Bezirksgericht

Machtgehabe gegenüber Wehrlosen

Ein heftiger Tritt ins Gesicht eines Liegenden – dafür bekommt ein junger Täter eine bedingte Gefängnisstrafe.

Der Beschuldigte wird vom Bezirksgericht zu einer Strafe von 20 Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Sie wird allerdings auf vier Jahre bedingt ausgesprochen.

Der Beschuldigte wird vom Bezirksgericht zu einer Strafe von 20 Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Sie wird allerdings auf vier Jahre bedingt ausgesprochen. Bild: Keystone

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Der heute 20-jährige Beschuldigte trägt bei der Gerichtsverhandlung dick besohlte schwarze Schuhe. Die Vorstellung, damit einen Tritt ins Gesicht zu bekommen, tut weh. Der Kick, den der Beschuldigte seinem Opfer verpasste, war so heftig, dass sein Fuss anschwoll. Was für Schuhe der Beschuldigte bei dieser Tat trug, ist nicht Gegenstand der Verhandlung. Die Richterin jedenfalls sagt: «Sie hatten bei allem Elend einen Schutzengel, dass der Geschädigte nicht lebensgefährlich verletzt wurde.» Deshalb wird der 20-Jährige nur der versuchten schweren Körperverletzung angeklagt, nicht der vollendeten. Auch wenn das Opfer ein Schädel-Hirn-Trauma erlitt und eine Kieferprellung, eine gebrochene Nase und eine mittelschwere Augenverletzung davontrug.

Die Tat ereignete sich vor einem Jahr vor den Restaurants am Neumarkt, nachts um halb zwölf. Der Beschuldigte und zwei Kollegen gerieten mit einem Mann in Streit. Die Auseinandersetzung begann mit Schimpftiraden. Auf die Frage der Richterin, weshalb der Streit ausgebrochen sei, sagt der Beschuldigte: «Der hat uns so dumm angeschaut.» Der Alkohol trug sein Übriges dazu bei. Es waren zwei, drei Bier, und «ein Captain Morgan», ein bei jungen Menschen beliebtes Rumgetränk.

«Sie hatten bei allem Elend einen Schutzengel, dass der Geschädigte nicht lebensgefährlich verletzt wurde.»Die Richterin

Die drei Kollegen beschlossen, dem Mann eine Abreibung zu verpassen. Der Beschuldigte schlug den Mann nieder. Als dieser aufstehen wollte, trat er ihn heftig ins Gesicht. Warum? «Ich hatte keinen Grund. Ich war betrunken und spürte eine grosse Wut in mir», sagt der Beschuldigte. Demgegenüber hat die Richterin eine psychologische Erklärung für das Verhalten des Täters: «Das ist ein Machtgehabe gegenüber Wehrlosen.»

Zur Körperverletzung hinzu kommt noch eine Anklage wegen unerlaubten Waffenbesitzes. Der Beschuldigte hatte sich ein grosses Klappmesser und ein Elektroschockgerät verschafft, diese Waffen jedoch nie eingesetzt.

Schicksalsschlag

Bis 2016 durchlebte der Beschuldigte eine unauffällige Kindheit und Jugend. Damals war er als Maurer im zweiten Lehrjahr. Zu dieser Zeit wollten sich die Eltern scheiden lassen. Gleichzeitig erkrankte die Mutter an einem tödlichen Krebs. Der Beschuldigte beteiligte sich an der Pflege der Mutter. Darum ging er nur noch drei Tage in der Woche zur Arbeit. Der Lehrmeister duldete das nach zwei Monaten nicht mehr und entliess den jungen Mann.

Abgekürztes Verfahren

Die Verhandlung vor dem Bezirksgericht wird in einem abgekürzten Verfahren durchgeführt. Das heisst, der Beschuldigte legt ein vollumfängliches Geständnis ab. Dieses stimmt mit den Ergebnissen der Ermittlung durch den Staatsanwalt überein.

«Insgesamt sind Sie mit 20 Monaten gut davongekommen»Die Richterin

Alle Parteien, also Täter und Opfer, stimmen dem abgekürzten Verfahren zu. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, macht der Staatsanwalt einen Urteilsvorschlag. Strafmass und Schuld sind darum im abgekürzten Verfahren nicht Gegenstand der Verhandlung.

Echte Reue

Im vorliegenden Fall folgt das Gericht dem Urteilsvorschlag des Staatsanwalts. Der Beschuldigte wird zu einer Strafe von 20 Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Sie wird auf vier Jahre bedingt ausgesprochen. Der Täter muss also nicht ins Gefängnis. Mit seinem Opfer hat er sich auf eine Entschädigung von 8500 Franken geeinigt. Dazu kommen Gerichts- und Anwaltskosten von rund 5000 Franken. «Insgesamt sind Sie mit 20 Monaten gut davongekommen», sagt die Richterin dem Verurteilten.

Der Hauptgrund für das milde Urteil: Das Geständnis des Täters ersparte dem Staatsanwalt weitere komplizierte Beweisaufnahmen. Ausserdem hat der Täter inzwischen einen seriösen Lebensweg eingeschlagen. Er ist im zweiten Lehrjahr als Metallbauer und möchte später ein Fachstudium anschliessen. Seine Tat bereut er aufrichtig. Die Richterin dazu: «Den meisten, die Reue zeigen, glauben wir nicht. Ihnen schon.» Der Tod der Mutter hingegen spielte für die Strafmilderung nur eine kleine Rolle.

Erstellt: 01.11.2018, 11:19 Uhr

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