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Wiederbeginn der Premier LeagueLiverpools ungebremster Flug zum Titel

Am Mittwoch geht in England die Fussballsaison weiter – in Newcastle ist Fabian Schär auch deshalb froh darüber, weil der FC Liverpool so den sehnsüchtig erwarteten Meistertitel gewinnen kann.

Mohamed Salah hat massgeblichen Anteil am Meistertitel, der Liverpool kaum mehr zu nehmen ist.
Mohamed Salah hat massgeblichen Anteil am Meistertitel, der Liverpool kaum mehr zu nehmen ist.
Foto: Getty Images

An der berühmten Shankill Road in Belfast gibt es die fast so berühmte Rex Bar, es ist ein abgelebtes Pub im Zentrum der königstreuen Nordiren. In einer Ecke sitzt eine Mumie, einen Liverpool-Schal um den Hals und vor sich eine Botschaft auf dem Tisch: «Ich sitze hier, bis Liverpool die Meisterschaft gewinnt.»

30 Jahre ist es inzwischen her, dass der FC Liverpool seinen letzten Meistertitel gewann, es war der elfte allein innerhalb von 17 Jahren. 30 Jahre, in denen er zwar zweimal die Champions League gewann, dreimal den FA-Cup und viermal den Ligacup, nur zu dem Titel hat es nicht gereicht, der für ihn mehr zählt als alles andere.

Aber jetzt ist die Chance so gross wie nie, um die Sehnsucht zu stillen und das Erbe von Kenny Dalglish, Ian Rush und Co. anzutreten. Bevor am Mittwoch die Premier League mit zwei Nachtragsspielen ihren Betrieb wieder aufnimmt, fehlen dazu noch zwei Siegezwei Siege in neun Spielen, sofern denn Manchester City als letzter verbliebener Verfolger sein ganzes Programm makellos absolviert. Der Gewinn des 19. Titels der Clubgeschichte ist unvermeidbar. «Es ist praktisch schon fix», sagt Fabian Schär, der Schweizer Nationalspieler bei Newcastle United.

«Ich sitze hier, bis Liverpool die Meisterschaft gewinnt» – in der Rex Bar in Belfast.
«Ich sitze hier, bis Liverpool die Meisterschaft gewinnt» – in der Rex Bar in Belfast.
Foto: Tom Ship

82 von 87 Punkten hat Liverpool vor dem Ausbruch der Corona-Krise gewonnen, 25 Punkte liegt es vor Titelverteidiger Manchester City. Bei all diesen Zahlen geht vergessen, dass es von den letzten sechs Spielen vor dem Saisonunterbruch vier verloren hat und in Champions League sowie FA-Cup ausgeschieden ist. Das sind Nichtigkeiten auf dem Weg zur grossen Erlösung. Steven Gerrard sagt bei «The Athletic» darum schon einmal: «Jürgen Klopp ist der beste Trainer der Welt.»

Gerrard ist selbst das, was in der Welt von Anfield als Ikone bezeichnet wird, 710 Spiele bestritt er bis 2015 für die Reds, er war zwölf Jahre ihr Captain und gewann mit ihnen die Champions League. Inzwischen ist er in Schottland Trainer der Glasgow Rangers. Von Liverpool, dem Club seit seiner Jugend, ist er trotzdem weiterhin Fan, und weil er das ist, sagt er: «Man sollte beginnen, an einem Denkmal für Klopp zu arbeiten.»

Klopp übernahm die Mannschaft im Oktober 2015, damals lag sie auf Platz 10, sie war nur schon weit entfernt davon, zu den Top 4 zu gehören. In der ersten Saison verlor sie die Endspiele in der Europa League und im Ligacup und zwei Jahre später auch in der Champions League. Und die Frage, die aufkam, lautete: Kann Klopp überhaupt noch Titel gewinnen?

Man sollte beginnen, an einem Denkmal für Jürgen Klopp zu arbeiten.»

