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Kolumne «Heute vor»Lieber ein Kinofilm als ein Neujahrsapéro

Filme schauen im neuen Lichtspieltheater oder der Besuch eines Turnerchränzlis: Vor 100 Jahren war dies fester Bestandteil des Neujahrstags.

Aus dem Archiv der «Zürichsee-Zeitung».
Aus dem Archiv der «Zürichsee-Zeitung».
Illustration: Olivier Samter

Das gemeinsame Anstossen zum Jahreswechsel in den Sälen der Gemeinden rund um den Zürichsee fiel in diesem Jahr wegen der Corona-Krise aus. Ein Tiefschlag für diese langjährige Tradition? Nun, vor 100 Jahren waren solche Anlässe ebenfalls noch nicht en vogue, wie ein Blick in die ersten Zeitungsausgaben im Jahr 1921 zeigt. Andere Veranstaltungen erregten mehr Aufmerksamkeit: am rechten Seeufer etwa die Kränzchen der Turnvereine von Erlenbach und Stäfa am Neujahrstag. «Mit La Tamburella, einem italienischen Tanzreigen, führten uns vier Paare ein Bild voll südländischer Eleganz und Pracht vor Augen, das nicht sobald vergessen wird», schreibt die rechtsufrige «Zürichsee-Zeitung» über den Anlass im «dicht angefüllten Kreuzsaale in Erlenbach». Der Wirt erhielt vom Berichterstatter ebenfalls ein Kränzchen: Obwohl das Bankett wegen einer Programmänderung hinausgeschoben wurde, habe er «mit seinem reichlich und gut servierten Essen die überall etwas knurrenden Magen vollauf befriedigt». Und zur Abendunterhaltung im dicht gefüllten Rössli-Saal in Stäfa heisst es: «Wo Jugendkraft, Gewandtheit und kecker Wagemut sich zu gemeinsamer Arbeit vereinen, fühlt sich auch das Alter hingezogen.»

In Horgen dagegen sorgte ein neues Kino für Aufsehen. In den 1910er-Jahren entstand diese populäre Unterhaltungsform, und just am 1. Januar 1921 wurde ein «Corso-Lichtspiel» auch in Horgen eröffnet, wie dem «Anzeiger des Bezirkes Horgen» zu entnehmen war – und dies «nach langen Schwierigkeiten mit der behördlichen ‹Zensur›, technischen Widerwärtigkeiten aller Art, Lieferungsverzögerungen, kurz, all den Chicanen und kleinlichem Kram, die dem Schöpfer eines noch vielfach mit scheelen Augen verfolgten Unternehmens das Leben verbittern». Der Berichterstatter spricht von einem Schmuckkästchen, das seinem Ersteller, Herrn Viktor Knecht, alle Ehre mache. «Nun haben wir also ein ständiges Kino, und wenn der Unternehmer sein Programm auf der gleichen Höhe hält wie seine Eröffnungsnummer, so kann er sich Freunde werben, auch aus jenen Kreisen, die bisher noch ablehnend dieser Art Unterhaltung gegenüberstehen.» Man dürfe mit Interesse der weiteren Entwicklung dieses Unternehmens sowie der Unterhaltungsform Lichtspiel entgegensehen. Der Erfolg der Kinobranche bis in die Gegenwart ist unbestritten. Die Zeiten, in denen ein Kino in Horgen betrieben wird, sind indes schon länger vorbei.