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In einer Welt ohne CoronaLiverpools gebrochener Bann und der effiziente Mr. Shaqiri

So hätte es am Wochenende sein können: Der FC Liverpool gewinnt seinen ersten Meistertitel seit 30 Jahren. Mittendrin ist ein Schweizer Titelhamsterer.

Wenn es irgendwo eine Medaille abzuholen gibt, ist er eigentlich immer dabei: Xherdan Shaqiri, frisch gebackener englischer Meister mit dem FC Liverpool.
Wenn es irgendwo eine Medaille abzuholen gibt, ist er eigentlich immer dabei: Xherdan Shaqiri, frisch gebackener englischer Meister mit dem FC Liverpool.
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Ihn lieben sie auf der Insel für seine trockenen Sprüche und seinen krachenden Offensiv-Fussball: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp.
Ihn lieben sie auf der Insel für seine trockenen Sprüche und seinen krachenden Offensiv-Fussball: Liverpool-Trainer Jürgen Klopp.
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30 Jahre des Wartens sind genug. Die Fans des FC Liverpool feiern  ihre Mannschaft – und auch ein wenig sich selbst.
30 Jahre des Wartens sind genug. Die Fans des FC Liverpool feiern ihre Mannschaft – und auch ein wenig sich selbst.
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Natürlich spielt er auch an diesem grossen Nachmittag höchstens eine winzige Nebenrolle. Und doch ist er irgendwie trotzdem wieder mittendrin, als ein richtig wichtiger Titel verteilt wird.

30 Jahre ist es her seit der letzten englischen Meisterschaft für den FC Liverpool. Am Sonntagabend um 19.33 Uhr brechen die «Reds» diesen Bann. Und jetzt, da sich weltweit Liverpool-Fans nicht nur freudetrunken in den Armen liegen, lächelt irgendwann auch Xherdan Shaqiri mit dem Pokal in der Hand in die Kameras.

Der kleine Schweizer ist zu einem echten Phänomen geworden. 13 Titel hat er in 9 Saisons gehamstert, seit er vom FC Basel in die grosse Welt gezogen ist. Meistertitel, Königsklasse, Weltpokale – alles dabei.

Dass er jeweils mit relativ wenigen Einsatzminuten zu seinen Medaillen kommt? Hat der findige Mr. Shaqiri gleich nach Spielschluss in einem recht witzigen Beitrag auf Instagram verarbeitet. «13 Titel mit 3763 Spielminuten?», steht da: «Das macht bloss 3,2 Spiele pro Pokal. XS = der effizienteste Spieler der Welt!»

Guardiolas Netflix-Taktik

Die grossen Geschichten des 2:1-Auswärtssiegs seines FC Liverpool bei Manchester City aber schreiben andere. Pep Guardiola etwa, der nun abgelöste Meistertrainer, der mit einem 2-3-5-System alle überrascht. Im Spiel ballen sich die City-Spieler dann zu einem rugby-artigen Pulk um den Ball zusammen und treiben ihn nach vorn.

Er sei durch «The English Game» inspiriert geworden, erklärt Guardiola nach Spielschluss. Die Netflix-Serie handelt vom Fussball in den 1880er-Jahren, in denen das Passspiel noch als modernes Zeugs gilt. «Wer braucht Pressing und Gegenpressing, wenn die Spieler sowieso alle rund um den Ball herumrennen?», fragt ein sichtlich begeisterter Guardiola.

Gegen ein nervöses Liverpool scheint diese Rudelstrategie lange Zeit tatsächlich zu fruchten. Auch wenn es ein paar Minuten dauert, bis feststeht, wer aus dem City-Pulk den Ball in der 32. Minute zum 1:0 über die Linie würgt. Am Ende wird Sergio Agueros Schienbein als entscheidend ausgerufen.

Salahs Einfluss auf Gewalt gegen Muslime

Das Team von Jürgen Klopp ist lange durch die Saison getanzt, als würden alle Zweifel die Köpfe der Spieler verlassen, sobald sie das rote Trikot überziehen. Aber nun, da der Meistertitel zum Greifen nahe ist, scheint das negative Liverpooler Kopfkino doch anzulaufen.

Gedanken werden wach an letzte Saison, als selbst 97 Punkte nicht reichten, um Meister zu werden, weil City noch einen Zähler mehr holte. Oder an 2014, als Clublegende Steven Gerrard mit einem ebenso uneleganten wie epischen Plumps auf den Hosenboden die Meisterträume platzen liess.

Aber diesmal hat Liverpool Spieler, die nicht unter dem Druck zerbrechen. Spieler wie Mohamed Salah. Letztes Jahr hat die Stanford University in einer Studie festgestellt, dass der Stürmer an der Merseyside auch neben dem Platz einen positiven Einfluss hat: Die Zahl der rassistisch motivierten Verbrechen gegen Muslime hat in der Region seit Salahs Ankunft im Jahr 2017 um zwanzig Prozent abgenommen.

Der Ägypter sorgt an diesem Sonntag dafür, dass dieser Trend weiter anhalten dürfte. Und wohl auch dafür, dass Guardiolas Retro-Taktik doch wieder in der Schublade verschwindet. Der einstige Stürmer des FC Basel enteilt nach einem Befreiungsschlag dem geballten Haufen der Mancunians – und trifft in der 85. Minute zum 1:1.

Natürlich hat auch der VAR seinen Auftritt

Und dann, ja dann kommt der Video-Schiedsrichter zu seinem Auftritt. Geschlagene zwölf Minuten dauert es, bis aus dem 2:1 für Manchester ein Elfmeter für Liverpool wird. Erst jubelt Aguero über seinen vermeintlichen zweiten Treffer – er hat den Ball im Fallen mit dem Bauch ins Tor gedrückt. Aber dann ist in der 34. Kamera-Einstellung zu Beginn des Angriffs ein Handspiel von Nicolas Otamendi im City-Strafraum zu erahnen. James Milner verwandelt in der 102. Minute zum 2:1 für Liverpool und sichert sieben Runden vor Saisonende den Meistertitel.

Als der alkohol-geduschte Meistertrainer Klopp danach vor einer Kamera steht, meint er: «Was sind schon zwölf Minuten Wartezeit, wenn 30 Jahre des Leidens beendet werden?» Und als er gefragt wird, ob ihn die Nervosität nicht fast aufgefressen habe, zeigt er sein berühmtes Grinsen: «Nervös war ich in meinem Leben bloss bei meinem Abitur – aber da war ich auch scheisse vorbereitet.»

Es sind diese trockenen Sprüche, für die Klopp auf der Insel geliebt wird. Und so reibt sich der «Guardian» verwundert die Augen: «Deutsche und der FC Liverpool galten in weiten Teilen Englands lange als zwei der ungeniessbarsten Dinge, die es im Fussball geben kann. Und jetzt macht ausgerechnet ein Deutscher die Reds zu einer Mannschaft, die man einfach gern haben muss.»

*In unserer Serie «In einer Welt ohne Corona» lassen wir Sie in das fiktive Sportgeschehen eintauchen – total aktuell und total erfunden.

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