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Versuchstiere im LaborMehr belastende Tierversuche – auch für Corona-Impfstoff

Die Zahl der besonders schweren Versuche nimmt zu. Dabei könne die Forschung weitgehend auf Labortiere verzichten, kritisieren Tierschützer und fordern ein Verbot.

Forschung an Mäusen, aufgenommen in einem Schweizer Labor: Sie werden besonders oft bei schweren Tierversuchen eingesetzt.
Forschung an Mäusen, aufgenommen in einem Schweizer Labor: Sie werden besonders oft bei schweren Tierversuchen eingesetzt.
Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Sie werden mit Elektroschocks malträtiert oder schwimmen in wassergefüllten Glaszylindern um ihr Leben: Versuche mit Tierenin über 80 Prozent der Fälle handelt es sich um Mäuse im Dienste der Wissenschaft sorgen seit Jahren für hitzige Diskussionen. Die gute Nachricht: Die Zahl der eingesetzten Labortiere ist in den letzten vier Jahren um 2,5 Prozent gesunken auf insgesamt 572069.

Die schlechte: Die Zahl der Tiere, die besonders schwer belastet werden, nahm im letzten Jahr gegenüber dem Vorjahr anteilsmässig von 2,7 auf 3,2 Prozent zu, von 16078 auf insgesamt 18290 Tiere. Das zeigen neue Zahlen des Bundesamts für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV).

Der Zürcher Tierschutz kritisiert diese Entwicklung. «Vor allem in der Grundlagenforschung an Hochschulen ist der Tierverschleiss unnötig hoch», sagt Bea Roth, die sich bei der Organisation auf das Fach spezialisiert hat.

Für normale Bürger eine Straftat

Tatsächlich werden in der Grundlagenforschung fast 90 Prozent aller Versuchstiere an Hochschulen gehalten. Auf die Pharmaindustrie entfallen bloss 10 Prozent. «Offenbar haben gewisse Hochschulkreise den Einstieg in die tierfreie Forschung verpasst», sagt Roth. Sie vermutet, dass schlicht der wirtschaftliche Druck fehle, die eigenen Forschungsmethoden zu hinterfragen. Denn diese würden oft durch Forschungsgelder des Bundes finanziert. «Wir fordern deshalb eine Umverteilung der Bundesbeiträge hin zur tierfreien Forschung», sagt Roth.

Besonders die stark belastenden Tests dürften nicht weiter zunehmen. Eine Tierversuchsbewilligung entspreche einer Ausnahmebewilligung für Handlungen, die für den normalen Bürger eine Straftat wären, sagt Roth und fordert deshalb ein Verbot von besonders schmerzhaften Eingriffen, da diese ihrer Meinung nach «kaum einen Erkenntnisgewinn bringen».

Ohne Tierversuche kein Corona-Impfstoff

Nicht nur die Tests, auch die Tierhaltung stösst auf Kritik. Labortiere würden ihr ganzes Leben lang artwidrig gehalten. Besonders schlecht ergehe es Labormäusen. «Sie dürfen auf einer neunmal kleineren Fläche gehalten werden, als in privater Haltung erlaubt ist», sagt Roth.

An der Universität Zürich wird zurzeit an 487 bewilligten Tierversuchen geforscht, über 90 Prozent davon mit Mäusen und Ratten. Um so wenig Tiere wie möglich zu belasten, habe sich die Universität Zürich zur Umsetzung des 3R-Prinzips verpflichtet und dafür eine Koordinatorin eingestellt, sagt Uni-Sprecherin Melanie Nyfeler. «Wir setzen wo möglich auf tierversuchsfreie Studien, reduzieren die Anzahl Tiere auf das Minimum oder versuchen die Belastung zu vermindern und die Lebenssituation zu verbessern», sagt Nyfeler.

Jeder Versuch werde von einer Tierversuchskommission geprüft und bewilligt. In dieser seien auch Tierschützer vertreten. Bei der Entwicklung gewisser neuer Medikamente seien Tests mit Tieren immer noch gesetzlich zwingend, sagt Nyfeler und nennt ein Beispiel: Einen Impfstoff gegen das neue Coronavirus werde es ohne Tierversuche nicht geben.