Steven Gerrard, Liverpool-Ikone

Heute fragt das keiner mehr, vor einem Jahr beglückte der deutsche Charismatiker die Stadt an der Mersey mit dem Triumph in der Champions League, und nun also wird der Titel in der Premier League folgen. Nur eines wird anders sein: Es werden nicht mehr 500’000 Menschen sein, die die Strassen der Stadt bei der Parade ihrer Mannschaft fluten, es dürfte gar keiner mehr da sein, weil der Bürgermeister der Stadt wegen Corona jegliche Feierlichkeiten verboten hat.

Aus Newcastle meldet Fabian Schär, dass die Beendigung der Saison nur schon wegen Liverpool wichtig sei. Ein Abbruch wäre «extrem bitter» gewesen, sagt er, das hätte ihm «extrem leid» getan für den Club, für die Stadt, wo sehnlichst auf den Titel gewartet werde. Er lässt auch keinen Zweifel zu, dass Liverpool diese Saison die beste Mannschaft hat. Die Einzelspieler: «Überragend. Von hinten bis vorne gibt es Topspieler, die den Unterschied ausmachen.» Die Taktik, die Spielweise, das Pressing: «Das alles macht es extrem schwierig, gegen sie zu spielen.»

Der wirtschaftliche Druck

Schär ist nicht nur wegen Liverpool froh, dass es weitergeht. Er fragt sich wohl, wie das sein wird in diesen vielen grossen Stadien, die leer sein werden, wie alles abläuft und sich alles anfühlt. Und doch sagt er: «Irgendwie fertig zu spielen, ist besser, als alles zu streichen. In der Bundesliga sieht man ja, dass es funktioniert. Es steht zu viel auf dem Spiel.»

Der wirtschaftliche Druck auf den 20 Clubs der Premier League ist immens. Rund 1,2 Milliarden Franken an Einnahmen aus Fernsehen und Sponsoring hätten sie verloren, wenn die verbliebenen 92 Spiele ausgefallen wären. Auch so wird der Verlust gross sein, den sie wegen Corona zu verkraften haben. Er wird auf 550 Millionen geschätzt.

Fabian Schär fühlt sich in Newcastle wohl.
Fabian Schär fühlt sich in Newcastle wohl.
Foto: Ben Spriggs

Die Spieler haben seit dem Unterbruch auf Lohn verzichtet und werden das noch bis zum Saisonende tun. Gewerkschaftsmässig haben sie das so geregelt, dass es alle Spieler aller Clubs prozentual gleich trifft. So sagt das Schär. Und er berichtet davon, wie auch in Newcastle der Club lokal das Gesundheitssystem und die Bedürftigen mit Essen unterstützt hat.

Das Leben ist auch in Newcastle derzeit ohne besonderes Flair. Erst am Montag haben einzelne Läden wieder öffnen dürfen, die Restaurants und Pubs, die so wichtig sind für das Leben in dieser Stadt, bleiben voraussichtlich noch bis zum 4. Juli zu. Auch auf dem Trainingsgelände der United ist die Kantine bis heute ausser Betrieb. Selbst die Garderoben sind aus hygienischen Gründen geschlossen. «Wir essen daheim, wir duschen daheim», sagt Schär. Selbst als es regnete und die Trainingskleider durchnässt waren, gab es keine Ausnahme.

Die Langeweile bekämpft

Schär beklagt sich über nichts, er erzählt nur, auch von der Langeweile, die ihn manchmal überfiel, als er nur daheimsitzen konnte und sich allein fit halten musste, indem er auf der Strasse joggte oder über Video mit einem Fitnesstrainer arbeitete. Er hat versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Das Resultat lässt ihn immerhin sagen: «Ich fühle mich sehr fit. Ich habe das gut gemeistert.»

Bislang hat er eine Saison hinter sich, die für ihn durchwachsen verlaufen ist, «mit Auf und Ab», sagt er. Im Herbst war er am Innenband verletzt, das neue Jahr begann er mit einer Muskelverletzung am Oberschenkel. Das machte es für ihn nicht einfach, der unbestrittene Stammspieler in der Verteidigung zu sein, der er in der Saison zuvor gewesen war. Er hat schon elf Spiele verpasst, seit Anfang Jahr hat er in der Liga nur 109 Minuten gespielt. Das ist für ihn vorbei, auch deshalb sagt er: «Ich freue mich, dass es jetzt weitergeht.»