigenen Wünsche äussern.

150 machen mit

Von den 160 Bewohnern der Martin Stiftung, machen rund Dreiviertel im Stück mit, dazu kommt noch das Fachpersonal und Mitarbeitende. 150 Personen sind es insgesamt, die am Stück mitwirken. Einige haben in den Werkstätten die Requisiten hergestellt, andere an den Kostümen genäht. Der Regisseur ist der einzige Auswärtige. «Der Anteil Sprechtext ist klein», sagt er zu seinem Bildertheater, sind es doch die wechselnden Szenen und Kulissen, die das Theater prägen. Eine Broschüre, auf der der ganze Parcours abgebildet ist, beschreibt zudem, was in den einzelnen Bildern thematisiert wird. Geprägt wird das Stück aber natürlich von der spürbaren Spielfreude und Begeisterung der Mitmachenden, die schon bei dieser Probe ansteckend ist.

Acht Aufführungen ab 12. Juni (Premiere, ausverkauft) bis 23. Juni. Jeweils 18 Uhr bis circa 20.30 Uhr. Beginn im Eingangsbereich der Martin Stiftung, im Bindschädler 10, Erlenbach. Vorverkauf www.ticketino.ch. Preis 65 Franken inklusive Apéro und Verpflegung. Info über Tickets an der Abendkasse am Aufführungstag von 10 bis 12 Uhr unter 076 389 70 92. www.martin-stiftung.ch. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 04.06.2018, 14:55 Uhr

Andenken an einen Sohn

Das gute Werk einer früh verwitweten Frau

Die junge Frau Louise Escher (1819-1900) war voller Hoffnungen und Träume, als sie den Geschäftsmann Hans Conrad Escher (1812-1871) ehelicht. Das Hochzeitsfest ist eines der Bilder des Stationentheaters «Tanz um Mariahalden» und das Publikum ist Teil der Hochzeitsgesellschaft (siehe Haupttext). Doch nach dem Fest folgt der grosse Kater: Hans Conrad verspekuliert sich, sein einziger Sohn Martin (1864-1889) ist behindert (Down Syndrom). In seiner Verzweiflung sieht er keinen Ausweg und nimmt sich das Leben. Louises einst so hoffnungsvolle Träume scheinen in diesem Moment zu verpuffen.
Ihr verstorbener Ehemann hatte das Landgut Mariahalde, im 18. Jahrhundert gebaut, 1869 als Sommerresidenz erworben. Umgeben ist es heute noch von einem Park, in dem weitere Bilder des Theaters vorgetragen werden.

Nach dem tragischen Tod ihres Gatten zieht sich Louise mit Sohn Martin ganz nach Erlenbach zurück. 1893 beschliesst sie, den Besitz im Andenken an Martin «der Wohltätigkeit zu stellen» (aus den Statuten der Martin Stiftung 1894). Damit verfügt sie, dass in der Martin Stiftung «eine Anzahl geistig oder körperlich schwacher, armer und verlassener Kinder beiderlei Geschlechts vom zurückgelegten sechsten bis zum sechzehnten Lebensjahr gepflegt und erzogen werden».

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